2. Dezember 2012, 20:12 Svetislav Pesic unterliegt mit Bayern in Berlin Stolperstart in der alten Heimat

Gleich sein erstes Spiel als Trainer der kriselnden Bayern-Basketballer führt Svetislav Pesic zu seiner langjährigen Berliner Wirkungsstätte. Sein Team verliert deutlich 70:82, weil sich im Zusammenspiel weiter große Probleme offenbaren - immerhin entdeckt der Coach der Münchner gleich ein neues Vorbild.

Aus der Halle von Boris Herrmann

Auch er bringt keinen sofortigen Erfolg: Bayerns neuer Coach Svetislav Pesic. 

(Foto: dapd)

"Eine sehr interessante Sache!", das war das erste Statement von Svetislav Pesic nach seinem erstes Spiel als Trainer der Basketball-Mannschaft des FC Bayern München. Und damit meinte er ausnahmsweise mal nicht die hinlänglich beschriebene familiäre Atmosphäre dieser Partie bei seinem langjährigen Klub Alba Berlin. Er meinte die Statistik. "Elf Rebounds", rief Pesic, "elf Offensiv-Rebounds. Sehr interessant."

Elf Offensiv-Rebounds gelangen den Berlinern in den ersten 20 Minuten der Partie. Beim FC Bayern waren es acht. Allerdings über die vollen 40 Minuten. "Sehr interessant", murmelte Pesic noch einmal. Kein gesteigertes Interesse widmete er dagegen dem daraus resultierenden Ergebnis: Alba 82, Bayern 70.

Dabei hatte es eigentlich ganz nett begonnen für Svetislav Pesic. Er wurde vom Berliner Publikum nicht etwa mit Pfiffen empfangen. Im Gegenteil, die 12.110 Zuschauer in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof spendeten ihm sogar einen überaus warmen Applaus, wozu sie die vorab verteilten Anti-München-Klatschpappen nutzten. Das war keineswegs selbstverständlich. Bayerns ehemalige Alba-Spieler Steffen Hamann und Jan-Hendrik Jagla, der ja nebenbei auch Pesics Schwiegersohn ist, waren kurz zuvor noch überaus unfreundlich begrüßt worden.

Svetislav Pesic allerdings scheint aufgrund seiner historischen Verdienste in der Hauptstadt unantastbar zu sein - selbst nach der Unterschrift beim FC Bayern, der keinen allzu guten Leumund in der Hauptstadt hat. Unter dem Trainer Pesic waren die Berliner bekanntlich so erfolgreich wie nie zuvor und nie wieder danach in ihrer Geschichte. Sie gewannen vier Meisterschaften in Serie, sie wurden Pokalsieger (1999) und holten den Korac-Cup (1995). Ein guter Teil der Anziehungskraft, die dieser Klub noch immer besitzt, stammt aus der Pesic-Zeit.

Albas Geschäftsführer Marco Baldi hat deshalb aus guter Erfahrung gesprochen, als er ankündigte: "Sveti wird bei Bayern ganz schnell für Stabilität sorgen." Sieben Trainingseinheiten standen dem Serben mit Hauptwohnsitz in Berlin bislang zur Verfügung, um die Lage beim FC Bayern zu stabilisieren.

Am Sonntag zeigte sich, dass es so schnell dann doch nicht geht. Die Probleme der Münchner sind mit dem spektakulären Trainerwechsel jedenfalls nicht über Nacht verschwunden. Das teuerste Team der Liga hat - neben den Problemen beim Offensiv-Rebound - weiterhin erstaunliche Schwierigkeiten damit, seine Angriffe ertragreich abzuschließen.

Vor allem Jared Homan, Robin Benzing und zunächst auch Tyrese Rice scheiterten immer wieder mit verhältnismäßig einfachen Versuchen. Statistisch belegt wurde dieser Eindruck nicht zuletzt durch die Freiwurf-Quote, die auf Seiten der Gäste bei mageren 60 Prozent lag. Die Berliner leisteten sich keinen einzigen Fehlversuch. Ihnen genügten die ruhigen Wurf-Hände von Kapitän Sven Schulze und Center Yassin Idbihi (mit 20 Punkten der Top-Scorer dieses Spiels), um im zweiten Viertel recht mühelos davon zu ziehen. Zur Halbzeit stand es 41:28. Und auch wenn die Münchner nach dem Wechsel wieder etwas besser ins Spiel kamen, diesen Rückstand wurden sie nicht mehr los.

Auch er scheiterte immer wieder in der Offensive: Bayern-Center Jared Homan (li.). 

(Foto: dapd)

An Pesic kann es nicht gelegen haben, dass der FC Bayern in den entscheidenden Momenten etwas schläfrig wirkte. Der 63-Jährige gab an der Seitenlinie jedenfalls alles. Er tänzelte mit, wenn seine Spieler in der Verteidigungsformation waren, und er gab auch einige gezielte Trocken-Würfe in Richtung Korb ab. Wenn ihm jemand einen Ball gegeben hätte, wer weiß, vielleicht wäre dieses Spiel ganz anders ausgegangen.

Der selbst erklärte Titelaspirant aus Münchner hat nun mehr Spiele verloren als gewonnen. Für Pesic ist das allerdings kein Grund, die Hoffnung auf eine gute Saison freiwillig aufzugeben. Er versprach, dass jeder seiner Spieler im Mai oder Juni 20 bis 30 Prozent besser sein werde. "Alle sagen, dass ich ein guter Trainer bin. Wenn das alle sagen, dann glaube ich das", so sieht Pesic das in aller Bescheidenheit.

Albas Trainer Sasa Obradovic, 43, nennt Pesic "meinen Lehrmeister". Er ist unter seiner Leitung selbst ein erfolgreicher Basketballer geworden - bei Alba. Am Sonntag nach Spielschluss sagte er: "Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich jetzt neben ihm als Coach sitze." Der Lehrmeister allerdings konnte es dem Vernehmen nach sehr wohl verstehen. Bisweilen klang es sogar so, als habe sich das mit der Vorbildfunktion etwas gedreht.

Als Pesic etwa gefragt wurde, welche Spiel-Philosophie er sich für sein neues Team vorstelle, da fragte er zurück: "Haben Sie Alba gesehen heute? Das ist meine Philosophie!" Obradovic sah derweil so aus, als würde er das Muster des Teppichbodens auswendig lernen. Wahrscheinlich war er aber einfach nur ein bisschen gerührt.