Von Klaus Hoeltzenbein

Mit einem Elfmeter zum 1:1 gegen Polen stimmt Ivica Vastic die Österreicher auf das Finale gegen die Deutschen ein.

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Ivica Vastic erzielte in der 93. Minute den Ausgleichstreffer zum 1:1. Foto: Getty

Als die Österreicher am Morgen nach positiven Signalen suchten, schauten sie zum Himmel. Nur kein Regen! Nur nicht absaufen und untergehen wie am Abend zuvor die Schweiz. Der Wetterbericht schenkte ein wenig Zuversicht: Am Donnerstag, hatten Frösche und Satelliten einmütig vorhergesagt, sollte es in Österreich feucht werden, in ganz Österreich - nur nicht in Wien.

Nicht in jenem Stadion, das den Namen des großen Ernst Happel trägt, des 1992 verstorbenen Grüblers und Grantlers. Aber all diese Zweifel, Ängste und Beschwörungen waren hinfällig, als gegen 19.45 Uhr die Nachricht aus Klagenfurt amtlich war: Die Deutschen hatten gegen die Kroaten verloren, und damit waren all die Wiener Untergangsszenarien, die zuvor mit Inbrunst und Begriffen wie Schicksalsspiel, Alles-oder-Nichts-Duell, Entweder-oder-Abend entwickelt worden waren, hinfällig geworden.

Fortan war Party unten im Stadion, in Wien und vielleicht auch dort, wo Ernst Happel jetzt wohnt. Denn was kann es Schöneres geben bei einer EM, als schon vor Anpfiff des Duells mit Polen zu wissen, dass dieses zweite Gruppenspiel ganz bestimmt noch nicht das letzte sein wird. Dass man in jedem Ergebnisfall ein Endspiel bekommt am Montag um den Aufstieg ins Viertelfinale, nicht gegen Irgendwen aus Irgendwo, sondern gegen die Deutschen, den Nachbarn, mit dem man sich am allerliebsten balgt. Allerdings führt das 1:1 (1:1) von Team Austria nun dazu, dass die Partie Österreich - Deutschland nicht souverän entscheidet, wer weiterkommt, es wird der Quervergleich mit den Polen nach deren Spiel gegen Kroatien gezogen. Zunächst hatte Roger Guerreiro die Polen in Führung gebracht (30.), am Ende aber gipfelte die Party in einem phantastischen finalen Moment: In der Nachspielzeit zeigte Schiedsrichter Howard auf den Elfmeterpunkt, Prödl war von Lewandowski niedergerissen worden, und Ivica Vastic trat zur Ausführung an. Er ließ Artur Boruc, dem bis dahin besten Polen, keine Chance. Der Rest war Jubel in rot-weiß.

Chronologie des Versagens

Von der ersten Minute hatte man den Eindruck, dass es sich bei der Nachricht aus Klagenfurt um (erlaubtes) Doping für Österreichs so oft und viel gescholtene Kicker handelte. Wie erlöst legten sie los, befreit von der Angst des frühen Scheiterns. Nach 22 Minuten hätte es bereits 4:0 stehen können in diesem aufgeheizten Stimmungskessel. Ernst Happel hätte von seinen Ahnen jetzt wohl gesagt, sie seien die "Wödmasta" - allerdings im Chancenversieben. Weil’s so schön und zugleich so schrecklich war, hier die Chronologie des Versagens: 11.Minute: Harnik, der bei Werder Bremen angestellt ist, bricht auf dem linken Flügel durch, frei vor Torwart Boruc, doch er schiebt den Ball am Pfosten vorbei ins Aus. 14. Minute: Wieder Harnik, frei vor dem Tor wie nie zuvor in seinem Fußballerleben, doch Boruc hält. 16. Minute: Leitgeb schießt, Boruc wehrt ab. 22. Minute: Garics schießt, Boruc hält.

Den Polen schien alles viel zu schnell zu gehen, weshalb sie sich kurz an eine Strategie erinnerten, die sie in diesem Turnier (allerdings erfolglos) schon einmal gesehen hatten. Die Rehakles-Taktik, ein Modell der Spielverschleppung bis zum völligen Stillstand. Wenn sie ihn denn hatten, so schoben sich die polnischen Verteidiger den Ball zu. Hin und her. Her und hin. Hin und her - bis die aufgedrehten Österreicher beruhigt und fast schon eingenickt waren. Was den Griechen im Spiel gegen die Schweden nicht gelungen war, gelang nun den Polen: Als das Schlafmittel wirkte, schlugen sie nach einer halben Stunde unsensibel zu. Saganowski stoppte den Ball mit der Brust und legte für den Mann mit dem typisch polnischen Namen Roger Guerreiro auf. Der Treffer war in dreierlei Hinsicht eine Besonderheit: Der Schütze stand zwei Meter im Abseits, es war sein erstes Länderspieltor - und er war bis zum 17. April noch Brasilianer.

Die zweite Halbzeit begann mit einer Schwalbe. Ivanschitz, der Kapitän von Team Austria, hob ab, allerdings so ungeschickt, dass er Schiedsrichter Howard Webb, dem einzigen EM-Starter aus England, nur ein mildes Lächeln und keinen Elfmeterpfiff entlockte. Nur Polens Trainer Beenhakker hatte zur Pause einen Spielertausch vorgenommen und Bak/Jop, das tollpatschige Verteidigerpaar, getrennt. Das war wohl auch im Sinne des Jacek Bak, der seinen Festtag nicht im Chaos verbringen wollte: Es war sein 96.Länderspiel, in dem er Grzegorz Lato, den WM-Helden von 1974, als Rekordnationalspieler der Polen ablöste.

Kapitän ausgewechselt

Fortan aber war Österreichs Torwart Macho der meistbeschäftigte Mann auf dem Rasen. Mitte der zweiten Halbzeit musste Trainer Hickersberger reagieren, er brachte Kienast für Linz und entschied sich für eine schmerzhafte Maßnahme, er wechselte Kapitän Ivanschitz aus. Für ihn kam Vastic, 38, aber auch der Turniersenior konnte zunächst keine Impulse setzen. Dann kam der Elfmeter, die finale Szene. Und nun lässt dieses 1:1 aus Sicht der Österreicher für den Montag viele Rechenspiele in der Tabelle der Gruppe B zu. Alles ist offen, Leidenschaft ist Austrias größter Trumpf. Und Ernst Happel wird als Fan dabei sein. Irgendwie. Irgendwo.

(SZ vom 13.06.2008/mb)