Vier Wochen bei einem großen Fußballturnier gehen nicht spurlos vorbei. Computer funktionieren nicht mehr, das Auto ist verschwunden, der Mensch hält sich nur mit viel Koffein wach. Es ist das "Survival of the awakest".
Von Jürgen Schmieder
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Der Arbeitsmarathon bei der EM zwingt Journalisten manchmal zu einem kleinen Nickerchen. Foto: ddp
Als der Russe Sergej Semak am Donnerstag Abend durch die Mixed Zone im Ernst-Happel-Stadion in Wien ging, sah er aus wie der typische EM-Teilnehmer in diesen Tagen. Er hatte Ringe unter den Augen, sein T-Shirt hing über die Hose, ein Schnürsenkel war offen. Kein Wunder, Semak war in fünf Spielen mehr als 60 Kilometer gelaufen, dazu kamen tägliche Trainingseinheiten und Verpflichtungen den Sponsoren und Medien gegenüber.
So ein Turnier geht eben nicht spurlos an einem vorbei. An niemandem. Auch bei mir machen sich die Verschleißerscheinungen bemerkbar. Mein wichtigster Begleiter in diesen Tagen ist eine große Tasse Kaffee, die halbstündlich aufgefüllt wird. Ich habe mehr Haare im Gesicht als darüber, meine Augenringe haben Semakeske Ausmaße, am vergangenen Mittwoch bin ich während einer kurzen Pause einfach eingeschlafen.
Die letzten Kräfte mobilisieren
Wir bewegen uns auf der Zielgeraden - und das gilt nicht nur für den Menschen. Mein Computer etwa sendet deutliche Signale, dass er nicht mehr eingeschaltet werden möchte. Ich kann nur noch im Internet surfen, wenn ich die Verbindung zum System des Verlages kappe. Arbeiten kann ich nur, wenn kein Browserfenster geöffnet ist. Am Freitag ist mein Computer während einer kurzen Pause einfach eingeschlafen.
Mein Auto will auch nicht mehr gefahren werden, es versteckt sich gar vor mir. Als ich nach dem Halbfinale zwischen Russland und Spanien auf den Parkplatz kam, war es verschwunden. Weg. Einfach so. 45 Minuten lang musste ich suchen, dann entdeckte ich mein Gefährt hinter eine Plane, die ein paar Schlingel der Uefa dort während des Spiels aufgebaut hatten - wahrscheinlich auf Anordnung meines Autos.
Es gilt nun, die letzten Kräfte zu mobilisieren und bis zum Finale am Sonntag die beste Leistung abzuliefern. Ich kann das, ich komme aus Deutschland. Ich bin ein Tournier-Journalist.
Unsere Autoren Ronald Reng und Jürgen Schmieder berichten in unserem Tagebuch "Doppelspitze" abwechselnd von ihren Erlebnissen am Rande der Europameisterschaft.
Ronald Reng ist Autor des preisgekrönten Fußball-Buchs "Der Traumhüter" über den wahren Aufstieg eines deutschen Kreisliga-Fußballers in die englische Premier League-
Jürgen Schmieder ist Autor des Buches "Mein Bauch gehört mir", erschienen in der "Süddeutsche Zeitung Edition".
(sueddeutsche.de/mb)
