Französische Medien überbieten sich mit Lobeshymnen auf Karim Benzema. Der 20-Jährige gilt als "neuer Zidane" - hat aber ein brasilianisches Vorbild.
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Längst auf den Spuren von Zenedine Zidane: Frankreichs Karim Benzema. Foto: dpa
Neu in den Profikader aufgenommene Spieler müssen sich bei Olympique Lyon mit einer kurzen Rede vorstellen. Die etablierten Profis machen sich bei dieser Gelegenheit gerne über die rhetorisch unbeholfenen Frischlinge lustig. So war es auch im Januar 2005, als der 17-Jährige Karim Benzema erstmals vor die Stars trat; Michael Essien, Giovane Elber, Sylvain Wiltord und Florent Malouda lachten spöttisch. Der Junge aber blieb ganz cool und sprach dann mit fester Stimmung eine Drohung aus: "Ihr solltet lieber aufhören zu lachen. Denn ich bin gekommen, um Euren Platz wegzunehmen."
Gesagt, getan. Benzema, 20, hat in der abgelaufenen Saison Lyon als alleinige Spitze mit 20 Toren zur siebten Meisterschaft in Folge geführt und auch in der französischen Nationalmannschaft einen Stammplatz sicher. Während die großen Namen Thierry Henry und Nicolas Anelka um die zweite Sturmposition konkurrieren müssen, gehen Frankreichs Presse und Experten schon vor der EM die Superlative für den Nachwuchstorjäger aus. Le phénomène (das Phänomen), l'extraterrestre (der Außerirdische) und l'etoile Benzema (der Stern Benzema) nennen ihn die Medien.
"Er ist noch jung, kann aber schon alles"
"Beängstigend" findet Lyons Ex-Trainer Gérard Houllier sein Potenzial; für den ehemaligen Bayern-Stürmer Jean-Pierre Papin hat Benzema "keine Schwächen": "Er ist noch jung, kann aber schon alles. Er hat Spontanität und Frische in seinem Spiel und eine heute selten gewordene Unbekümmertheit vor dem Tor. Er hält einfach drauf. Ich sehe nichts, was ihn aufhalten kann." Benzema ist, ähnlich wie Mario Gomez, ein Brecher mit technischen Fähigkeiten. Zudem ist er aber auch noch außerordentlich schnell. Der perfekte Allrounder eben.
Geht es nach Arsenal-Trainer Arsène Wenger, der bekanntlich ein gutes Auge für Talente hat, braucht man die Spiele der tricolor gar nicht erst abzuwarten: "Benzema sollte die große Überraschung der EM werden. Er ist vor dem Tor in fantastischer Weise effizient und spielt auch wunderbar mit."
Wie immer, wenn ein französischer Spieler sich anschickt, in den Kreis der Weltelite vorzustoßen, ist natürlich auch diesmal vom "neuen Zinédine Zidane" die Rede. Benzema hat wie Zizou algerische Vorfahren, beide spielen mit der selben stoischen Ernsthaftigkeit auf dem Platz und es scheint tatsächlich nur noch eine Frage der Zeit, bis "Bigbenz", wie sie ihn in der Kabine rufen, Zidanes Rekordtransfer von Juventus zu Real Madrid 2001 für 75 Millionen Euro übertreffen wird.
Lyons Präsident Jean-Michel Aulas will seinen bis 2012 datierten Vertrag um zwei Jahre verlängern und die Ablösesumme auf 100 Millionen Euro festlegen. Als Manchester United im Frühjahr anfragte, rief Aulas 60 Millionen Euro auf: "Und dazu müssen sie uns noch Cristiano Ronaldo geben."
Lehrmeister Ronaldo
Benzema, der noch zusammen mit seinen Eltern in einem Lyoner Vorort lebt, schmeichelt der Vergleich mit Zidane, aber er hat ein ganz anderes Vorbild.
"In meinen Augen wird Ronaldo (der Brasilianer, Anm. d. Verf.) immer der Größte sein", sagt er. "Ich habe alle seine Tore für Barcelona hundert Mal auf DVD gesehen, da waren die unglaublichsten Dinger dabei. Und bei Inter war er sogar noch besser. Ich liebe Zidane und Henry ist fantastisch, aber Ronaldo ist mein Lehrmeister."
Kürzlich wurde er von seinen Kollegen in Frankreich zum Spieler des Jahres gekürt. Bei der Ehrenfeier blieb er genauso kühl wie im Strafraum. "Natürlich bin ich sehr glücklich", erklärte er hinterher, "aber ich will ja noch mehr erreichen. Mein Ziel ist, mich selbst zu übertreffen. Ich möchte in die Weltspitze kommen. Dafür muss ich noch viel lernen und viel tun".
Rekordmeister Lyon wird schon bald zu klein für seine Ambitionen sein, schon sehr bald. Aulas weiß, dass nach einer guten EM der blaue Chelsea-Panzer "OL" mit Pfundnoten bombardieren wird, und würde Abramowitsch am liebsten mit einem Rentenvertrag abschrecken: "Es wäre toll, wenn Karim bei uns bis 2045 unterschreibt", hat der Präsident gesagt. Der Stürmer wäre dann zwar 58. Vielleicht war das aber trotzdem ernst gemeint.
In unserer Serie "Frisch geschlüpft" stellen wir in den Wochen bis zur Europameisterschaft junge Talente vor, die bei der diesjährigen Euro den Sprung in die Reihe der internationalen Top-Stars schaffen könnten.
(sueddeutsche.de/pes)

