2. Dezember 2012, 10:01 Weltklasse-Turner beendet Karriere Philipp Boy entscheidet sich gegen das Risiko

Bei den Olympischen Spielen in London kämpfte sich der Turner Philipp Boy noch unter Schmerzen durch. Jetzt erklärt der zweifache WM-Zweite im Mehrkampf sein Karriereende. Viele Verletzungen und die Zweifel nach einem schweren Sturz tragen dazu bei. Aber auch die mageren finanziellen Aussichten eines Profi-Turners.

Von Volker Kreisl, Stuttgart

Philipp Boy sah erholt aus. Seine Gesichtsfarbe war kräftig und er wirkte entspannt, als er sich auf den mittleren Platz des Pressetisches setzte. Es folgte jene Erklärung, die ihm mehr Aufmerksamkeit einbrachte als alle Erfolge seiner Karriere. Der Anlass war nicht erfreulich, aber auch nicht so schlimm, dass Boy nicht doch zu Scherzen aufgelegt war.

Etwa darüber, dass es sich nun doch gelohnt habe, diesen Sammeltermin für alle Medien am Rande des DTB-Pokals der Turner in Stuttgart zu organisieren. Sonst, so Boy, wären bestimmt nicht so viele Leute gekommen, zur Bekanntgabe seines Karriereendes.

Kunstturner Boy aus Cottbus war vor gut einem Jahr noch auf dem Zenit seiner Laufbahn, er ist 25 Jahre alt, aber er fühlt sich zu alt für seinen Sport. Das hat er so nicht gesagt, aber es ist die Essenz der Gründe seines Rücktritts. Dem Deutschen Turnerbund (DTB) bricht eine der Säulen jenes dauerhaften Erfolgs weg, den der Verband seit sechs Jahren hat.

Mal war Fabian Hambüchen im Mittelpunkt, dann Philipp Boy mit seinen zwei WM-Mehrkampf-Silbermedaillen 2010 und 2011 und dem EM-Titel 2011 in Berlin, nun ist es der Unterhachinger Marcel Nguyen. Einer holte immer Medaillen, jetzt sind es nur noch zwei.

Die Entscheidung, sagt Boy, habe er sich nicht leicht gemacht, obwohl er schon vor vier Monaten instinktiv wusste, was er wollte. Nach seinem letzten misslungenen Olympiawettkampf "war ich bereits überzeugt, dass ich aufhöre", sagt er. Die Spiele, mit einem Kapselriss zu Beginn, mit den Schmerzen während seines Einsatzes für die Mannschaft und mit seinem finalen Sturz am Reck waren eine einzige Enttäuschung.

Auf Bitten der sportlichen Leitung hat er sich dann zumindest darauf eingelassen, einen Rücktritt sorgsam abzuwägen und die Entscheidung reifen zu lassen. Was herauskam, waren vielleicht ein paar Ansätze fürs Weitermachen und eine Vielzahl von Motiven fürs Aufhören.

Hauptgrund ist für ihn der eigene Körper. Wie jeder Top-Turner kannte Boy Verletzungen, doch in der Olympiasaison kam eine Malaise nach der anderen. Er wollte sich in der Vorbereitung auf die Spiele keine längere Pause leisten, und biss auf die Zähne, trotz einer Schulterverletzung im Winter, Schmerzen im Bereich des Schlüsselbeines (Frühjahr) und einem eingeklemmten Nerv im Rücken (Sommer). Hinter allem lag zudem der Zweifel nach seinem Recksturz in Stuttgart genau vor einem Jahr, bei dem er knapp einer folgenschweren Verletzung entgangen war.

Die Aussichten, die den Enttäuschungen und Mühen gegenüberstehen, reichen Boy nicht. Er mag jetzt noch "großes Potenzial" haben, wie Bundestrainer Andreas Hirsch in Stuttgart sagte, doch Boys einziges Ziel, das ihn noch reizen könnte, liegt zu weit weg. In vier Jahren bei den Spielen in Rio de Janeiro 2016 wäre er 29, seine Medaillenchancen würden auch bei hartem Training und durchgehender Gesundheit rapide sinken.

Denn zu groß ist der Druck, den jüngere Chinesen, Japaner, Amerikaner und Russen ausüben. Nicht zuletzt entmutigten ihn auch die allgemeinen finanziellen Aussichten in seinem Sport. "Mit einer Turn-Medaille kannst du hier keine Altersvorsorge aufbauen", sagte Boy.

Er hat nun eine Menge Ideen im Kopf und will vielleicht helfen, das Turnen besser zu präsentieren, auch wenn er nicht mehr aktiv ist. Fest steht nur eins, sagte er noch am Tag seines Rücktritts: "Mit dieser Entscheidung fühle ich mich absolut wohl."