Jens Jeremies spricht über seine Zeit beim FC Bayern und TSV 1860, Schmerztabletten, Zukunftspläne und einen Fehler in seiner Karriere.
SZ: Herr Jeremies, Bayern-Manager Uli Hoeneß hat Sie geadelt. Er hat Ihnen das Du angeboten.
Jeremies: (lächelt) Das ist was Besonderes, klar.
SZ: Wie haben Sie das geschafft?
Jeremies: Wenn man acht Jahre bei einem Klub spielt, wächst die Beziehung. Uli Hoeneß und ich hatten immer ein kritisches und offenes Verhältnis. Ich glaube, das schätzt er an mir.
Jens Jeremies nach seinem letzten Spiel Foto: ddp
SZ: Wie kann man eine solche Identifikation mit dem FC Bayern aufbauen, wenn man vorher bei 1860 gespielt hat?
Jeremies: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Ich war als Kind Bayern-Fan, und dann ist es bei mir generell so: entweder ganz oder gar nicht. Ich bin immer bereit, hundert Prozent zu geben.
SZ: Sind Sie gleich warm geworden mit München, als Sie zu 1860 kamen?
Jeremies: Ich war eine Woche in München und habe gedacht, ich bin schon fünf Jahre hier. Ich bin damals bei 1860 zu einer Mannschaft gekommen, in der, glaube ich, 18 Spieler standen, die für 1860 in der Bayernliga gespielt hatten. Das war ein familiärer Verein, in dem man sich vom ersten Tag an wohl gefühlt hat. Für mich war schon ein großer Traum in Erfüllung gegangen, als ich für Dynamo Dresden in der Bundesliga spielen durfte. Aber dann kam der Zwangsabstieg, die Nichtlizenzierung. Meine Karriere hatte erst angefangen und ich wollte unbedingt in der Liga bleiben. Da gab es einige Alternativen, aber es war relativ schnell klar, dass ich das machen möchte in München.
SZ: Warum in München?
Jeremies: Ich habe damals bei 1860 die Mannschaft gesehen, wer da spielt, und habe mir gedacht: Okay, da werde ich auf jeden Fall in den Kader kommen. Und wenn ich gut trainiere, werde ich auch spielen können. Dann spielten da Peter Nowak und Miroslav Stevic, die ich noch von Dynamo Dresden her kannte. Alexander Zickler, mit dem ich in die Schulklasse gegangen bin, war bei Bayern. Und mein Bruder sagte zu mir: Geh doch nach München, was willste in Hamburg. München ist 'ne schöne Stadt.
SZ: Hat auch der damalige 1860-Trainer Werner Lorant eine Rolle gespielt?
Jeremies: Bei der Entscheidung? Nein.
SZ: Aber Sie hatten später ein gutes Verhältnis mit Lorant.
Jeremies: Ich wüsste nicht, dass ich mal zu einem Trainer ein schlechtes Verhältnis gehabt hätte.
SZ: Aber Lorant hat viel von Ihnen gehalten, er hat Sie schon in jungen Jahren zum Stammspieler gemacht. Das war nicht typisch für ihn.
Jeremies: Das kann man vielleicht nicht vom Trainer abhängig machen. Wenn man gut spielt, mag der Trainer einen. So einfach ist es doch.
SZ: 1860 hat sich ziemlich verändert. Das Personal ist anders, die Liga ist anders, die finanzielle Situation ist prekär.
Jeremies: Als ich bei 1860 war, hatten wir noch zerrissene Fangnetze auf dem Trainingsplatz. Da ist ja in den vergangenen Jahren unheimlich viel entstanden, mit dem Gelände, der Geschäftsstelle, der Jugendarbeit. Das kann man trotz der Probleme nicht schlecht reden. Für mich war es eine absolut tolle Zeit dort.
SZ: Es gab Fankonflikte wegen der Neuausrichtung des Vereins, manche sagten, er verkaufe seine Seele.
Jeremies: Konflikte mit den Fans? Konnte ich in meiner Zeit nicht wirklich so sagen. Aber es ist klar, dass man neue Spieler holen muss. Und wir sind ja in dieser Beziehung bei 1860 immer Step by Step ein bisschen nach oben gegangen. Natürlich geht das dann nicht mehr so mit der familiären Atmosphäre.
SZ: Ihr Wechsel von 1860 zu Bayern 1998 war etwas Besonderes . . .
Jeremies: Damals vor allem.
SZ: Das wurde ziemlich emotional gesehen von den Fans.
Jeremies: Ich wusste, das gehört dazu. Der Wechsel war zwar noch nicht offiziell, aber es stand schon in der Zeitung, und eine Woche nach dieser Veröffentlichung war das Derby im Olympiastadion. Da hat dann die eine Hälfte geschrien: "Judas!" Und die andere Hälfte hat geschrien: "Feind bleib Feind!" Aber ich habe mir vor dem Spiel gesagt: Wenn du diesem Druck standhältst - was kann dir dann in deiner weiteren Karriere noch groß passieren? Ich habe dann ein ganz gutes Spiel gemacht, wir haben zwei-zwei gespielt. Da war das Thema für 1860 erledigt. Das war für mich eigentlich das wichtigste Spiel. Danach habe ich gewusst: Ich kann es eventuell bis ganz nach oben schaffen. Und als ich bei Bayern war, habe ich in meinem ersten Derby dort ein Tor geschossen, dann war das Thema da auch erledigt.
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