Von Klaus Hoeltzenbein

Mit der lange verpönten Picke gelingt Ronaldinho für Barcelona ein Tor, das es so bisher noch nicht gegeben hat - außer im Kinderzimmer.

Ronaldinho

Ronaldinho weiß, wem er seinen Treffer zu verdanken hat. (Foto: Reuters)

Jeder hat schon einmal so ein Tor wie Ronaldinho geschossen. Jeder kann so ein Tor wie Ronaldinho schießen. Jederzeit, allerdings nicht mit der Fußspitze, sondern mit der Fingerkuppe. Und nicht in einem Stadion, sondern in einem Kinderzimmer. Dort, und nur dort, kann jeder so ein Tor schießen, wie es dem Brasilianer Ronaldinho am Dienstag in der 38.Minute der Champions-League-Partie des FC Barcelona beim FC Chelsea gelang.

In nahezu jedem gut sortierten Kinderzimmer, eher bei den Jungs, als bei den Mädchen, gibt es ein Spiel, das Tipp-Kick heißt. In der Verpackung ist wenig, meist nur ein grasgrüner Kunst-Rollrasen, ein bis zwei Tore oder eine Torwand, und – je nach Ausstattung – ein paar bunt bemalte Figuren aus Plastik oder Metall. Der Ball ist nicht rund, sondern eckig. Wer ein Tor wie Ronaldinho erzielen will, der haut (oder drückt mit viel Fingerkuppen-Gefühl) seiner Figur auf den Kopf. Damit wird eine mechanische Reaktion ausgelöst, das Schussbein schwingt vor, und...

... dann ist man ein bisschen irritiert, weil es zwar nicht verboten ist, sich aber doch nicht schickt, einen richtigen Ball mit der Fußspitze zu treten. Der Tritt mit der Spitze, der Picke, wie er mit den Spielfiguren im Kinderzimmer ausgeführt wird, gilt auf dem richtigen Feld als Anfängerschuss. Als die primäre Bewegung, die dem Nachwuchs systematisch wegtrainiert wird zugunsten gesellschaftlich akzeptierter Kunstformen wie dem Schlenzer à la Beckenbauer mit Außen- und Innenrist.

Plopp, plötzlich war der Ball im Tor

Und nun das: Der Ball ruhte vor Ronaldinho, er lag jenseits der Strafraumgrenze, also 17, 18 Meter vom Chelsea-Tor und dessen Hüter, dem Tschechen Petr Cech, entfernt. Ronaldinho, gerade erst zum „Weltfußballer des Jahres 2004“ gekürt, also als der Edelste unter all den Feinfüßlern geadelt, ließ zwei-, dreimal den Fuß über den Ball kreisen. Die Situation schien tot, all die Blauen, die ihn umzingelt hatten, ließen ihn gewähren.

Doch plötzlich: plopp! Links, halbhoch, direkt neben dem Pfosten, rauschte der Ball ins Netz, so schnell, so schnurstracks, dass man sich der Zuschauer erst einmal fragen musste: Was war das? Zu sehen war Petr Cech, versteinert, mit hängenden Schultern, das Gesicht ein einziges Forum der Anklage: Hey, das ist unfair! Frevel! Das haben wir hier nicht im Programm!


» Es ist nicht so einfach, den Ball kontrolliert mit der Picke zu schießen, das versuchen nicht viele Spieler. «

Ronaldinho

Jedes Tor, wird oft vermutet, sei schon einmal gefallen. Jeder Treffer nur die Variation eines früheren. So ein Stoß aber, wie er Ronaldinho bei Barcelonas zweitem Tor gelang, kennt kaum einen Vergleich. Nicht auf diesem Niveau. Mittels Zeitlupe werden die Orthopäden jetzt erst einmal untersuchen, was es wirklich war: Picke? Außenrist? Oder eine Kombination aus grausamer und hoher Kunst?

Die Antwort vorweg: Es war Picke, mehrheitlich! Der Anfängerschuss! Und der eigentümliche Drall des Balles, dem die Ballistiker nachforschen werden, entwickelte sich aus dem Beckenschwung des Südamerikaners.

Das letzte Picke-Tor, das weltweit diskutiert wurde, war eines von Ronaldo, dem Sturmpartner Ronaldinhos in Brasiliens Nationalelf. Bei der WM 2002 gelang Ronaldo dieser Kick gegen die Türkei, später hat er ihn so kommentiert: "Das war nicht einfach, weil mir eigentlich der Weg versperrt war." Wichtig sei das Überraschungsmoment, keine lange Ausholbewegung, nur der kurze Schlag aus dem Fußgelenk: "Niemand", so Ronaldo, "hat mit einem Schuss gerechnet. Es ist nicht so einfach, den Ball kontrolliert mit der Picke zu schießen, das versuchen nicht viele Spieler. Es war einfach Instinkt."

Einst wurde dem Instinkt geholfen, die ersten Fußballstiefel, die es in England Ende des 19. Jahrhunderts gab, hatten eigens Stahlkappen für den Schuss mit der Spitze. Noch 1950 wurden auf der Insel Kappen-Schuhe gefertigt, während sich die Spieler nach leichterem, gefühlsechten Material sehnten. Also zurück zu den Anfängen – der Picke-Schuss ist wieder da, als Kunstform. Ronaldinho wirkte dabei wie eine Tipp-Kick-Figur, der der Herrgott auf die Schädelplatte haut. Zum Dank hat er sich bekreuzigt.

(Süddeutsche Zeitung vom 10.3.2005)

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