Von Marc Baumann

Den hab ich!... (Foto: Reuters)

Geschichte wiederholt sich. Dafür ist die Torwartfrage ein schönes Beispiel. Die goldene Regel lautet: Wisse, wann du gehen musst.

1990 wurde Deutschland mit einem großartigen Bodo Illgner im Tor Weltmeister. 1994 wollte Illgner unbedingt noch einmal im Tor stehen, obwohl mit Andi Köpke ein inzwischen besserer Torwart bereit stand. Illgner spielt eine schwache WM, Deutschland schied früh aus.

1996 wurde Deutschland mit einem großartigen Andi Köpke im Tor Europameister. 1998 wollte Köpke unbedingt noch einmal im Tor stehen, obwohl mit Oliver Kahn ein inzwischen besserer Torwart bereit stand. Köpke spielt eine schwache WM, Deutschland schied früh aus.

Bitte, nicht noch einmal denselben Fehler

2002 wurde Deutschland mit einem großartigen Oliver Kahn im Tor beinahe Weltmeister. 2006 will Kahn unbedingt noch einmal im Tor stehen, obwohl mit Jens Lehmann ...

Ja, tatsächlich steht mit Jens Lehmann ein besserer Torwart bereit. Und wieder fehlt dem Vorgänger, Oliver Kahn, die Größe, das zuzugeben. So wie er beim FC Bayern mit seiner jüngsten Vertragsverlängerung den Generationswechsel mit dem hochtalentierten Michael Rensing verhindert, so blockiert Kahn so gut er kann auch das Tor der Nationalmannschaft.

...den auch! Jens Lehmann spielt in der Form seines Lebens. (Foto: AP)

Der alte Mann und das Tor. Man muss man natürlich an dieser Stelle sagen, dass auch Jens Lehmann kein Jungspund ist, er ist nur fünf Monate jünger, beide sind Jahrgang 1969. Und doch gehört Lehmann einer neuen Generation von Torhütern an.

Das verdankt er seinem Wechsel in die britische Premier League. Die englische Liga gehört mit der italienischen und der spanischen zu den besten drei der Welt. Die Bundesliga hat ihre beste Zeit fürs erste hinter sich. Kein schöner Gedanke, aber es ist so.

Die englische Schule hat Jens Lehmann weitergebracht. Bei Arsenal London erlebt er all das, was der Bundesliga fehlt: hohes Tempo, internationale Härte, Weltklassespieler.

Abgeklärt hinter dem wilden Hühnerhaufen

Dazu kommt: Lehmann steht bei London hinter einer jungen, oft überforderten Abwehr, die ihm viele brenzlige Momente beschwert. Die Parallele zur deutschen Nationalmannschaft und deren Verteidigerproblem ist unübersehbar.

Bleibt noch die Frage zu klären, welche Außenwirkung eine Nominierung von Jens Lehmann abseits des Fußballplatzes hätte: Zuerst einmal würde Oliver Kahn seinen Rücktritt erklären, Timo Hildebrand würde als neue Nummer 2 näher an die Mannschaft rücken, was dringend nötig ist, da nach der Weltmeisterschaft vermutlich sowohl Kahn wie auch Lehmann aufhören werden.

Wenn Jürgen Klinsmann Jens Lehmann als seine Nummer 1 ernennt, werden die grauen Eminenzen des Münchner Fußballs die Bild-Zeitung auf Klinsmann und Lehmann loslassen: Man kann nur hoffen, dass die FC Bayern-Gang nicht vor lauter gekränkter Eitelkeit die WM im eigenen Land und Stadion riskieren.

Wer lange wartet...

Letztlich wäre Lehmann im Tor aber nur die konsequente Verwirklichung der hehren Ziele, deren Verwirklichung sich Jürgen Klinsmann einst als Ziel gesetzt hatte: "Wir müssen alle Rituale und Gewohnheiten hinterfragen. Reform ist kein Prozess, der in Episoden stattfindet."

Die Episode Kahn ist vorbei, die Episode Lehmann würde nur eine WM lang dauern, aber wer seit 1998 wartet, hat eine Chance verdient, schließlich ist der Mann gerade in der Form seines Lebens.

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