20. November 2012 10:15 Trainerwechsel bei 1860 München Tiki-Taka in Giesing

Lorant? Eriksson? Vogel? Schmidt! Der neue Coach des TSV 1860 zeigt bei seinem Amtsantritt, wie er das Team zukünftig spielen lassen will: schnell und flach. Die Umsetzung sollte unbedingt gelingen - sonst müssten sich die Löwen mit dem Gedanken anfreunden, dass die Kaderplanung schiefgegangen sein könnte.

Von Markus Schäflein

Der Neue erklärt seine Vorstellungen: Alexander Schmidt beim Training des TSV 1860. 

(Foto: dpa)

Plötzlich setzte sich der Tross in Bewegung, erst ganz langsam, bis es Gewissheit war, dass Reiner Maurer erschien. Dann begannen die Fotografen zu rennen, sie stürmten ihm hinterher, über den Parkplatz an der Grünwalder Straße, um den ehemaligen Trainer des TSV 1860 München beim Einsteigen in seinen Audi und beim Davonfahren Richtung Mindelheim einzufangen. Bei fast keinem anderen Zweitligisten würde der Abschied eines Übungsleiters und die Premiere eines Neuen eine derartige mediale Beachtung finden wie in Giesing.

Maurer hatte sich in der Kabine von seiner bisherigen Mannschaft verabschiedet, um 10.04 Uhr betrat der neue Cheftrainer den Trainingsplatz. Es waren kaum mehr Anhänger als Journalisten anwesend, 30 etwa; Sven-Göran Eriksson, Lothar Matthäus oder Werner Lorant hätten mehr Publikum angezogen, aber es kam ja Alexander Schmidt, bislang Übungsleiter der Regionalliga-U21.

Auch 1860-Präsident Dieter Schneider war da, betrachtete die Einheit und blickte noch einmal auf den Samstag zurück. "So ein Schritt tut einem immer leid", sagte Schneider, "aber es gibt Situationen, die man bei aller Loyalität auflösen muss." Er habe "so viele Maurer-raus-SMS erhalten, das können sie sich gar nicht vorstellen". Eine andere Lösung der verfahrenen Lage habe es nicht gegeben: "Wollen sie die ganze Mannschaft entlassen?"

Das mag aus Sicht mancher Fans ebenfalls einen gewissen Reiz haben, ist aber schwerlich umsetzbar - und so müssen die Löwen einstweilen darauf hoffen, dass Schmidt dieselbe Mannschaft anders spielen lässt. Wie der 44-Jährige die Mannschaft spielen lassen will, war in den ersten Übungen schon zu sehen: Schnell und flach soll der Ball laufen, Giesing-Tiki-Taka quasi. "Er ist ein junger, moderner Trainer, er hat viele Vorschläge. Wir müssen seine Ideen möglichst schnell reinbringen", sagte Stürmer Benjamin Lauth, "das wird nicht von heute auf morgen gehen. Wir haben jetzt eine Woche Zeit, um den ersten Schritt zu machen" - bis zum Spiel am Samstag bei Union Berlin (13 Uhr) eben.

Dass Schmidt schon darauf hingewiesen hat, Lauth müsse flach in Szene gesetzt statt ständig hoch angespielt werden, quittierte der Stürmer mit einem Lächeln: "Das haben wir vorher auch versucht. Das eine ist, was man vorhat, und das andere ist, wie man es umsetzt."

Die spannende Frage ist, ob es Schmidt im Gegensatz zu Maurer schafft, dass die Umsetzung gelingt. Noch wollen sie sich an der Grünwalder Straße schließlich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass die Kaderplanung schiefgegangen sein könnte. Bei Marin Tomasov und Ismael Blanco, die unter Maurer schlicht untauglich aussahen, wartet Schneider jedenfalls noch "auf einen klaren Erkenntnisstand"; auch die letztgültige Bewertung der Defensivtransfers steht noch aus.

Sie spielten im Gegensatz zu den Offensiven zumindest regelmäßig, allerdings mäßig überzeugend. Sämtliche Neuen haben langfristige Verträge, großenteils bis 2015. "Die sportliche Leitung hat ja gesagt, dass diese Mannschaft von der Qualität her um die ersten drei Plätze mitspielen kann", erinnerte Schneider. Sollte sich dies auch weiter als Irrtum erweisen, müssten sich neben Maurer auch andere Verantwortliche der Kritik stellen.

Zur Zukunft von Sportdirektor Florian Hinterberger sagte Schneider: "Ich denke, wir sollten die Situation Schritt für Schritt auflösen." Das klang ihm dann wohl ein bisschen zu sehr nach Auflösung, so dass der Präsident noch hinterher schob: "Wenn wir die Situation mit dem Trainerwechsel wieder in den Griff bekommen, stellen sich andere Fragen gar nicht mehr."

Die Verantwortlichen sind selbst schuld, dass sich auch die Frage nach Alexander Schmidt bald wieder stellen könnte, schließlich haben sie angekündigt, sein Treiben an Weihnachten bereits zwischenzubilanzieren - nach sechs Spielen (Union, Paderborn, Aalen, Regensburg, Dresden, Pokal in Bochum). "Schmidt ist keine Notlösung, sondern eine seriöse Lösung", betonte Schneider aber: "Er ist ein ausgewiesener Fachmann. Wir sollten ihm eine faire Chance geben, ihn seine Stärken ausspielen lassen, seinen Stil und seine Ideen umsetzen lassen. Jeder fängt mal an."

Er erwarte "nicht den riesengroßen Über-Nacht-Wurf". Die Weihnachtsbilanz solle nicht rein rechnerisch ausfallen, sondern eher ideell: "Es geht jetzt nicht darum, dass man punktemäßig etwas als Ziel setzt", sagte Schneider, "sondern darum, was die Mannschaft für ein Gesicht hat."

Es müsste schon ein sehr freundliches Gesicht sein, um den großen Teil der Fans umzustimmen, der schon seit Jahren auf eine große Lösung im Bereich der sportlichen Verantwortung wartet - durch den Investoreneinstieg wurde diese Hoffnung noch genährt. Bei ihnen beginnt angesichts des merkwürdigen Ultimatums schon das "Warten auf den Weihnachtsmann" (AZ).

Dass es die Löwen schafften, ausgerechnet am Freitag den ehemaligen englischen Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson "zufällig" als "Ehrengast" (Schneider) in der Arena zu begrüßen, ist irgendwie typisch für diesen Klub, der trudelt zwischen Größenwahn und Dilettantismus. "Ich habe x SMS mit x Vorschlägen bekommen", sagte Schneider. Eriksson, Matthäus und Lorant sind wohl Kandidaten für Träumer und Albträumer - aber Heiko Vogel etwa, der zuletzt beim FC Basel arbeitete und am Tegernsee lebt, hätten viele Anhänger gern gesehen. Obwohl - diese Idee scheint für 1860 viel zu normal zu sein.