Von Thomas Kistner

Läufer René Herms ist an einer Herzmuskelentzündung gestorben, obwohl er regelmäßig untersucht worden war. Ist die medizinische Betreuung von Sportlern mangelhaft?

Leichtathletik René Herms, APGrossbild

Für den Tod von René Herms war eine Entzündung der Herzmuskulatur verantwortlich. Dabei war der Leichtathlet regelmäßig untersucht worden. (Foto: AP)

Freitag war ein harter Arbeitstag für Christian Avenarius. Erst wurde eine bei einer Gewalttat lebensgefährlich verletzte 13-Jährige gefunden, wenig später bekam der Dresdener Oberstaatsanwalt den Obduktionsbefund für René Herms auf den Schreibtisch. Der rechtsmedizinische Befund verlautet, dass der 26-Jährige Leichtathlet "eines natürlichen Todes" gestorben sei.

"Als Todesursache", gab Avenarius bekannt, "hat der Sachverständige eine durch Viren ausgelöste Entzündung der Herzmuskulatur (Virusmyokarditis) festgestellt. Infolge dieser Entzündung sei es zu einem plötzlichen Herzversagen gekommen." Damit werde das Todesermittlungsverfahren abgeschlossen.

Das viral bedingte, "beidseitige" Herzversagen ereilte den Athleten so überraschend, wie das aus den häufigen Fällen des so genannten "Sekundentodes" im Sport bekannt ist. Die Rechtsmediziner hatten Herms Witwe erklärt, die Herzmuskelentzündung sei durch eine schon länger zurückliegende Herpes-Infektion ausgelöst worden, berichtete der sid unter Berufung auf Herms frühere Managerin Kerstin Pohlers; Ursache könnten Röteln oder eine Gürtelrose gewesen sein.

"Es gab keine Anzeichen"

Herms war am 10. Januar tot zu Hause vor dem Computer aufgefunden worden. Angehörige hatten bei letzten Kontakten mit ihm am Todestag zuvor keine Auffälligkeit bemerkt. Auch hatte der zwölfmalige deutsche 800-Meter-Meister, der zuletzt beim Dresdner SC trainierte, noch am 9. Januar trainiert. Trainer Dietmar Jarosch: "Wir haben uns ganz normal verabschiedet, es gab keine Anzeichen."

Gleich nach der Todesbotschaft unterrichtete Herms' Verein LG Braunschweig seine Athleten per Mail, Herms habe einen grippalen Infekt gehabt. Ein LG-Vorständler teilte mit, dass Herms kürzlich einen Laktattest gemacht hatte, "die Werte sollen sehr gut gewesen sein, hat er mir berichtet". Laut Ex-Trainer Klaus Müller hatte Herms vor, am 19. Januar mit Müllers Sportlergruppe ins Trainingslager nach Kienbaum zu gehen.

"Einfach tragisch", kommentierte Clemens Prokop betroffen; der Chef des Deutschen Leichtathletikverbands DLV hat intern bereits die Frage gestellt, "wie gut unser Gesundheitsmanagement ist". An entsprechenden Topteam-Lehrgängen habe Herms über Jahre teilgenommen, es geht dabei um Aufklärung, Betreuung, Prävention.

Der Verdacht sei trotzdem, dass sich die "subjektive Gesundheitseinschätzung mancher Sportler öfter mit Leichtsinn paart". Prokop: "Wir müssen versuchen, die Athleten zu größerer Selbstsorgfalt zu bewegen."

Drei- bis viermal im Jahr untersucht

Auf Herms traf dies eher nicht zu. Der Mittelstreckler wurde sogar seit Beginn seiner Kaderzugehörigkeit im DLV von Leistungsdiagnostikern am Leipziger Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) betreut, teilte Sprecherin Kerstin Henschel der SZ mit. Herms sei "drei- bis viermal im Jahr zur Leistungsdiagnostik" gekommen, zudem wurde ihm trainings- und wettkampfdiagnostische Betreuung zuteil. Eine IAT-Publikation von 2004 ("Erfahrungen beim mehrjährigen Leistungs- und Belastungsaufbau eines 800-Meter-Läufers") zeichnete Herms Weg zu Olympia 2004 in Athen nach.

Noch im November, so Henschel, habe sich Herms einer Leistungsdiagnostik unterzogen. Dabei müsse der Athlet erst einen Gesundheitscheck durchlaufen, bevor er die Tests unter körperlicher Vollbelastung absolvieren darf.

Der tragische Todesfall gibt den Forderungen vieler Sportmediziner nach intensiveren, die ganze Saison eng begleitenden Gesundheitsprüfungen neuen Schub. "Ein Rennpferd wird medizinisch besser betreut als ein Spitzensportler" - heißt es gern in der Branche. Unter Sportlern nur in Deutschland werden jährlich bis zu 1000 Todesfälle registriert.

Kein Neuland für den Oberstaatsanwalt

Der Spitzensport macht gerade besonders von sich reden. In Skandinavien waren um die Jahreswende zwei etwa 40-Jährige Ex-Athleten Herztode gestorben. Frankreich meldete am Donnerstag den Infarkttod des Zweitliga-Profis Clement Pinault, 23. In der Woche zuvor war Rugby-Profi Feao Latu, 28, auf dem Spielfeld gestorben. In der deutschen Bundesliga war August 2008 der Kölner Profi Ümit Özat mit Herzstillstand kollabiert, er konnte aber gerettet werden.

So war die Tragödie Herms auch für Oberstaatsanwalt Avenarius kein Neuland. Schon 2003 war in Dresden der französische Radprofi Fabrice Salanson, 23, vorm Start der Deutschland-Tour 2003 tot neben dem Hotelbett gefunden worden, er hatte ein stark vergrößertes Herz. Monate zuvor hatte Gerolsteiner-Profi Torsten Nitsche seine Karriere nach einem Herzbefund sofort beendet.

René Herms wird am Montag in Pirna beigesetzt. Der DLV will des Athleten bei der Hallen-Meisterschaft im Februar in Leipzig gedenken.

(SZ vom 24.01.2009/mikö)

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Leserkommentare (4)



27.01.2009 08:51:19

Südwestende: Leistungssport

Auch wenn es unsymphatisch erscheint: Ist es so überraschend, dass Leistungssportler ausgerechnet am "Motor" bisweilen mal schlagartig zusammenklappen ? Schließlich verraucht auch ein Formel 1 Motor deutlich schneller mal, wenn schon Kleinigkeiten nicht ganz perfekt sind. Der gut eingefahrene Normal-Golf hat da ganz natürlicherweise ein geringeres Risiko - normale Pflege vorausgesetzt........

Nix gegen gesunde Bewegung, aber im Spitzenbereich wird halt die Luft dünner.


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