Bundes-Torwarttrainer Andreas Köpke über die Rangfolge der deutschen Torhüter und die DFB-Zukunft von Jens Lehmann.
Andreas Köpke (Mitte) tröstet hier Jens Lehmann nach dem WM-Aus gegen Italien, Oliver Kahn hält ein wenig Abstand. Foto: ddp
SZ: Herr Köpke, wie geht es Jens Lehmann?
Köpke: Es geht ihm sehr gut.
SZ: Am Samstag, direkt nach dem Irland-Spiel, sah er total geschafft aus.
Köpke: Das war ein intensives Spiel, das für jeden an die Substanz ging. Jens war or dem Spiel angespannter als sonst, er hat sich extrem unter Druck gesetzt.
SZ: Er hat natürlich auch die jüngste Debatte um seine Person mitbekommen.
Köpke: Eine echte Debatte war das eigentlich nicht, es war mehr so ein untergründiges Grummeln, aber klar, sowas kriegt man als Torhüter mit.
SZ: Täuscht der Eindruck, oder ist Jens Lehmann im Moment kantig und sehnig wie selten zuvor?
Köpke: Nein, das täuscht nicht. Jens hat seine Ellbogenverletzung genutzt, um bei Arsenal gezielt zu trainieren. Jens hat gepowert, er war im Kraftraum, hat Sprungkraft geübt und Explosivität. Für sein Alter ist er sehr, sehr fit, und auch seine jüngste Verletzung hat uns keine Sorgen bereitet. Wenn das mit Verschleiß zu tun hätte, müsste man sich Gedanken machen. Aber er hat einfach einen Schlag auf den Ellbogen bekommen.
SZ: Wird Lehmann am Wochenende gegen Bolton im Tor des FC Arsenal stehen?
Köpke: Das kann ich nicht beantworten.
SZ: Wer Lehmann am Samstag in Irland sah, kann sich kaum Gründe vorstellen, ihn nicht aufzustellen.
Köpke: Arsene Wenger wird vielleicht sagen, er hat wenig Gründe, Almunia aus dem Tor zu nehmen. Arsenal hat die letzten Spiele mit ihm gewonnen.
SZ: Ist der Almunia denn so gut?
Köpke: Das ist kein schlechter Mann, aber er ist auch alles andere als ein überragender Torwart. Würde ich jetzt mit enger sprechen, würde ich sagen: Wie kannst du nur Jens draußen lassen?
SZ: Ist es Ihre Pflicht, sich bei Arsenal auszukennen, oder ist es Ihre Pflicht, sich da rauszuhalten?
Köpke: Es ist meine Pflicht, mich erst auszukennen und dann rauszuhalten.
SZ: Sie suchen keinen Kontakt?
Köpke: Aktuell nicht, aber im Prinzip haben wir zu Wenger einen sehr guten Draht. Im Sommer war ich zwei Tage im Arsenal-Trainingslager in Österreich.
SZ: Hatten Sie da das Gefühl, dass Wenger auf Lehmann setzt?
Köpke: Absolut, und eigentlich hat Wenger es Jens vor der Saison auch ganz klar gesagt, dass er die Nummer eins ist.
»Im Ausland werden deutsche Torhüter sehr geschätzt, trotzdem muss man sich an eine andere Spielweise gewöhnen.«
Andreas Köpke
SZ: Warum spielt er dann nicht?
Köpke: Wenger hat auch gesagt, dass er ganz genau hinschauen wird, ...
SZ: ... und dann hat Lehmann zu Saisonbeginn zwei dicke Fehler gemacht...
Köpke: ... ja, vielleicht war die Spannung bei ihm noch nicht so hoch, zu Saisonbeginn wäre sowas nur menschlich. Aber sobald Jens Druck verspürt, wächst er über sich hinaus. Das war beim Duell mit Oliver Kahn so, das war jetzt beim Spiel in Irland so. Das war ein schwieriges Spiel für ihn, er wollte allen zeigen: Leute, es gibt hier keine Torwartdiskussion! Die Spannung muss hoch sein, das ist das, was Jens braucht.
SZ: Das heißt, im Grunde ist Ihnen das gar nicht so unrecht, wenn Lehmann bei Arsenal unter Druck steht?
Köpke: Ich finde das gut. Er weiß genau, dass er nicht nachlassen darf.
SZ: Aber spielen sollte er schon.
Köpke: Wir haben immer gesagt, dass wir bei der EM einen Torwart brauchen, der Spielpraxis hat.
SZ: Ein Ultimatum?
Köpke: Was soll Jens denn machen? Er könnte im Moment nicht mal den Verein wechseln. Ich gehe davon aus, dass Jens über kurz oder lang spielen wird, deshalb ist er auch am Montag nach London gereist. Er soll am Mannschaftstraining teilnehmen, er soll sich zeigen.
SZ: Was heißt Spielpraxis konkret? Würde es reichen, wenn der EM-Stammtorwart die Rückrunde durchspielt?
Köpke: Das würde reichen.
SZ: Auch bei Timo Hildebrand können Sie nicht sicher sein, dass er beim FC Valencia spielt. Wie ist seine Lage?
Köpke: Er scheint sich durchgesetzt zu haben, aber auch da muss man abwarten. Canizares, sein Konkurrent, hat ja eine Lobby im Verein, er ist die ewige Nummer eins und bei den Fans beliebt. Aber so wie ich die Situation in Valencia verfolge, gibt es überhaupt keinen Grund, Timo aus dem Tor zu nehmen. Canizares war angeblich fit beim letzten Spiel, hat sich aber nicht auf die Bank gesetzt.
SZ: Ist das nicht eine ziemlich seltsame Situation? Einerseits haben Sie als DFB-Torwarttrainer eine einmalige Auswahl erstklassiger Keeper. Andererseits wackeln die Nummer eins und die Nummer zwei in ihren Klubs.
Köpke: Das liegt eben daran, dass beide im Ausland spielen. Im Ausland werden deutsche Torhüter sehr geschätzt, trotzdem muss man sich an eine andere Spielweise gewöhnen. Ich erinnere mich an meine Zeit bei Marseille: Aus der Bundesliga war ich es gewohnt, dass beim Abwerfen keiner den Ball wollte. In Frankreich haben sich plötzlich fünf Spieler angeboten, ich hatte aber nur einen Ball.
SZ: Nach Lehmanns Sperre fürs Tschechien-Spiel ist nun Robert Enke nachnominiert worden. Ist er die Nummer drei?
Köpke: Im Moment. Richtig.
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