Von Philipp Selldorf

Die nächste Herausforderung für Trainer Slomka: Nach dem 2:0 gegen Hertha muss er die Emotionen in Schalke-Land temperieren.

 
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Am nächsten Samstag muss Schalke 04 in Wolfsburg antreten, und wenn man den Worten des Trainers Mirko Slomka folgt, dann wird das ein heikles Unterfangen.

"Wolfsburg ist im Aufwind", sagte Slomka nach dem 2:0- Sieg gegen Hertha BSC, "das Team hat sich enorm gefestigt." In Anbetracht des Horrortrips nach Niedersachsen richtete der Trainer einen Appell an die Schalker Gemeinde: "Wir hoffen auf eine Vielzahl unserer Fans in Wolfsburg. Die Unterstützung brauchen wir ganz, ganz dringend."

In der Geschichte des Fußballs ist selten zuvor ein unsinnigerer Aufruf ans Publikum ergangen.

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Nichts auf der Welt steht derzeit weniger in Frage, als dass am Samstag in Wolfsburg Tausende und Abertausende Schalke-Fans zusammenkommen, und dass sie dabei völlig außer sich sein werden. Zu dieser Weissagung bedarf es keiner prophetischen Gabe: Dazu muss man sich nur der Raserei entsinnen, die am Samstag nach Schalkes Treffern in der Gelsenkirchener Arena ausbrach (und kaum weniger: nach denen der Stuttgarter gegen Bremen). Begeisterung ist ein schlappes Wort selbst noch für den Zustand, der bereits vor dem Anpfiff herrschte. Drei Punkte Vorsprung auf Werder wirkten sich als entfesselnde spirituelle Erfahrung aus.

Nun sind es sogar sechs Punkte, und im Gegenteil zu Slomkas Unterstützerbeschwörung wäre eher ein anderer Aufruf an die Menschen im Schalke-Land angebracht: Noch sind 13 Spieltage zu spielen, und der Terminkalender sieht außer der Reise nach Wolfsburg auch noch Aufgaben in München, Hannover und Dortmund vor, unter anderem.

"Nicht spektakulär, aber kompakt"

Vorkehrungen gegen die Euphorie in Schalke-Land sind ab sofort ein Gebot der Gefahrenabwehr. Es ist eine zusätzliche Herausforderung für die Mannschaft, die damit zurecht kommen muss, als erster Titelkandidat gehandelt zu werden. Im Spiel gegen Hertha hat sie davon einen Eindruck erhalten, und mit welcher inneren Überzeugung sie die Aufgabe löste, war beeindruckend. Hertha erwies sich trotz des Fehlens wesentlicher Größen (Bastürk, Simunic, Boateng) als geschickter Gegner. Die erste halbe Stunde gab den Hausherren genug Anlass, ungeduldig und unruhig zu werden. Wäre nicht Manuel Neuer mit einer brillanten Reaktion gegen den Kopfball von Christian Gimenez eingeschritten, hätte Unheil gedroht.

So aber blieb das einzige Unglück des Tages die Verletzung von Gustavo Varela. Was schlimm genug ist: Der Uruguayer, der durch seine Vielseitigkeit und seinen Kampfgeist eine wichtige Rolle hatte, erlitt einen Kreuzbandriss und wird in dieser Saison nicht mehr spielen. Schalke ist im Jahr 2007 aber einen großen Schritt weiter als bei den vergleichbaren Situationen vor zwei und fünf Jahren, vor allem spieltechnisch steht das Team auf viel höherem Niveau. "Schalke ist eine Einheit", stellte Hertha-Manager Dieter Hoeneß fest, "sie spielen nicht spektakulär, aber kompakt." Es war diese geschlossene, systematische Kraftanstrengung, der sich die Gäste ergeben mussten. "Nach den ersten 30 Minuten haben wir nur noch unter Druck gestanden", referierte der Berliner Innenverteidiger Dick van Burik.

Emotionen temperieren

Der Druck, mit dem Schalke die Berliner zurückzwang, entwickelte sich mit einer Stetigkeit, als säße jemand am Mischpult und würde den Regler immer weiter drehen. Im Mittelfeld gewannen Ernst und Bajramovic alle relevanten Zweikämpfe, Regisseur Lincoln und Angreifer Lövenkrands kamen ihnen dabei effektiv zur Hilfe, und aus der Abwehr rückten Krstajic und die Außenverteidiger Rodriguez und Rafinha zur Vorwärts-Verteidigung aus. Der Halbzeitpfiff rettete die Berliner vor dem ersten Gegentor, aber er verschaffte ihnen nur einen Aufschub. Das 1:0 durch Kevin Kuranyi in der 64. Minute fiel mit vorhersehbarer Zwangsläufigkeit. Lövenkrands‘ 2:0 durch einen perfekten Konter war dann der logische Schlusspunkt, und es war auch typisch, dass der Gegenangriff von Fabian Ernst initiiert wurde, sowohl durch seine Balleroberung wie durch den Pass auf Halil Altintop. Ernst hatte am Samstag die Schlüsselrolle im Schalker Spiel, er hat sich zur zweiten zentralen Figur neben Lincoln entwickelt.

Wäre Kevin Kuranyi der Bundestrainer, dann wäre Ernst beim nächsten deutschen Länderspiel wieder im Aufgebot, aus dem er vor der WM verschwunden ist. "Ich hoffe, ihn bald wieder in der Nationalelf spielen zu sehen", sagte Kuranyi, der selbst das beste Beispiel dafür gibt, wie Fußballer durch frisches Selbstvertrauen alte Fähigkeiten zurückgewinnen. Nun geht es für den Trainer Slomka darum, die Hochstimmung seiner Spieler nicht überschießen zu lassen und die Emotionen zu temperieren.

Noch wirkt die Mannschaft sehr robust, obwohl sie einen klaren Anspruch auf das höchste Ziel erhebt. "Ich mach‘ mir da überhaupt keinen Stress, die Meisterschaft ist noch ganz weit weg", teilte Zlatan Bajramovic mit. Aber wissen das auch die Anhänger in ihrem Taumel? "Ich hoffe, dass die Fans ein Gespür dafür haben, dass wir keine Maschinen sind", sagt Bajramovic dazu, "zwölf Spiele ohne Niederlage sind keine Normalität." Kapitän Bordon verspricht, die Mannschaft werde "alles geben, damit es keine Niederlage mehr gibt", aber das bleibt vorerst sein einziges Versprechen: "Wir haben noch nichts gewonnen. Erst wenn wir neun Punkte Vorsprung haben, und es sind nur noch zwei Spiele, dann sage ich etwas anderes."

(SZ vom 12.2.2007)

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