Von Philipp Selldorf

Nach dem deutlich verlorenen Finale zeigen sich in der deutschen Mannschaft sportliche Defizite und innere Widersprüche - zum Beispiel bei einem Disput zwischen Michael Ballack und Oliver Bierhoff.

(Foto: ddp)

Wo er die Medaille für den dritten Platz bei der WM 2006 gelassen hat, das weiß Per Mertesacker nicht mehr, und er vermutet, dass er in zwei Jahren auch nicht mehr weiß, wo er die Medaille aufbewahrt, die ihm Michel Platini am Sonntag in Wien umgehängt hat. Es könnte sogar sein, dass Mertesacker die Trophäe schon am nächsten Tag nicht mehr wiedergefunden hat, denn noch im Stadion hatte der 23-Jährige einen leicht weggetretenen Eindruck hinterlassen.

Mit einer Bierflasche in der Hand war er aus der Kabine in die Interviewzone gekommen, wo sich mindestens tausend Reporter aus mindestens fünf Erdteilen aufhielten, weshalb es in dem Saal weniger Sauerstoff gab als auf dem Mond - unter diesen infernalischen Umständen war es Mertesacker absolut nachzusehen, dass ihm einige Details des ohnehin schwer zu verkraftenden Final-Abends abhanden kamen: Zum Beispiel wusste er nicht mehr, was die Kanzlerin ihm beim Defilée auf der Ehrentribüne gesagt hatte ("war trotzdem schön, sie zu sehen"), und dann behauptete er sogar ernsthaft, die deutsche Elf habe "gut verteidigt" im 0:1 verlorenen Endspiel gegen Spanien.

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Bei dieser eigenwilligen Deutung hat er wohl Trost im Trotz gesucht, und auf Trost hatten die deutschen Spieler tatsächlich reichlich Anspruch. Es war ein doppelt bedrückender Final-Abend für sie gewesen: Einerseits hatten sie während der Partie selbst gemerkt, dass der Gegner mit Ausnahme der ersten Viertelstunde konstant besser spielte als sie, andererseits mussten sie die Gegenwehr bis zur letzten verzweifelten Sekunde aufrechterhalten, weil die Spanier das entscheidende zweite Tor versäumten.

Aber was war das für eine klägliche deutsche Schlussoffensive: Die eingewechselten Angreifer Kuranyi und Gomez und der in die Spitze aufgerückte Podolski warteten auf Zuspiele, aber sie bekamen sie nicht, weil die Anderen den Ball nicht hergaben. Die Spanier hetzten mit ihren flinken Kombinationen die erschöpften Frings und Ballack bis in Lehmanns Strafraum, sie deckten vor der ganzen Welt die enormen fußballerischen Schwächen von Metzelder auf. Es war frustrierend für die Deutschen, weshalb der Abpfiff auch eine Erlösung bedeutete: Die Vorführung - im doppelten Sinne des Wortes - hatte ein Ende.

So fiel es Michael Ballack bei der Niederlage in Wien auch viel leichter, die Haltung zu bewahren als vor sechs Wochen beim dramatisch verlorenen Europacupendspiel in Moskau, wo er in Tränen ausgebrochen war. Während Schweinsteiger zusammensank wie bei der Tragödie im Theater, blieb Ballack einfach stumm auf der Stelle stehen. Irgendwann ließ er sich dann kauernd am Mittelkreis nieder, schweigend, Blick ins Nirgendwo gerichtet. Vom spektakulär durch die Gegend geworfenen spanischen Trainer Aragonés bekam er nichts mit.

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Doch beim Kapitänspflichtprogramm fand Ballack wieder in die reale Welt zurück. Auf der Ehrentribüne war er plötzlich ganz locker, er plauderte mit Sepp Blatter und Angela Merkel, er schien das Unglück des Abends längst akzeptiert zu haben. "Jetzt müssen wir wohl noch ein wenig warten, bis wir richtig feiern können", hatte Angela Merkel ihn getröstet, aber in Wahrheit kann er natürlich nicht mehr warten: Ende September wird er 32, und die Überzeugung, bei der WM 2010 mit dieser Nationalelf den ganz großen Coup zu landen, ist während des EM-Turniers nicht gewachsen. Diese Nacht in Wien bot ihm vielleicht seine letzte Titelchance.

Oliver Bierhoff hätte das wissen müssen, als er Ballack eine Weile später mit einem vorfabrizierten Danksagungsplakat vor die Fankurve zu schicken versuchte. Ballack wollte nicht gehen, Bierhoff drängte ihn trotzdem, und dann war es gut, dass Kevin Kuranyi und Hansi Flick zur Stelle waren, um zu verhindern, dass der deutsche Kapitän vor Millionen Zuschauern einen platzverweiswürdigen Zweikampf mit dem deutschen Teammanager führte. Dank der Schlichter blieb es bei fußballüblichen Beleidigungen. Bierhoff sprach später beschwichtigend von einem "kleinen Disput - Michael Ballack war emotional sehr aufgewühlt", aber so leichtgewichtig war der Vorfall nicht.

Er stand stellvertretend für grundsätzliche Misshelligkeiten im DFB-Lager und für die Debatten, die während des Unternehmens EM hinter den verschlossenen Türen des Hotels in Ascona geführt wurden. Nach außen suggerierten Bierhoff und der Trainerstab perfekte Harmonie im deutschen Quartier, aber das sorgte nicht nur bei den Reportern hinter den blickdichten Zäunen und bewachten Toren für Zweifel. Auch im Inneren stieß die Wohlfühlpolitik mit inszenierter Klassenfahrt-Atmosphäre auf Befremden, und tatsächlich war das offizielle Bild vom wunderbaren Mannschaftszusammenhalt zu guten Teilen Propaganda.

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Leserkommentare (42)



02.07.2008 09:22:36

stef722: Widerlich

wie hier aber auch alles, was die Löw-Truppe in den letzten Wochen geleistet hat, in den Dreck gezogen wird.

Es ist schon eine Unverschämtheit, was uns die deutsche Mannschaft angetan hat, nicht ? Noch dazu wurden wir auch noch alle gezwungen, uns diese grottenschlechten Spiele samt Abschlussfeier in Berlin anzuschauen, statt unsere Zeit sinnvoller zu verbringen. Pfui !


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