Nach langer Pause trainiert Michael Ballack wieder, andere Nationalspieler wie Torsten Frings, Bernd Schneider und Christian Pander müssen sich noch gedulden.
Der große Tag könnte der 16.Dezember sein. Ort: Emirates Stadium, London. Zeit: 17 Uhr. Dann tritt der FC Arsenal zum Derby gegen den FC Chelsea an, und Michael Ballack hofft darauf, dass ihn sein Trainer Avram Grant an diesen 16. Spieltag der Premier League endlich wieder vom Zuschauer zum Darsteller befördern wird. Es würde die Erlösung aus der längsten Stillstandsphase seiner mittlerweile 14 Jahre währenden Karriere bedeuten.
Zur Zeit weiß zwar niemand, ob Ballack tatsächlich an jenem Sonntag wieder zu Chelseas Kader oder gar zur Startelf gehören wird, und er selbst wird garantiert der letzte sein, der sich auf dieses oder sonst ein Datum festlegen wird. Aber stille Erwartungen bestehen, und das Duell der Londoner Klubs, das die halbe Welt vor dem Fernseher zusammenführen wird, wäre der geeignete festliche Rahmen für die Rückkehr auf den Platz - fast acht Monate nach Beginn der Verletzung, die sich zur mysteriösesten Knöchelblessur Deutschlands entwickelte.
Belastung bei 90 Prozent
Bis dahin jedoch wird Ballack das tun, wofür Trainer ihre Spieler besonders schätzen: trainieren, trainieren, trainieren - und den Mund halten. Trainieren gehört erwiesenermaßen nicht zu Ballacks Lieblingsbeschäftigungen, in diesen Tagen allerdings schon. Sein Wiedereinstieg ins Übungsprogramm mit Ball, im Kreis der Mitspieler, wurde vom Haussender Chelsea TV als Erfolgsmeldung verbreitet und von ihm selbst entsprechend kommentiert. Auch der Bundestrainer hat die Nachricht gern gehört, obwohl er durch den Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ständig auf dem Laufenden war über den Stand der Genesung. "Michael macht permanent Fortschritte", sagt Joachim Löw, "ab 2008 rechne ich wieder fest mit ihm." Derzeit absolviert Ballack, der am Wochenende im Kreis der Nationalmannschaft zu den Prämienverhandlungen für die EM 2008 erwartet wird, im Klubzentrum in Cobham den üblichen englischen nine-to-five-Arbeitstag: trainieren, Rehabilitation, Mittagessen in der Kantine, trainieren. Der Belastungsstand wird bei 90 Prozent angesiedelt, und das ist für Löw ohnehin "die wichtigste Information: dass er gesund ist, dass es keine Folgeschäden gibt".
Daran hat mancher ja kaum noch glauben wollen, die Schlagzeilenblätter hatten bereits vom Ende der Karriere geraunt. Eine Menge Un- und Halbwahrheiten über die Krankengeschichte wurden verbreitet, was Ballacks Hamburger Rechtsanwalt und der Pressekammer des dortigen Landgerichts einige Arbeit verschaffte. Rückblickend lässt sich wohl sagen, dass in der Ungeduld, die in der Öffentlichkeit, vor allem aber bei Ballacks Arbeitgeber herrschte, die Ursache der Komplikationen zu suchen ist. Das begann bereits am Unglückstag. Nachdem Ballack sich am 22. April im Ligaspiel gegen Newcastle ausgetauscht werden musste, befand Chelseas Klubarzt, der Patient werde sich bei ein wenig Aquajogging schon erholen und könne bei der nächsten Partie wieder mitmachen. Schließlich befand sich José Mourinho mit seiner Mannschaft in akutem Stress: Das Halbfinale in der Champions League gegen Liverpool stand an, das Duell mit Manchester United um Titel und Pokal ging ins Finale. Erst Müller-Wohlfahrt in München erkannte den wahren Schaden - eine auf den Nerv drückende Knochenabsplitterung - und veranlasste eine sofortige Operation. In den folgenden Wochen und Monaten wurden dann immer wieder neue Fristen für den Wiedereinstieg gesetzt, anstatt der Heilung Vorrang und Zeit zu geben.
»Ich kann mich da nur wiederholen. Es ist unabdingbar, in den Trainerstab zu investieren - es braucht Spezialisten, die den Spielern Vorgaben machen und sie auch überwachen.«
Bundestrainer Joachim Löw
Mit diesem Problem ist Ballack kein Einzelfall, eher ein Musterbeispiel. Joachim Löw muss bei den letzten beiden Länderspielen des Jahres auf mehrere Akteure verzichten, die an ihrer Unentbehrlichkeit im Klub leiden. Torsten Frings zum Beispiel, der nach seiner Ende Juli erlittenen Knieverletzung Anfang Oktober wieder für Werder spielte, drei Wochen später aber erneut krank geschrieben wurde. Eingehende Untersuchungen ergaben, dass das Knie doch noch nicht so gesund sei wie angenommen, hieß es in Bremen. Nun fehlt er bis zur Rückrunde. Christian Pander spielte in Schalke wochenlang unter Schmerzen mit einem Bluterguss im Oberschenkel, weil auf seinem Posten keine Alternative zur Verfügung stand. Nach einer Zwangspause fing er, wie er dann selbst befand, zu früh wieder an, inzwischen setzt ihn eine Innenbanddehnung matt. In Leverkusen erlebt Bernd Schneider die längste Verletzungspause seiner Karriere, auch ihn traf nach der Mitte September erlittenen Verletzung der Wille seines Klubs auf schnelle Gesundung. Das erste Bulletin war eine Art Wunschvorstellung: Von einem Bluterguss war die Rede, Physiotherapeut Trzolek aktivierte bereits seine berüchtigten Blutegel; das wahre Problem - ein Außenband-Schaden - wurde erst Wochen später erkannt.
Zu schnell, zu unvorsichtig
Geraten die Vereinsärzte unter Systemzwang und Erfolgsdruck? Er vermisse bei den Spitzenprofis den "langsamen, vorsichtigen Aufbau" nach Verletzungen, sagt Löw vorsichtig, wissend, dass Kritik an den Klubs und deren Medizinpolitik gefährlich ist. Die Klubs müssten sich fragen, was sie ihrem Personal zumuten können, "aber auch die Spieler müssen lernen, nein zu sagen". Ottmar Hitzfelds Rotation, derzeit das große Politikum in München, hält der Bundestrainer für unerlässlich: "Ein Klose, Ribéry und Toni müssen in drei Wettbewerben Top-Leistungen bringen, aber das geht nicht in allen 60 Spielen. Die Dosierung zwischen Belastung, Regeneration und Training muss stimmen." Zur Abwehr von Verletzungen und zum Wiederaufbau, bräuchten die Klubs einfach mehr Fachpersonal, meint Löw: "Ich kann mich da nur wiederholen. Es ist unabdingbar, in den Trainerstab zu investieren - es braucht Spezialisten, die den Spielern Vorgaben machen und sie auch überwachen. Das ist wichtiger, als ständig noch einen Spieler und noch einen Spieler zu kaufen."








