Von Daniel Theweleit

Fast alle EM-Teilnehmer setzen Spieler aus Einwandererfamilien oder eingebürgerte Spieler ein - die kulturellen Einflüsse heben die spielerische Qualität.

Mehmet AurelioGrossbild

Steht im Kader der türkischen Auswahl: der ehemalige Brasilianer Mehmet Aurelio. (Foto: Reuters)

Eine schöne Frage für Günther Jauchs Millionenshow wäre in diesen EM-Tagen: "Welcher deutsche Nationalstürmer ist in Deutschland geboren?" Mario Gomez, Miroslav Klose, Oliver Neuville oder Lukas Podolski könnten die Antwortmöglichkeiten lauten, und wenn es schon um eine halbe Million Euro gehen würde, ließe sich die Frage auch problemlos erschweren. Man müsste nur David Odonkor, Marko Marin, Kevin Kuranyi und Gerald Asamoah zur Wahl stellen. Zwei deutsche Eltern hat keiner dieser acht Spieler, Jauch hätte seinen Spaß, denn in Deutschland geboren sind tatsächlich nur Gomez (spanische Eltern) und Odonkor (Vater aus Ghana).

Steigerung der Kreativität

Dass Nationalteams immer mehr international gemischt werden, ist kein neues Phänomen, gleichwohl ist die Dimension bei dieser Europameisterschaft neu. Im Kader der Schweiz stammen 13 der 23 Spieler aus Zuwandererfamilien oder haben zumindest einen Elternteil ohne eidgenössische Staatsbürgerschaft. Österreich spielte mit Ümit Korkmaz, Ronald Gercaliu, György Garics, Ivica Vastic - und was wäre Portugal ohne seine Brasilianer Deco und Pepe?

Man könnte die Liste beliebig fortführen, die Zusammensetzung vieler Mannschaften spiegelt ein multikulturelles Europa. Arsène Wenger, der Trainer von Arsenal London, hat einmal gesagt, er sei überzeugt, "dass unterschiedliche kulturelle Einflüsse eine Mannschaft kreativer machen". Diese auf den Vereinsfußball bezogene These lässt sich auch auf die Nationalmannschaften übertragen. Der Ästhet darf sich freuen.

Zwar gibt es Ausnahmen: Für Italien spielt nur der ehemalige Argentinier Mauro Camoranesi, und Spanien setzt einzig den in Brasilien geborenen Marcos Senna ein. Doch selbst Nationen wie Kroatien und die Türkei nehmen Teil am großen Austauschprogramm. Dort bringen die in Deutschland geborenen Hamit Altintop, Hakan Balta (Türkei), Niko und Robert Kovac, Ivan Klasnic oder die in der Schweiz aufgewachsenen Ivan Rakitic und Mladen Petric (alle Kroatien) ihre Sozialisationserfahrung ein.

Genetisches Gemisch als Erfolgsgeheimnis

Marcel Desailly, der 1998 mit einer afrikanisch geprägten französischen Mannschaft Weltmeister wurde, sagt: "Natürlich hat Frankreich durch uns Einwanderer Stärken erhalten, die andere europäische Teams nicht hatten." Desailly ist in Ghana geboren, er arbeitet während der EM für das französische Fernsehen und meint: "Nur mit all diesen Einflüssen können wir Europäer langfristig gegen Nationen wie Brasilien bestehen."

Brasiliens Volk ist so etwas wie der Prototyp einer durchmischten Gesellschaft. Indianische Einflüsse sind dort verschränkt mit süd-, mittel- und nordeuropäischen Elementen, und wegen der Sklaven, die einst eingeschifft wurden, ist auch Afrika vertreten. Vielleicht gehört dieses genetische Gemisch zu den Erfolgsgeheimnissen des überlegenen brasilianischen Fußballs.

Dass die angeborenen Voraussetzungen für fußballrelevante Aspekte wie Sprintstärke, Beweglichkeit oder Ausdauer in verschiedenen Weltregionen unterschiedlich verteilt sind, ist längst wissenschaftlich belegt. "Viele Spieler in Afrika verfügen über eine andere Kraft und eine naturgegebene Geschmeidigkeit", sagt Otto Pfister, der Trainer Kameruns, immer wieder gerne.

Auf der nächsten Seite: Sechs gebürtige Brasilianer bei der EM - und warum Fifa-Päsident Blatter die fußballerisch motivierten Einbürgerungen nicht gefallen.

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Leserkommentare (7)



18.06.2008 23:52:53

slbvic: gutmenschen und gleichheit

Die in der franz. revolution ausgerufenen gleichheit, bezog sich nicht auf die menschen sondern auf die rechte!!

Die genetisch bedingten unterschiede kann man nicht mit vorwurf des rassismus negieren!


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