21. November 2012 13:02 Korruption bei WM-Vergabe Bitte, es tut sich doch was!

Der neue Chefermittler der Fifa untersucht Korruptionsvorwürfe gegen den WM-Ausrichter Katar. Der Fall dient in erster Linie als Tätigkeitsnachweis für die versprochenen Reformen - und nicht als ernsthafter Versuch, den Weltfußball ehrlicher zu machen.

Von Thomas Kistner

Zeichen der neuen Fußballwelt: Katar baut Stadien für die WM 2022.

(Foto: hhvision/dpa)

Der Fußball-Weltverband Fifa untersucht Korruptionsvorwürfe gegen den WM-Ausrichter Katar - fliegt jetzt alles auf? Es klang bedrohlich, was die Sunday Times am Wochenende meldete. Die Fifa hat von dem britischen Blatt verdächtiges Material erhalten und an ihren internen Chefermittler weitergeleitet, den US-Anwalt Michael Garcia. Katars WM- Organisatoren beteuern prompt, es habe nie unsaubere Deals bei ihrer Bewerbung gegeben. Im Dementieren haben die Katarer inzwischen eine Menge Routine.

Worum geht es konkret? Katars Werber, die Ende 2010 den Zuschlag für die WM 2022 feierten, hatten Monate zuvor intensiv überlegt, ob sie eine Million Dollar in ein recht anrüchiges Gala-Dinner samt Workshop in Johannesburg investieren sollten. Dieses Event veranstaltete Samson Adamu bei der WM in Südafrika zu Ehren von Afrikas Fußball-Legenden. Samson wiederum ist der Sohn des (mittlerweile wegen Korruption gesperrten) Fifa- Vorstandes Amos Adamu aus Nigeria. Und Adamu senior - so schließt sich der Kreis - sollte mit seinen 23 Vorstandskollegen über die WM-Vergabe 2022 abstimmen.

Laut Aktenlage dürfte der tiefere Sinn der Oldie-Fete gewesen sein, aus einer 220.000 Dollar teuren Gala, die dann mit einer Million aus Katar betankt wird, rund 800.000 Dollar Privatgewinn abzuzweigen. Samson, der dank Papas Beziehungen auch im WM-Tickethandel mitmischte, kam also Anfang 2010 mit Katars Bewerberchef Ali al-Thawadi ins Gespräch; auch ein Vertrag wurde entworfen. Nur zur Zahlung sei es nicht gekommen, meldet die Times, die diesen Fall ebenso ins Rollen brachte wie zuvor schon - im Herbst 2010 - Amos Adamu zu Fall.

Damals fragten Undercover-Journalisten der Zeitung den Funktionär mit versteckter Kamera, was sein Votum bei der WM-Kür koste. Antwort: 800.000 Pfund. Die Times veröffentlichte das Video, Adamu wurde - nebst Kollege Reynald Teemari (Tahiti), der in dieselbe Falle getappt war - Wochen vor der Wahl aus dem Fifa-Vorstand gefeuert.

Katar, heißt es, habe das Sponsorangebot an Adamu junior damals zurückgezogen, weil es "die Fifa-Regeln beachtet" habe. Gut, dass das noch rechtzeitig auffiel. Nur rätseln jetzt alle, wer Samsons sündteure Gala in Südafrika am Ende tatsächlich bezahlt hat. Die Spur versickert bei einer Firma namens Kinetic Sports Management, die der Absolvent einer Fifa-finanzierten Schweizer Sportakademie Monate zuvor mit rund 5000 Euro Stammkapital gegründet hatte. In Nigeria gibt es eine Firma mit selbem Namen, registriert am Wohnsitz seines Vaters, des für drei Jahre gesperrten Fifa-Vorstands.

"Nach Erhalt der Dokumente", teilte die Fifa mit, "hat die Fifa diese sofort an Michael J. Garcia weitergereicht", der werde über "die nächsten Schritte entscheiden." Das klingt allerdings dramatischer, als es nach Lage der Dinge ist: Denn was besagen die Papiere schon konkret?

Katar nennt die Vorwürfe "bösartig", zugleich räumt es ein, dass das Gala-Sponsoring bis ins Projektstadium gereift sei. Aber am Ende ist ja offenbar nichts passiert - schwer vorstellbar, dass der Ermittler Garcia Gedankenspiele eines Bewerbers ahnden kann. Zumal es im Hause Fifa selbst bedeutendere Vorgänge zu klären gibt: Etwa die Papiere der Schweizer Justiz, die Verbandschef Joseph Blatter der Mitwisserschaft und Nichtahndung von Korruption auf der Vorstandsetage zeihen. Um Strafermittlungen abzuwenden, zahlte die Fifa 2010 sogar 2,5 Millionen Schweizer Franken Wiedergutmachung. Das ist etwa das Dreifache dessen, was sich Gala-Fan Adamu im selben Jahr als Überschuss aus Katar erhofft hat.

Licht in die Affäre bringt folgende Passage der Times: Die Dokumente wurden ihr "von einer Quelle zugeleitet, die für eine mächtige Figur im Weltfußball arbeitet". Es lässt sich rätseln, wer für mächtige Figuren wie Blatter und Co. werkelt; es sind gut bezahlte Heerscharen. Dass aber eine Fifa-Größe den Medien Material zuspielt, das diese wieder an die Fifa geben, damit die es an Garcia weiterleitet - klingt arg umständlich. Warum ging es nicht gleich an Garcia?

Mögliche Antwort: Weil die Katar-Affäre sonst gar nicht publik geworden wäre. Diskretion sei ganz wichtig bei ihrer Arbeit, hatte Garcias Mitstreiter und Chef der Fifa-Spruchkammer, der Münchner Richter Hans Joachim Eckert, erst jüngst betont. Jetzt aber ist plötzlich eine Katar- Untersuchung im Äther, aus der zwar wenig erwachsen dürfte, die aber Fifa und Garcia endlich einen Tätigkeitsnachweis gibt.

Bisher ist die neue Ethikkammer der Fifa ja nur mit Sperren gegen Blatters Intimfeind Mohamed Bin Hammam aufgefallen. Richter Eckert hat für sich allerdings einen Zeitrahmen abgesteckt, innerhalb dessen er einen wichtigen Fall auf dem Tisch haben will - für reine Reform-Kosmetik werde er jedenfalls nicht zur Verfügung stehen, teilte er kürzlich mit. Nun wird also zur WM-Vergabe an Katar ermittelt: Bitte, tut sich doch was.

Trotzdem muss sich um Katar noch niemand sorgen. Es braucht ja, um Korruption zu belegen, dokumentierte Geldflüsse. Ein paar Mails reichen da nicht. In Katar, heißt es demnach, herrsche noch Gelassenheit. Zumal das Wüstenland, das in zehn Jahren die Weltmeisterschaft ausrichten soll, sportpolitisch massiv aufrüstet. Im International Centre for Sport Security von Katar tummelt sich inzwischen Polizei-Prominenz aus aller Welt; Interpol spielt eine herausragende Rolle.

Das ist jene Organisation, die von der Fifa eine 20-Millionen-Euro-Spende kassierte; Blatters Reformeifer lobt Interpol so enthusiastisch wie Katars Bemühen, die Sportwelt sicher und sauber zur machen. Vor Tagen besiegelte Interpol auch mit Katars WM-Organisation eine Kooperation: Für zehn Millionen Dollar wird Interpol 2022 für die Sicherheit am Golf zuständig sein. Und so schließt sich auch dieser Kreis: Fifa-Fahnder Garcia war bei Interpol lange Vizepräsident.