Nach der Auftaktniederlage meutern Italiens Nationalspieler gegen ihren Trainer. Die Presse droht und diktiert ihm die Aufstellung mit dem Problemfall Cassano.
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Antonio Cassano gilt als eines der größten Talente im Fußball, hat aber einen schwierigen Charakter. Foto: AFP
Es geht hoch her rund um das Trainingslager der Azzurri in Niederösterreich. Der Weinbauverein Maria Enzersdorf hat am Mittwoch sein "Urbanifest" eröffnet, gleichzeitig stieg in der "Kulturjause" die Premiere der Theatergruppe "Versuchsballon" mit dem verheißungsvollen Titel: "Melange mit Witz". Bei diesem hochrangigen Kulturprogramm verwundert es kaum, dass kein Mensch mehr zum Training der Weltmeister geht.
Apropos Witz, in Italien erzählt man sich: "Buffon sagt: Gegen Holland hatten wir das schlechteste Spiel der letzten zwölf Jahre. Da antwortet Donadoni: Warte bis Freitag." Am Freitag, gegen Rumänien, entscheidet sich, ob sich die Squadra Azzurra weiter ihren Double-Träumen hingeben kann oder ob sie vorzeitig nach Hause fahren muss. Vorsorglich haben einige Nationalspieler gleich nach der historischen Holland-Pleite schon einmal das touristische Pflichtprogramm hinter sich gebracht.
Keine andere Wahl mehr
Marco Materazzi fuhr mit den Kindern im Wiener Prater Karussell. Gigi Buffon führte seine Lebensgefährtin, ein bekanntes Unterwäschemodell, spazieren. Daniele De Rossi vertrieb sich die Zeit mit Familie in Maria Enzersdorf, machte allerdings einen Bogen um den Weinbauverein. De Rossi soll gegen die Rumänen das Vaterland retten, da ist Nüchternheit oberstes Gebot.
Den 24-Jährigen vom AS Rom hatten Medien, Fans und Funktionäre eigentlich schon gegen Holland erwartet. Vor allem aber erwartete De Rossi sich selbst. Donadoni ließ ihn bis zwei Stunden vor Anpfiff in diesem Glauben - und schickte ihn auf die Bank. Der Römer soll stocksauer gewesen sein, wer De Rossi kennt, weiß, dass eine solche Gemütslage nicht geräuschlos vorüberzieht. Inzwischen hat der Trainer keine andere Wahl mehr - halb Italien ruft nach De Rossi, zweifellos der beste Mittelfeldspieler der letzten Saison. Und Donadoni kann sich keinen Fehler mehr erlauben.
"Er hat kein Alibi", drohte am Mittwoch die Gazzetta dello Sport und berichtete, dass der Comissario Tecnico von den Altvorderen seiner Mannschaft wie Del Piero und Cannavaro hart angegangen worden sei. Die Spieler beklagten mangelnde Vorbereitung, unzureichendes Training, fehlende Affinität zwischen Coach und Mannschaft. Die Zeitung zitierte einen anonymen Nationalspieler: "Wir probieren nie die Startformation, erfahren erst wenige Stunden vorher, wer überhaupt spielt. Der behandelt uns wie Kinder."
Noch nie ist ein Nationaltrainer während eines Turniers derart offen, derart schroff kritisiert worden. Und wenn tatsächlich die Chemie nicht stimmt zwischen dem 44-jährigen Donadoni und seinen Spielern, so sind die weiteren Aussichten für den Verbleib beim Turnier tatsächlich düster.
Nur halbherzig unterstützt von einem Verband, der im Falle frühzeitigen Ausscheidens schon Marcello Lippi ante portas weiß und Roberto Donadoni über Monate auf dessen Vertrag warten ließ, mit der Presse und der halben Mannschaft gegen sich, steht der Trainer mit dem Rücken zur Wand. Die Formation gegen Rumänien wird ihm von allen Seiten diktiert, auch der unvermeidliche Regierungschef Silvio Berlusconi hat Donadoni angerufen (Inhalt Staatsgeheimnis), doch Ruhe bleibt für den Nationaltrainer die erste Bürgerpflicht.
Nirgends werden so schnell und so gnadenlos Helden und Verlierer geschaffen wie in Italien. Der früherer Milan-Profi und Nationalspieler Donadoni weiß das sehr gut. Falls sein Team das nächste Match übersteht, wird der Frust sofort in Begeisterung umschlagen.
Der Ruf nach Cassano
Aber wie? Die Tifosi akklamieren in seltener Einmütigkeit neben dem topfitten Mannschaftsmotor De Rossi den gleichaltrigen Antonio Cassano von Sampdoria Genua und den 33-Jährigen Alessandro Del Piero von Juventus.
Del Piero hat eine glänzende Saison als Torschützenkönig absolviert und brennt darauf, in seinem vermutlich letzten großen Turnier noch einmal alles zu geben. Cassano absolviert bei Donadoni sein x-tes Resozialisierungsprogramm, er gilt als eines der größten Talente des calcio, aber die Legenden über seinen schwierigen Charakter füllen Bände.
Anders als seine Teamkollegen - Mittelschichtkinder ohne große biografische Brüche - enstammt Cassano dem süditalienischen Subproletariat. In seiner Heimatstadt Bari hat die Familie einen zweifelhaften Ruf - nicht erst, seit der ältere Bruder unter dem dringenden Verdacht festgenommen wurde, Kopf einer Bande zu sein, die in Bari und um Bari herum die Geldautomaten aus der Verankerung stemmte und in einem Porsche Cayenne nach Hause fuhr.
Nach Antonio Cassano ist in Italien eine ganz eigene Spezies des Über-die-Stränge-Schlagens benannt, die "Cassanata". Er wirkt immer noch ungezähmt, überbordend, unberechenbar. Aber auf dem Platz sieht man nur sein Temperament. Ein Temperament, das Italien jetzt dringend braucht.
(SZ vom 12.06.2008/pes)
