Von Joachim Mölter

Frank Rommel ist Deutschlands erster Skeleton-Europameister - den Erfolg nimmt er gelassen zur Kenntnis.

Frank Rommel

Frank Rommel ist Europameister im Skeleton. Foto: AP

Im Skeletonsport bilden Mensch und Gerät idealerweise eine Einheit, erzählt Frank Rommel, doch am Sonntag musste er sich in St.Moritz von seinem Schlitten trennen. Während das Gefährt nun in einem großen Container mitsamt den Fahrzeugen der Kollegen aus der Bob-Abteilung nach Kanada verfrachtet wird, fuhr Rommel selbst erst einmal heim nach Oberhof, "Kraft tanken für die Übersee-Tournee", wie er sagte.

Fünf Wochen lang werden die deutschen Bob- und Skeletonsportler demnächst durch Nordamerika kurven, erst zum Trainieren auf der künftigen Olympiabahn von Vancouver, dann zu Weltcups ebendort und in Park City, dem Olympiaort von 2002, schließlich zur Weltmeisterschaft in Lake Placid. Und für die will sich Frank Rommel noch stärken, denn bei der WM wird er zu den Titelanwärtern zählen. "Das freut und ehrt mich", sagt er, "aber das war klar, dass ich nun als Mitfavorit gehandelt werde."

Am Samstag hat der 24-Jährige in St.Moritz seinen vierten Sieg im fünften Weltcuprennen dieses Winters gefeiert; gleichzeitig holte er dabei als erster Deutscher den Europameistertitel, mit fast einer Sekunde Vorsprung auf Weltmeister Kristan Bromley aus Großbritannien. Nur beim Saisonauftakt in Winterberg kam Rommel nicht in die Punkteränge, da wurde er wegen eines Frühstarts disqualifiziert. Der Start ist ja generell seine Schwäche, "da hat er immer noch ein bisschen Rückstand", sagt Bundestrainer Jens Müller. Auf den ersten Metern verliert Rommel bis zu drei Zehntelsekunden auf den Russen Alexander Tretjakow, den Führenden im Gesamtweltcup, und bis zu zwei auf den Letten Martin Dukurs. "Das Starttempo der beiden ist jenseits von Gut und Böse, das lässt jeden blass aussehen", findet Rommel.

Dafür sei dessen Fahrgefühl "momentan das Nonplusultra", schwärmt Bundestrainer Müller: "Er hat eine sehr, sehr aerodynamische Fahrlage, macht relativ wenige Lenkbewegungen, kommt fast immer an die Ideallinie heran." Der angehende Bankkaufmann, der vor zehn Jahren direkt zum Skeletonsport kam, ohne den üblichen Umweg übers Rennrodeln, sei von jeher "ein begnadeter Fahrer" gewesen, erzählt Müller, der Rodel-Olympiasieger von 1988, "aber jetzt kann er seine Trainingsleistungen im Wettkampf umsetzen und sogar noch steigern."

Rommels Schlüsselerlebnis sei der dritte Platz bei der WM 2008 in Altenberg gewesen, findet Trainer Müller: "Da hat Frank zum ersten Mal über vier Läufe hinweg eine konstante Leistung gezeigt, und dieses Ergebnis hat dazu geführt, dass er optimistisch in diese Saison gestartet ist." Rommel bestätigt: "Das war ein zusätzlicher Motivationsschub - und eine Bestätigung dafür, dass die Arbeit der vergangenen Jahre richtig war." Um beim Skeleton erfolgreich zu sein, erklärt Rommel, müssten viele Faktoren zusammenpassen, wie bei einem Puzzle: "Und im Moment passt alles bei mir."

Athletisch fühle er sich fit, sein Schlitten sei vom Leipziger Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) ideal auf seine Fahrweise zugeschnitten worden, auch privat sei alles im Lot mit Freundin Julia, Schwester des Rennrodlers Jan Eichhorn und bis zu dieser Saison ebenfalls auf dem Skeleton unterwegs, ehe sie ihre Karriere mangels Perspektive beendete.

Maßgeblich ausschlaggebend für seinen internationalen Durchbruch in diesem Winter ist jedoch eine andere Komponente gewesen, die mentale. Sagt Trainer Müller, und sagt auch der Athlet selbst. "Ich bin perfektionistisch veranlagt", gibt Rommel zu, "und bin mir deshalb früher oft selbst im Weg gestanden." Der Athlet habe es immer zu gut machen wollen, erklärt Müller, und sei deshalb oft verkrampft gefahren. "Mittlerweile will ich nicht mehr alles erzwingen", findet Rommel: "Man muss entspannt auf dem Schlitten liegen. Wer mit dem geringsten Aufwand runterfährt, kommt automatisch weit vorne an."

Mit dieser Einstellung ging Frank Rommel also in den Wettbewerb vom Wochenende. Die Bahn in St.Moritz liegt ihm ohnehin, da feierte er im Jahr 2006 als EM-Zweiter seinen ersten größeren Erfolg, dem lange kein zweiter folgte. "Ich habe den Schlitten einfach laufen lassen", berichtete er von seiner Herangehensweise: In beiden Läufen kam er mit der Bestzeit aller Teilnehmer an.

Wie er gedanklich und praktisch an welche Bahn herangeht, bespricht Frank Rommel oft mit Andy Böhm, dem Skeleton-Weltmeister des Jahres 2000. "Schon als ich angefangen habe, habe ich sehr profitiert von seinem Wissen", berichtet Rommel. Der ebenfalls aus Oberhof stammende Böhm ist mittlerweile als Physiotherapeut mit den deutschen Biathletinnen unterwegs, gibt seinem potentiellen Nachfolger aber weiterhin Tipps per Telefon. "Er ist schon auf allen Bahnen dieser Welt gefahren", sagt Frank Rommel, "seine Meinung gibt mir zusätzlich Sicherheit."

(SZ vom 19.01.2009/jüsc)