Klinsmann-Jünger Per Mertesacker verkörpert das Gegenteil des archaischen Verteidigerbildes.
Wieder zuerst am Ball: Per Mertesacker klärt gegen den Zyprer Efstathios Aloneftis. Foto: Reuters
Ob die walisische Nationalmannschaft qualitativ vor oder hinter dem zyprischen Auswahlteam steht, bleibt ein Rätsel, das die Menschheit vermutlich nicht lösen wird. Fest steht, dass Deutschland schon bessere Gegner hat besiegen müssen, aber das interessiert Per Mertesacker nicht. Er spielt in Frankfurt zwar schon sein 39. Länderspiel, doch gegen den Verdacht von Alltag und Routine wehrt sich der Verteidiger von Werder Bremen energisch. "Von Normalität darf man nicht sprechen, dafür ist der Stellenwert eines Länderspiels viel zu hoch", sagt er, als ob man ihn beleidigt hätte und er fügt hinzu: "So weit bin ich noch nicht."
Letzteres darf bestritten werden. Per Mertesacker ist erst 23 Jahre alt, aber seine Erfahrung reicht weit, er kennt bereits alle Wettbewerbe, nationale und internationale, und deren extreme Auswüchse in Titel-, Meisterschafts- und Abstiegskampf. In seinen Teams, beim SV Werder und in der Nationalelf, ist er definitiv unentbehrlich. Seitdem er vor drei Jahren in Gesellschaft des Hannoveraner Klubkollegen Brdaric in München aus dem Taxi gestiegen ist, um sich im Rang des Grünschnabels das erste Mal zu einem Treffen der Nationalmannschaft einzufinden, scheint ein halbes, wildes Fußballerleben vergangen zu sein, und so recht begreifen kann er das immer noch nicht. Wild ist er übrigens gar nicht.
Nur fünf gelbe Karten in 112 Bundesligaspielen
Der größte Einschnitt in seiner Karriere trug sich aber am Rande des großen Geschehens zu, Anfang August beim Pokalspiel in Braunschweig gegen den Regionalligisten Eintracht: Da zeigte ihm Schiedsrichter Manuel Gräfe die rote Karte, weil er ausnahmsweise zu spät gekommen war, und das muss für Per Mertesacker ein Schockerlebnis gewesen sein, als sei ihm just der Yeti über den Weg gelaufen. Yetis kommen selten vor in Deutschland, aber kaum seltener als dass Mertesacker Verwarnungen bei seiner Verteidigerarbeit entgegennimmt. In 112 Bundesligaspielen hat er doppelt so viele Tore geschossen - nämlich zehn - wie gelbe Karten gesehen. Fünf Stück insgesamt - Tomasz Hajto oder Bernd Hollerbach hätten dafür höchstens vier Spiele gebraucht. Eine Statistik besagt, dass Mertesacker nur alle 450 Minuten ein Foul begeht. Die Daten seiner gewonnenen Zweikämpfe sind erschreckend gut, bei der WM 2006 hatte er angeblich die besten Werte aller Spieler.
Wie soll man das erklären? Für den inzwischen emeritierten Kollegen Hajto hat Mertesacker Verständnis ("der hat von seiner Aggressivität gelebt, die Fouls hat er gebraucht, um ins Spiel reinzukommen"), aber für ihn sind Zweikämpfe eine Frage der Abwägung. "Man muss genau einschätzen können: Wann gehe ich in einen Zweikampf? Wann ist es besser, ihn zu vermeiden?", erläutert er. Hajto und Mertesacker, das sind zweierlei Seiten desselben Berufs, sie ähneln sich wie in unserer Galaxie Erde und Mars. Hajto legte sein Spiel recht archaisch als Männerkampf aus, für Mertesacker ist es eine Frage von Koordination und Programm, urtümliche Emotionen kommen nicht vor. Dabei hat er in seiner frühen Vereinszeit, von der F- bis zur C-Jugend, als Libero angefangen. Erst um die Jahrhundertwende drang die Viererkette als Abwehrkonzept bis in seine Jugendabteilung durch.
Heutzutage ist der Libero ja verpönt, aber für den einstmals kleinen Per war der Posten eine gute Schule, wie er sagt. Sie bedeutete eine Art Grundausbildung, um auf den heutigen, neuesten Stand der Forschung zu gelangen. Den referiert er, gelehrig wie er ist, flüssig und fehlerfrei: "Weg von dieser Manndeckung und hin zu präziser Raumaufteilung, weniger auf den Gegenspieler schauen als auf den richtigen Abstand untereinander und innerhalb der Abwehr. So dass man die Gefahr minimiert, zu Fouls gezwungen zu werden." Bei der Nationalmannschaft, meint er, werde das "extrem trainiert und vorbereitet". Im Nationalteam ist Mertesacker für seine Trainer ein besonders dankbarer Schüler. Noch heute schickt ihm aus Kalifornien Jürgen Klinsmann vor jedem Länder- und Europacupspiel eine Botschaft mit guten Wünschen aufs Handy.
Seine Auffassung von gemeinschaftlicher, nach Gebrauchsanweisung erlernbarer Deckungsarbeit ergänzt Mertesacker mit einem äußerst beherrschten Temperament. Er kann sich nicht erinnern, dass ihm ,,einmal die Hutschnur geplatzt wäre‘‘, nicht mal in der Jugend. Revanche- und Frustfouls sind ihm fremd. Das führt nun aber dazu, dass ihm eine elementare Fähigkeit fehlt, nämlich das gemeine Foul um des gemeinen Fouls willen. Eine Methode, mit der zum Beispiel der Schalker Mladen Krstajic seine Gegenspieler erschreckt. Mertesacker weiß, worum es geht: "Manchmal wird gefordert, dass ein Zeichen kommt. Damit der Stürmer spürt, dass der Verteidiger auf dem Platz ist." Aber dieser gezielte Gewaltakt fällt ihm schwer. Er fühlt sich deshalb nicht moralisch überlegen, im Gegenteil: Er spricht von der "Kehrseite" seines so wenig körperlichen Verteidigerstils. Auch in der psychologischen Kriegsführung ist er nicht versiert, den Stürmer mit Beleidigungen gegen Mutter und Schwester zu versehen, ist nicht seine Art, doch das vermisst er nicht: "Die beste Kriegsführung ist für mich, die ersten Zweikämpfe zu gewinnen", sagt er, "wenn der Stürmer sieht, dass er wenig Land bekommt."









