Der Niederländer Jan-Klaas Huntelaar gehört zu den begehrtesten Mittelstürmern Europas. Doch ausgerechnet unter seinem berühmten Vorgänger hat er einen schweren Stand.
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"Ich suche mir eine Ecke aus, und schieße so, dass der Torwart nicht rankommt“: Jan-Klaas Huntelaar. Foto: AFP
Es ist das große Paradox des Oranje-Fußballs: ausgerechnet in den vom offensiven Spiel begeisterten Niederlanden haben es die Mittelstürmer außergewöhnlich schwer. Das klassische, seit Jahrzehnten vorherrschende 4-3-3-System mit zwei Flügelstürmern lässt den Torjägern nur einen einzigen Platz in der Stammelf, um den erbittert gekämpft wird. Wer nicht funktioniert, wird erbarmungslos ausgetauscht; nur Torhüter nehmen im Kader eine ähnliche Sonderrolle ein.
Wie schwierig es wirklich ist, selbst als übermäßig begabter Strafraumspieler in Holland Fuß zu fassen, weiß Klaas-Jan Huntelaar, 24, sehr gut. Er wäre in jeder anderen Nationalmannschaft der Welt Stammspieler, in ganz Europa gibt es derzeit keinen begehrteren jungen Stürmer. Und doch kann es sein, dass der höfliche, zurückhaltende Junge bei der EM wieder einmal vergeblich auf seinen Einsatz warten muss. Er hat schon viel Erfahrung damit.
Der im Dörfchen Drempten zwischen Kraut und Rüben in der östlichen Region Achterhoek - Hollands „hintere Ecke“ an der Grenze zu Deutschland - geborene Sohn eines Lehrers lernte beim kleinen v.v. Hummelo en Keppel das Fußballspielen, bevor er mit elf Jahren einen Ausbildungsvertrag beim Erstligisten und seinem Lieblingsklub De Graafschap unterzeichnete. Mit 17 hatte er sich in der B-Mannschaft etabliert und wurde vom PSV Eindhoven abgeworben.
Der dürre Blonde schien zu brav
Der damals von Guus Hiddink trainierte Spitzenklub erkannte seine außergewöhnliche Veranlagung – Huntelaar ist beidfüssig und auch in der Luft exzellent – zweifelte jedoch an seinem Durchsetzungsvermögen. Der dürre Blonde schien zu brav und schüchtern für den harten, Ich-bezogenen Job in der Sturmspitze. So wurde Huntelaar bald wieder zurück an De Graafschap ausgeliehen. 2003 kam er dann zum Zweitligisten AGOVV Apeldoorn, und dort kamen endlich die Tore: ihm gelangen 26 Treffer. Aus Dankbarkeit benannten "De Blauwen“ im vergangenen Jahr sogar eine Tribüne im Sportpark Berg & Bos nach ihm.
"The Hunter“, den Jäger, riefen sie ihn nun in Holland. Der SC Heerenveen kaufte ihn 2004 für 900.000 Euro und machte gleich fette Beute: Huntelaar schoss die Westfriesen mit einem einfachen Rezept in den UEFA-Pokal: "Ich suche mir eine Ecke aus, und schieße so, dass der Torwart nicht rankommt“, sagte er über seinen nüchternen Stil. Im Januar 2005 gelang ihm endlich der Wechsel zurück zu einem Spitzenverein. Ajax Amsterdam sicherte sich für neun Millionen Euro seine Dienste.
In der Hauptstadt übertraf er die Erwartungen. Er wurde Torschützenkönig mit 33 Treffern und galt als die große WM-Hoffnung der Niederlande. Seit 21 Jahren hatte kein Ajax-Spieler mehr als 30 Tore erzielt; der letzte, dem das gelang, war Sturmlegende Marco van Basten. Holland war sich sicher, mit Huntelaar endlich "van Bastens Erben“ gefunden zu haben, doch einer sah das anders: der heilige "San Marco“, seit 2004 Bondscoach, nominierte Huntelaar nicht.
Noch einmal 33 Tore
"Für Huntelaar ist es besser, bei der U21-EM zu spielen“, sagte Van Basten damals, "dort kann er zeigen, dass wir einen Fehler gemacht haben“. Während in Holland erste Zweifel an van Bastens fachlichen Kompetenzen aufkamen und die Mannschaft im Achtelfinale ausschied, bekämpfte Huntelaar seine Enttäuschung artig mit Toren: Er wurde Torschützenkönig bei dem Turnier in Portugal und sicherte Holland den ersten U21-Titel.
Mittlerweile durfte er auch in der "Elftal“ stürmen, beim verrückten 4:3-Sieg gegen die Österreicher im März brachte er die EM-Gastgeber mit zwei späten Toren um einen Überraschungssieg. In den Alpen wird der Jäger dabei sein. Nicht einmal der schrullige van Basten kann es sich erlauben, Huntelaar nach 33 Ajax-Toren in der abgelaufenen Saison ein weiteres Mal daheim zu lassen. "Er sieht so aus, als hätten sie van Basten geklont“, hat der Real Madrid-Trainer Bernd Schuster kürzlich gesagt, "wie er sich bewegt, beidbeinig schießt und kraftvolle Kopfbälle ansetzt, all dies erinnert mich an van Basten."
Die Königlichen würden ihn, genau wie Manchester United, gerne verpflichten. Er ist gut genug, um an den Verteidigern in der verflixten Gruppe C vorbei zu kommen; die Frage ist nur, ob van Basten ihn endlich lässt: Ruud van Nistelrooy ist nach einem Streit mit dem Nationaltrainer pünktlich zur EM zurückgekehrt und als einzige Spitze vermutlich gesetzt. Der nette Herr Huntelaar droht so wieder einmal zum Opfer des Systems zu werden, und mit ihm die gesamte "Elftal“. Hollands Fußball braucht ja bekanntlich keine Gegner für den Misserfolg; man steht sich selbst immer am besten im Weg.
