0:3 zum Auftakt: Gegen überragende Holländer erlebt Weltmeister Italien die höchste EM-Niederlage seiner Fußballgeschichte.
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Dieses war der erste Streich: Ruud van Nistelrooy traf zum 1:0. Foto: ddp
Die Europameisterschaft hat einen neuen Favoriten: Holland. Und einen entthronten Ex-Favoriten, der gegen die Niederlande so hoffnungslos, so verzweifelt unterging, wie es ihm die Kabbala vorhergesagt hatte: Wer vorher schon gewinnt, geht nachher garantiert baden, sagt der italienische Aberglaube. In diesem Falle mit Null zu Drei.
Grell orange leuchtete es auf den Rängen des auf allen 31000 Plätzen ausverkauften Stade de Suisse zu Bern, und grell orange war die Party nach dem grandiosen ersten Sieg der Niederlande gegen die Italiener nach 30 Jahren. Die Weltmeister hinterließen allenfalls Eindruck als Chorknaben: Noch keine Nationalhymne wurde bislang derart inbrünstig gesungen wie das "Brüder Italiens" der einträchtig umarmten Spieler, die ausgeschickt wurden, ein zerrissenes, deprimiertes Land wenigstens für ein paar Wochen in einen kurzen Rausch zu versetzen. Stattdessen kam die schlimmste EM-Niederlage, und nach der schnellen Ernüchterung sagte Trainer Roberto Donadoni: "Wir waren ziemlich naiv und haben dafür teuer bezahlt. Aber wir haben noch zwei Spiele. Es gibt solche Spiele, man versucht und versucht, und wird gleich bestraft. Ein schwarzer Abend." Auf der anderen Seite brauchten die Sieger etwas Zeit, ihr Glück zu fassen. Torschütze Wesley Sneijder erklärte: "Ich habe nicht gewagt, von so einem Start zu träumen."
Fußball als große Oper, so sollte dieses Match der beiden Freunde und Golf-Kameraden Roberto Donadoni und Marco van Basten inszeniert werden. Es wurde dann eine Mischung aus Tosca und La Boheme, tödlicher Absturz und ergreifende Schwindsucht, das ganze Programm. Immerhin zeigten beide Mannschaften sofort, dass sie sich nicht mit einem 0:0 zufrieden geben würden wie kurz zuvor Franzosen und Rumänen. Die Niederlande waren zuletzt vor 20 Jahren Europameister, bei den Italienern ist das sogar schon 40 Jahre her, da war der Hunger größer als die taktische Vorsicht.
Holland würde auf Ballbesitz spielen, um van Nistelrooy kontinuierlich mit Bällen zu versorgen, hatte der frühere Nationaltrainer Arrigo Sacchi prophezeiht - und listig hinzugefügt: "Wegen der technischen Unterlegenheit ihrer Spieler." Doch hier irrte der Erfinder des Systemfußballs. Die Niederländer spielten nämlich vor allem in der Offensive ihre Gegner bald gnadenlos an die Wand und entlarvten die italienische Abwehr als langsam und reaktionsschwach.
Aus dem Mittelfeld kam nach anfänglicher Nothilfe von Regisseur Andrea Pirlo kaum noch Unterstützung. Auf der Bank erhob sich der verletzte Kapitän Fabio Cannavaro entsetzt auf seine Krücke. Die Uefa hatte Cannavaro eine Sondergenehmigung erteilt, um das Match vom Spielfeldrand aus zu beobachten - eine Entscheidung, die Cannavaro vermutlich zutiefst bereute. Nach zehn Minuten hatte Holland die erste echte Chance mit einem Freistoß des Spezialisten Wesley Sneijder, der an der Mauer abprallte. Van Nistelrooy wurde wenig später von Buffon mit einer gewagten Grätsche gestoppt. Der Holländer strauchelte, stürzte aber nicht, die kleine, durch bemerkenswerte Fairness beschworene Verzögerung reichte Donadonis Hintermannschaft, um den Strafraum abzuriegeln.
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