Von Thomas Hummel

Weil die Leistung des österreichischen Nationalteams "das ästhetische Empfinden beleidigt", fordern Landsleute den Verzicht auf die Teilnahme an der EM 2008 im eigenen Land.

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Teamchef Josef Hickersberger findet, die Aktion gegen seine Mannschaft sei "ein absoluter Schwachsinn". Foto: Reuters

Österreich. Ja, das war eine selbstbewusste Nation mit einer großen Dynastie (Habsburger), mit weltberühmten Musikern (Mozart), Sängern (Falco) und Bäckern (Sacher-Torte). Und dazu diese Natur! Die Bürger Österreichs sind stolz auf ihr Land, grenzen sich gerne von den Nachbarn (Piefkes) ab, schimpfen aber mindestens genauso laut auf die eigenen Landsleute. Und so ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass sich in Österreich eine Initiative gegründet hat, mit dem Ziel, die Fußballer von der Europameisterschaft 2008 im eigenen Land auszusperren. Denn es grassiert die Angst vor einer rufschädigenden Blamage bisher unbekannten Ausmaßes.

"Österreich zeigt Rückgrat - für eine Österreich-freie Fußball-EM“, heißt die Aktion, die sich auf einen Passus in der Nationalhymne beruft. "Volk, begnadet für das Schöne“, heißt es darin, und, na ja, viel Schönes hat die Mannschaft zuletzt wirklich nicht geboten. Nach dem 1:3 am Samstag in Zürich gegen den anderen Ko-Ausrichter der EM 2008, der Schweiz, hat sie neunmal in Folge nicht gewonnen und damit den eigenen Negativrekord aus den Jahren 1973/74 eingestellt. In die aktuelle Serie fallen ein 1:1 auf Malta und Heimniederlagen gegen Schottland und Chile. Im September dann geriet ein Heimspiel gegen Japan zu einem solchen Desaster, dass auf einem Innsbrucker Sofa sich ein paar Fernsehzuseher entschlossen zu handeln.

Was halten Sie von der Initiative "Für eine Österreich-freie EM 2008"?


Michael Kriess heißt der Chef der Kampagne. Er findet, dass die Spiele seiner Nationalmannschaft "das ästhetische Empfinden eines jeden Zuschauers beleidigen“. Für eine Kulturnation voller Schöngeister sei das Gegurke der Kicker nicht mehr hinnehmbar, schon gar nicht, wenn sich diese Nation als Gastgeber bei einer EM bis auf die Knochen blamieren könne. Er fürchtet, dass Österreich durch seine Fußballer in eine nationale Krise stürzt und die Wirtschaft stagniert. Seine Forderung: Die Mannschaft solle freiwillig auf den EM-Start verzichten.

Weil nun schon 10.000 Gleichgesinnte die im Internet bereitgestellte Petition an den Fußballbund ÖFB unterzeichnet haben, und weil der staatliche Sender ORF die Übertragung des Spiels in Zürich einem Privatsender überließ, glaubt Kriess: "Die Anzeichen, eine Umsetzung unserer Forderung könnte bald anstehen, verdichten sich.“ Dies seien Signale dafür, "dass bereits an der Realisierung eines solchen Szenarios gearbeitet wird.“

Kriess, Sohn eines 15-maligen Nationalspielers, stört es dabei nicht, dass Betroffene und Offizielle ihn und seine Mitstreiter mit unflätigen Worten bedenken: Teamchef Josef Hickersberger findet, das sei "absoluter Schwachsinn", den man nicht ernst nehmen könne. Der ehemalige Nationalspieler Andreas Herzog wundert sich, "dass es in Österreich 10.000 Idioten gibt.“ Und Uefa-Präsident Michel Platini sprach von der "dümmsten Idee, die ich je gehört habe“.

Der österreichische Schriftsteller Franzobel philosophierte in der Zeit, das Nationalteam sei für sein durch und durch katholisches Land "die Dauerbuße, die wir tun". "Es ist die Plage, mit der Gott uns straft." Österreichs Fußball sei so tot, dass die drohende Europameisterschaft eine "Europhobie" auslöse.

Immerhin können sich die Österreicher ja auch im Fußball an stolze Zeiten erinnern. An die Wundermannschaft in den dreißiger Jahren um Matthias Schindelar, oder an den ewigen Sieg in Cordoba 1978, als Österreich die deutschen Weltmeister aus dem Turnier schoss. Und zumindest Letzteres dürfte bei der EM 2008 nicht relativiert werden. Denn nach heutigem Stand werden Österreich und Deutschland in verschiedenen Gruppen gesetzt. Und ein späteres Aufeinandertreffen ist unwahrscheinlich.

(sueddeutsche.de)