Ghvinianidze? Lovin? Beda? Lauth? Felhi? Bei 1860 sind die Ursachen des Misserfolgs schwer zu greifen, Schuldige schnell gefunden.
Bild vergrößern
Nach der Niederlage gegen Cottbus schleicht 1860-Trainer Ewald Lienen geknickt und ratlos vom Platz. Foto: dpa
Am Tag nach dem 0:1 bei Energie Cottbus, der fünften Auswärtsniederlage des TSV 1860 in dieser Saison, gab es für die Kiebitze an der Grünwalder Straße 114 in 81547 München nur ein Thema: Philipp Lahm und dessen Interview. Als gebe es die Löwen nicht mehr, wurde heftig diskutiert und philosophiert.
Wäre nicht hin und wieder ein Mitarbeiter des Klubs vorbeigelaufen, bekleidet in den obligatorischen Vereinsfarben, man hätte sich glatt ein paar Parallelstraßen nebenan wähnen können.
Die aktuelle Stimmungslage sprach somit Bände. Geht es dem Löwen schlecht, flüchtet er in den Trost, dass es dem großkopferten FC Bayern, in der Säbener Straße 51, 81547 München beheimatet, manchmal auch ziemlich mies geht. Wenn auch nie ganz so mies, wie es den Löwen dauernd geht.
Prügel von allen Seiten
Auch der zwölfte Spieltag brachte nicht die erhoffte Wende für die Sechziger, im Gegenteil. Wie in einem Schraubstock stecken sie erst einmal für längere Zeit in der Abstiegsregion fest. Zwar präsentierte sich die zuletzt stark verunsicherte Mannschaft eine Stunde lang "defensiv gut", wie Sportdirektor Miroslav Stevic wohlwollend registrierte, doch damit war das Positive abgehandelt.
Sinnbildlich für die frustrierende Situation, in der sich die Löwen befinden, ist wohl das Schicksal von Radhouène Felhi. Oberflächlich betrachtet, hatte in dem Innenverteidiger nur ein Spieler in Cottbus kurz den Überblick verloren und ein unnötiges Foul produziert, das zum entscheidenden Elfmetertor führte. Unter der Lupe aber wird deutlich, dass Felhis Fall sehr wohl dazu taugt, einen Grund für den Absturz des TSV herauszufiltern.
Der freundliche 25-jährige Tunesier wurde als eine Art Beckenbauer Afrikas bei 1860 gepriesen, als er im Sommer wie so viele Zweitliga-unerfahrene ausländische Profis nach München wechselte. Felhi spielte eine zumindest akzeptable Saison. Irgendwann allerdings diagnostizierte Trainer Ewald Lienen eine Formschwäche bei ihm - und nahm ihn aus dem Team, so wie er es mit vielen anderen in seiner Elf getan hatte. Felhi, ein offenbar sensibler Mann, wirkte seitdem verunsichert, und genau so agierte er nun auch, nachdem er in Cottbus wieder eine Chance von Beginn an erhielt.
Das Sündenbocksyndrom lebt wieder auf
Hinterher bezog er wegen seines Fouls rundherum Prügel, über die mindestens so schwache Offensive klagte kaum jemand. Dabei hatte 1860 gut 30 Minuten Zeit für den Ausgleich. "Ich bin sehr enttäuscht von ihm. Felhi ist nur noch ein Schatten seiner selbst", urteilte etwa Stevic in der AZ hart. Mitspieler Stefan Aigner sagte: "So ein Foul darf nicht passieren, da fehlen mir die Worte." Da lebte es wieder auf, das altbekannte Sündenbocksyndrom der Löwen.
Die Ursachen der Krise sind ja schwer zu greifen, der oft vorgetragene, schwammige Gedanke, 1860 leide an einer Krankheit, bringt dies zum Ausdruck. Umso dankbarer scheinen die Sechziger daher fast zu sein, wenn sich jemand unübersehbar als Fehlerquelle auftut. Das Herauspicken einzelner hat schon Systemcharakter, wie Felhi erging es schließlich vielen anderen zuvor.
Mate Ghvinianidze wurde das 1:2 in Rostock angekreidet, Florin Lovin das 1:3 gegen Karlsruhe, Benjamin Lauth zum Teil das 2:3 in Frankfurt, auch Alexander Ludwig, José Holebas, Kenny Cooper und Mathieu Beda wurden als Sündenböcke gebrandmarkt. Gemeinsam ist allen, dass keiner gestärkt nach geäußerter Kritik hervorging, sondern die Verunsicherung nur noch bei jedem zunahm. Felhi ist das jüngste Beispiel dafür, wie sich 1860 selbst herunterzuziehen scheint.
Im Winter wird nachgelegt
Hat Sechzig also diesbezüglich ein Trainerproblem? Rotiert Lienen zu viel? Verlangt er zu viel? Ist er zu streng? Oder hat Sechzig einfach nur auf die falsche Mischung an Spielern gesetzt? Spieler, die zu unerfahren sind, zu weich, zu wenig kampfeslustig für das Aufstiegsziel, dass sich der Verein gesteckt hat? Nach Einschätzung von Stevic ist Ersteres ausgeschlossen, ohne Einschränkung spricht er - Stand 9. November - Lienen das Vertrauen aus.
Was die Qualität des Kaders betrifft, klingt der Sportliche Leiter schon weniger überzeugt als vor der Saison. Stevic verkündet jetzt zum Beispiel, dass "im Winter sicherlich etwas passieren wird, was Verkäufe und Einkäufe betrifft", von "Reden und Weinen wird sich die Situation auch nicht ändern". Aber dass sie sich ändern muss, ist ihm klar geworden.
Da bahnt sich also ein Kurswechsel an, oder zumindest der Versuch, bei der nächsten Möglichkeit, wenn sich das Transferfenster öffnet, Korrekturen beim dahinsiechenden Team vorzunehmen. Versuch deshalb, weil noch längst nicht klar ist, ob 1860 Möglichkeiten zum Agieren haben wird. "Das ist auch abhängig davon, ob man Spieler wegkriegt", sagt Stevic, der dringend Profis loseisen muss, um finanziellen Spielraum für Zugänge zu gewinnen. Er hat auch schon Weggänge im Kopf, deren Namen er nicht verrät. Aber der Vorteil des vielen Rotierens von Lienen war ja, "dass viele Spieler sich zeigen konnten - oder auch nicht", sagt Stevic.
Und die Kiebitze? Was sagen sie? "Wir bräuchten auch mal einen, der wie der Lahm auf den Tisch haut", forderte einer. Am Montag hofften sie allerdings vergeblich. Die Mannschaft joggte in den Isarauen, Lienen war zu einer Trainertagung nach Frankfurt gereist, und auch Stevic klingt noch optimistisch. Er sagt: "Die Mannschaft ist in der Lage, die Kurve zu kriegen." Gerald Kleffmann
(SZ vom 10.11.2009/cai)
- 2. Liga: 1860 verliert gegen Ahlen - Immer wieder Kirschstein
- Stadionstreit in München - Hoeneß fühlt sich "verarscht"
- Stadionstreit in München - Derby vor Gericht
- Interview: FCK-Trainer Marco Kurz - "Torjubel bedauern? Nein."
- Wettskandal - Brandheiße Infos in den Katakomben
- 2. Liga - Kaiserslautern nimmt Kurs auf Herbstmeisterschaft
- 2. Liga: TSV 1860 München - Löwen verspielen 2:0-Führung







