Zum Jahresabschluss schafft die deutsche Fußball-Nationalelf nur ein glückliches 1:1 in Zypern.

Hätten die deutschen Nationalspieler beim Schlusspfiff jubelnd die Arme in die Höhe gerissen, man hätte ihnen dies nicht verübeln dürfen nach dem 1:1 (1:1) gestern Abend in Nikosia gegen Zypern. Schließlich war eine größere Blamage drin gegen die Kicker von der Mittelmeerinsel, die nach objektiven Branchenkriterien in die Kategorie ,,Fußballzwerg‘‘ fallen.

"Man hat gemerkt, dass alle Spieler nicht die Frische wie sonst hatten", urteilte Bundestrainer Joachim Löw nach dem verpatzten Jahresabschluss gütig, "irgendwann lassen die Kräfte nach." Immerhin, trotz dieses ersten Punktverlustes in der Ära Löw übernahm die DFB-Auswahl die Spitze in der Tabelle der EM-Qualifikationsgruppe D von den punktgleichen Tschechen.

Rüde Fouls der Gastgeber

Der nächste Streich stand an beim Ruhmesmarsch in sommermärchenhafte Rekordhöhen, der 15. Sieg im 18. Länderspiel des erklärten Fußballwunderjahres 2006 durfte wieder mal eher als Formsache gelten. Denn auch Zypern mit sechs in der Insel-Liga beheimateten Nationalakteuren zählt ja eher nicht zu den Gegnern, vor denen man sich gruseln musste. Doch grau ist alle Theorie. Vor 12000 Zuschauern entwickelte sich nach einer Viertelstunde ein deftiger, bald richtig derber Schlagabtausch - da hatte Michael Ballack die deutsche Elf in Führung geschossen. Der Kapitän traf nach einem indirekt ausgeführten Freistoß aus 20 Metern und profitierte dabei von einem zyprischen Verteidigerbein, das dem Ball erst den passenden Effet verlieh.

Womöglich war alles zu glatt gelaufen. Richtig anstrengen mussten sich die hohen Favoriten bis dahin nicht, auf das flotte Kombinationsspiel der vergangenen Monate verzichteten sie gleich ganz. Vor allem die rechte Seite mit Fritz und Odonkor suchte nach Harmonie - und Klose nach der Länderspielform des Märchensommers, ein auffallend frustrierender Prozess: Nach einem höchst einfältigen Foulspiel an Ilia, den er im Niemandsland zwischen Mittellinie und Spielfeldrand niedergrätschte, wurde der Torjäger verwarnt. Was für ihn bedeutet, dass er beim nächsten Qualifikationsspiel gegen Tschechien fehlen wird, gegen den einzigen Gruppengegner mithin, der Löws Eleven auf Augenhöhe begegnen könnte.

Andererseits, Zypern ergab sich nicht einfach in sein Schicksal, die Inselkicker gestatteten dem WM-Dritten vor der Pause nur noch eine Torchance. Die verschenkte Schweinsteiger: Den Flankenball Odonkors (26.), der am rechten Flügel endlich einmal durchstarten konnte, ließ er im Strafraum vom Fuß springen, und das Bild des Bundestrainers, der für diese Partie die Spielpräzision eines Schweizer Uhrwerks gefordert hatte, Wunschbild bleiben.

Und es kam schlimmer, weil das Räderwerk zunehmend stotterte. Zwei Minuten vor der Pause zog Aloneftis am linken Flügel an Fritz vorbei, die weite Flanke drosch Okkas aus 16 Metern direkt ins Netz. Schweinsteiger war dem Stürmer von Olympiakos Piräus allzu behäbig hinterher getrottet, und auch Torwart Hildebrand wirkte bei dem Aufsetzer indisponiert (43.). Das 1:1 - und zugleich Zyperns erstes Tor überhaupt im fünften Länderspiel gegen Deutschland.

Hildebrand im Glück

Fünf Minuten nach der Pause, Löw hatte gerade noch bemängelt, dass seine Kicker ,,das Spiel aus der Hand gegeben‘‘ hatten, folgte beinahe der zweite historienträchtige Treffer: Hildebrand schoss bei einem Klärungsversuch an seiner Strafraumgrenze den heranstürmenden Konstantinou an, dieser lief durch, bekam den Ball aber aus allzu spitzem Winkel nicht unter Kontrolle. Und wieder Glück nur drei Minuten später, dass Okkas’ Tor wegen Abseitsposition nicht anerkannt wurde - eine höchst umstrittene Entscheidung.

Die deutsche Antwort: Das nächste Duett von Odonkor/Schweinsteiger, ersterer flankte, letzterer traf erneut das Spielgerät nicht richtig, zwölf Meter freistehend vorm zyprischen Tor (58.). Löw brachte Hanke für Neuville, der nicht eine nennenswerte Szene hatte (63.) - aber Zypern stürmte weiter, schuf mehrfach tumultartige Szenen im deutschen Strafraum. Die DFB-Kicker ließen sich im Mittelfeld einschnüren, agierten uninspiriert und bemüht, wirkten fast willfährig und waren meist einen Schritt zu langsam. Chancen, die sich gegen die oft übereifrigen Hausherren eher zufällig ergaben, vergaben Ballack per Gewaltschuss, Schweinsteiger, Ballack per Kopf.

Nach 78 Minuten holte sich auch Fritz eine Gelbe Karte ab, die ihn wie Klose in die Zuschauerrolle gegen Tchechien zwingen wird. Löw griff zur Brechstange, brachte den schussgewaltigen Hitzlsperger für den flatterhaften Odonkor. Doch Zypern blieb ein zumindest gleichwertiger Gegner, mit aller Kraft dem eigenen großen Fußballwunder auf der Spur. Dass es am Ende nur zum kleinen reichte, war aus deutscher Sicht das schmeichelhafteste Resultat des Abends.

,,Kein Rückschritt‘‘, urteilte Philip Lahm nach der Partie, ,,es gibt auch mal schlechtere Tage.‘‘ Und auch der Bundestrainer weigerte sich beharrlich, von einem Rückschlag reden zu wollen.

(SZ vom 16.11.2006)