SZ: Sie haben wegen Ihres ramponierten Knies in dem Finale gar nicht mehr mitspielen können. Schlimm, oder?

Jeremies: Das hat man verdrängt. Es waren ja viele verletzt. Wir haben auch in der Bundesliga ganz, ganz schlecht gespielt im Frühjahr 2001, wir haben verloren in Haching, in Rostock, in Cottbus. Grausam. Aber in der Champion League waren wir so stark, weil wir uns gesagt haben: Dort schlägt uns keiner. Wir waren sicherlich nicht die beste Mannschaft, aber wir hatten den größten Willen, diesen Titel zu gewinnen.

SZ: Können Sie das Tor noch mal nacherzählen gegen Real Madrid?

Jeremies: Weiß ich nicht mehr. Ist vorbei. Denk ich nicht mehr drüber nach.

SZ: Aber das Tor war sehr wichtig.

Jeremies: Ja mei, ich hab nicht so viele Tore geschossen, also . . .

SZ: Aber das war das Tor zum Finale. Das muss doch ein gutes Gefühl sein in der Rückschau.

Jeremies: Nee, das Tor war egal. Das Spiel war wichtig, als wir den Titel geholt haben. Wenn wir den Titel nicht geholt hätten, wäre auf Jahre bei Bayern gar nichts mehr gegangen. Die Spieler hatten so viel Kraft investiert in dieses Ziel - das wäre ganz schwer geworden.

SZ: Sie schwelgen nicht gerne in Erinnerungen.

Jeremies: Nö. Klar, hin und wieder denkt man schon drüber nach. Deswegen war es auch gut, dass ich jetzt aufgehört habe. Ich hatte schon angefangen, mir mit Mehmet Scholl zu erzählen: Damals haben wir das Spiel gehabt und das Spiel. Diese rückwärts gewandte Reflektion sollte man eigentlich nicht tun. Sonst weiß man genau, dass man in der Zukunft nicht mehr so große Ziele hat.

SZ: Sie haben vor der EM 2000 den Zustand der Nationalmannschaft als "jämmerlich" bezeichnet. 2004 sind sie als einziger Spieler nach dem Ausscheiden freiwillig zurückgetreten.

Jeremies: 2000 habe ich nur einen Fehler gemacht nach der Kritik: dass ich nicht gleich zurückgetreten bin. Das war nicht konsequent, das habe ich mir vorgeworfen. Ich dachte mir doch gleich, mit dieser Mannschaft geht gar nichts mehr. Vier Wochen vorher hatte ich mir noch das Schlüsselbein gebrochen, ich habe mir so eine Platte einsetzen lassen (er deutet zehn Zentimeter an). Dann sind wir prompt in der Vorrunde ausgeschieden und es hieß, die wollten gar nicht. Nach der Kritik hatte mich Ribbeck für ein Spiel suspendiert, da hätte ich sagen müssen: Guter Mann, dankeschön, ich komme beim nächsten Trainer wieder.

SZ: War die Kritik Kalkül oder platzt das so aus Ihnen heraus?

Jeremies: Ich will meine Meinung sagen, dazu stehe ich, und ich kann das auch artikulieren. Und da kommen wir zum nächsten Punkt, zur EM 2004, als ich gesagt habe, ich hör' jetzt auf in der Nationalmannschaft. Ich wollte das einfach selber entscheiden, genauso wie jetzt beim FC Bayern. Irgendwo hätte ich vielleicht wirklich noch ein Jahr dranhängen können, aber das wollte ich nicht. Jetzt konnte ich mit einem Spiel aufhören, bei dem ich noch relativ fit bin. Heimspiel, 70 000 Zuschauer, schönes Wetter, Meisterschale. Das war der richtige Zeitpunkt. Mir war wichtig zu sagen, ich hör jetzt auf, und nicht dass jemand anders kommt und sagt: Komm, jetzt zieh mal ab, jetzt reicht's langsam.

SZ: Ihr Knie ist der Grund dafür, dass sie mit 32 gehen. Kam die Erkenntnis, dass es nicht mehr gut wird, plötzlich oder schleichend?

