Warum der Ausstieg der öffentlich-rechtlichen Sender für viele Sportarten eine Existenzbedrohung ist - vor allem im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2008 in Peking.
Peking 2008: Verzicht auf die Berichterstattung? Foto: dpa
18.07.2007, 16:422007-07-18T16:42:00 CEST+0200
Warum der Ausstieg der öffentlich-rechtlichen Sender für viele Sportarten eine Existenzbedrohung ist - vor allem im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2008 in Peking.
Peking 2008: Verzicht auf die Berichterstattung? Foto: dpa
ARD-Programmdirektor Günter Struve war auf einer der vielen Sitzungen des Ersten, ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender bereitete sich in Berlin auf die "Was nun Sendung‘‘ mit Edmund Stoiber vor. Kurz vor elf Uhr bekamen beide Herren eine Eilmeldung gereicht: "Positive A-Probe bei T-Mobile-Profi Patrik Sinkewitz‘‘. Was nun, Brender/Struve? Am Wochenende hatten beide im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung ein Resüme der ersten Tour-Woche gezogen. "Wir haben uns entschlossen, das Thema Doping als Ehepaar durchzustehen‘‘, hatte Struve gefrotzelt. Jetzt war eine Familienentscheidung fällig.
Beide telefonierten mit Fachleuten in ihren Häusern, mit Anti-Doping-Agenturen, mit Fernsehkollegen im Ausland und auch miteinander. "Immerhin leben wir noch in einem Rechtsstaat‘‘, sagte Struve einem Anrufer. "Eine A-Probe ist noch kein endgültiger Beweis.‘‘ Aber beide waren sich dann rasch einig: Die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten über die Tour de France wird vorläufig ausgesetzt.
Bei beiden Sendern hatte es lange Diskussionen gegeben, ob die Tour angesichts des Doping-Generalverdachts gezeigt werden solle. Bei einer Sitzung im Juni hatte eine knappe Mehrheit des für Grundsatzfragen zuständigen ZDF-Fernsehrats gegen die Übertragung der Rundfahrt gestimmt. Die Abstimmung war aber nur eine Empfehlung gewesen, der nicht gefolgt wurde. Als die Intendanten der ARD in einer Schaltkonferenz über das Thema diskutierten, war nur Dagmar Reim vom Rundfunk Berlin-Brandenburg für einen sofortigen Ausstieg. Die Rundfahrt werde nicht sauber sein, mutmaßte die Intendantin.
Die Antwort auf die Frage, wann ein Ausstieg fällig sei, lag im Nebel. Weder ARD noch ZDF mochten den Punkt genau benennen. "Was brauchen Sie, um auszusteigen? Einen niederländischen Sprinter mit Eigenblut oder einen Kolumbianer auf Epo?" hatte die SZ den ARD-Programmdirektor gefragt. "Einer wird immer so was anstellen. Das System muss sich reinigen", lautete Struves etwas ausweichende Antwort, der auch Brender zustimmte.
"Aber der Fall Patrik Sinkewitz ließ keine andere Wahl mehr‘‘, sagte Brender am Mittwochmittag auf Anfrage. "T-Mobile hat sich zum Anti-Doping bekannt, es gab viele Kontrollen, und Sinkewitz sollte die neue Generation verkörpern, die angeblich sauber ist. Wem soll man jetzt noch glauben, wenn bei denen so was passiert?‘‘ Der Umgang des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit dem Thema ist schizophren und folgerichtig zugleich. Sport ist für die altersstarren TV-Sender eine Ware, mit der man das junge Publikum vor die Bildschirme locken kann. Sieben Jahre lang war die ARD Kooperationspartner des Teams Telekom, das etliche Doper in seinen Reihen hatte. Die "Eins" prangte auf den Trikots. "Sagt die Telekom, es gibt keinen Dopingfall, dann gibt es auch keinen Dopingfall für die ARD" sagte der ehemalige ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf.
Die Sender zeichneten sich in den ersten acht Etappen der Tour 2007 durch einigermaßen kritische Berichterstattung aus. Nur manchmal schimmerte die alte Zeit durch. Als der T-Mobile-Fahrer Linus Gerdemann ganz vorne lag, sagte ein TV-Reporter, nun werde hoffentlich das "Gezeter" über Doping aufhören. Rasch fügte er hinzu, dass "Aufklärung natürlich notwendig" sei.
Wenn sich der Verdacht gegen Sinkewitz bestätigt, wird nichts mehr wie vorher sein. ARD und ZDF haben schon vor Wochen eine Option für die Übertragung weiterer Radsport-Wettkämpfe abgelehnt. "Für die Veranstalter ist das eine wirklich Bedrohung", sagt Brender. Ohne das Fernsehen steigen auch die Sponsoren aus. Ein solcher Boykott hätte auch Auswirkungen auf ausländische Rennställe. Die Macht des Markts Deutschland dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Struve. Über einen möglichen Ausstieg bei der Tour wurde auch deshalb so erbittert diskutiert, weil ein solcher Schritt Konsequenzen für andere Sportarten haben kann.
Doping ist kein Phänomen des Radsports, sonder eine Seuche, die viele Bereiche befallen hat. Der frühere Zehnkämpfer Frank Busemann verweist auf eine Untersuchung, derzufolge allein 200.000 Breitensportler dopen. Alle Ausdauer- und Kraftsportarten sind gefährdet: Das gilt für so unterschiedliche Sportarten wie Gewichtheben und Biathlon, Schwimmen und Hallenhandball, Kugelstoßen und Fußball.
ARD und ZDF wollen von den Olympischen Spielen 2008 in Peking viele hundert Stunden übertragen, aber wenn der jetzt bei der Tour angelegte Maßstab gelten soll, müssten die Sender, teilweise jedenfalls, auf eine Berichterstattung von den Olympischen Spielen verzichten.
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