Jeremies: Schleichend. Immer wieder hat man Anfälle von Ehrgeiz, und dann wacht man am nächsten Morgen auf und braucht erst mal drei Minuten, bis dass Knie wieder geschmeidig ist. Da weiß man wieder: Mach' mal langsam. Ich hab mich unheimlich entwickelt durch die Verletzung, zwangsläufig. Ich musste ja meine Spielweise umstellen. Ich kann nach dem Spiel keine Kniebeuge mehr machen. Mit der Ferse komme ich nicht mehr an den Hintern. Nach der Belastung hat man halt Schmerzen.

SZ: Man spielt rationaler?

Jeremies: Und mit Schmerztabletten. Bis auf das letzte Jahr habe ich vier Jahre lang nur mit Schmerztabletten spielen können. Aber man genießt auch die kleinen Erfolge. Dass man im Kader ist, dass man mal fünf Minuten spielt, mal 20.

SZ: Was ist kaputt im rechten Knie?

Jeremies: Alles. Da ist kein Knorpel mehr, kein Meniskus mehr. Ich bin ja froh, dass ich noch einigermaßen aus der Geschichte rausgekommen bin. Letztes Jahr im Frühjahr hätte ich normalerweise keine zwei Minuten mehr spielen können. Das hat sich plötzlich gewendet. Als ich im Sommer das Spielen wieder angefangen habe, ging's auf einmal wieder.

SZ: Fragen Sie sich manchmal, was gewesen wäre, wenn das Knie gesund geblieben wäre?

Jeremies: Definitiv nicht. Weil es war ja toll! Große Zeit.

SZ: Mit dem kaputtem Knie?

Jeremies: Das war ein täglicher Kampf, ganz klar. Da bin ich auch stolz drauf, dass ich diese fünf Jahre noch mitnehmen konnte. Mit großen Erfolgen. Noch 'ne WM gespielt, noch 'ne EM. Und das mit was weiß ich wie viel Prozent meiner eigentlichen Leistungsfähigkeit.

SZ: Sie standen 2002 bei der WM in Japan und Südkorea sogar im Finale mit Ihrem maroden Knie. 0:2 gegen Brasilien, Zweiter. Wie empfinden sie das heute?

Jeremies: Als Niederlage. Auf meinen Autogrammkarten wird auch nie Vize-Weltmeister stehen. Sondern WM-Teilnehmer 2002. Wenn man ein Finale verliert, zählt's nicht.

SZ: Das sehen andere anders.

Jeremies: Gut, das Echo in Frankfurt, als wir nach Hause kamen, war unglaublich. Das haben wir in Japan gar nicht mitgekriegt. Wir kamen in Frankfurt an und wollten nach Hause fahren. Wir hatten verloren, wir dachten, wir fliegen gleich weiter nach München. Dann hieß es: Nee, es geht zum Römer. Wir: Wie? Was? Römer? Ich meine, wir hatten verloren, Zweiter. Und dann: Was da schon auf dem Weg zum Römer auf den Straßen los war. Das war Montag! Normaler Arbeitstag! Dann kommste da raus. Der Rathausplatz war voll. Unglaublich, da hat man begriffen, was man erreicht hat.

SZ: Wie sehen Sie Ihre Zukunft beim FC Bayern?

Jeremies: Nur als Logenbesitzer. Ich will jetzt erst mal was lernen, in den nächsten Jahren, dann wird man sehen. Ich will Abstand gewinnen. Ich werde bei der Vermarktungsagentur IMG anfangen und da mal die Abteilungen durchlaufen, und dann . . . mal gucken.

SZ: Spielen wollen Sie gar nicht mehr?

Jeremies: Nee. Ich war nie der Typ, der dann bei irgendwelchen Abschiedsspielen oder Benefizspielen noch mitmacht.

SZ: Warum nicht?

Jeremies: Nee, also, ich bin nicht so der Kasper.

SZ: Nicht mal privat?

Jeremies: Das schon, irgendwo mit Freunden auf der grünen Wiese. Ich bin eh nicht so der Typ, der so gerne in der Öffentlichkeit steht. Ich werde das auch genießen, dass ich nicht mehr hier sitzen und Interviews geben muss. Dass man einfach ein bisschen freier leben kann.

(SZ vom 20.5.2006)

(Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3)

In diesem Artikel:

  1. Seite 1
  2. Seite 2
  3. Sie lesen jetzt Seite 3