22. Januar 2013 08:46 Scheich bei Paris St. Germain Neue Herrscher im Prinzenpark

Ausgerechnet beim französischen Hauptstadtklub Paris St. Germain haben arabische Investoren das Sagen - das sollte der "Grande Nation" zu denken geben, aber die Liga ist begeistert. Während woanders über Financial Fairplay diskutiert wird, herrscht in Frankreich nur eine Maxime: Wie lässt sich mit Fußball weiter der Umsatz steigern?

Von Rémi Dupré

Die Information ist für die Sportpresse kein großer Aufreger gewesen. In einem Beschluss, den er am 12. November den Stadträten präsentierte, erklärte Bertrand Delanoë, der Bürgermeister von Paris, offiziell, dass die Stadt ihre jährlichen Zuschüsse für den Klub Paris St. Germain aussetze.

"Ab der Saison 2012/2013 wird PSG seine Aktivitäten ohne die finanzielle Rückendeckung der Kommune verfolgen", kündigte der Bürgermeister an. Eine letzte Überweisung musste die Hauptstadt ihrem Fußball-Team für die vergangene Saison noch zugestehen. Jetzt hat die Stadt den Geldhahn zugedreht - mit Blick auf die neue wirtschaftliche Größe von PSG.

Seit die Aktionäre der Qatar Sports Investments (QSI) den Pariser Klub gekauft haben, muss man das Tabellenbild der ersten französischen Liga mit anderen Augen lesen. Für 2012/2013 haben die Würdenträger aus Doha das Jahresbudget des Vereins im Vergleich zur Vorsaison verdoppelt. Ausgestattet mit einem Finanzpolster von 300 Millionen Euro ist PSG jetzt die fünftgrößte Finanzmacht im europäischen Fußball.

Dass PSG wirtschaftlich ganz anders dasteht, zeigt sich an pharaonischen Investitionen bei der Spielersuche: 248 Millionen Euro sind auf dem Transfermarkt ausgeschüttet worden, seit Nasser al-Khalifa, Statthalter von Scheich Tamim bin Hamad al-Thani, dem Besitzer von QSI, die Kontrolle übernommen hat. Laut Onlineportal Transfermarkt hat kein anderer Verein so viel Geld ins Spieljahr 2012/13 investiert wie PSG.

Die Ankunft des argentinischen Mittelfeldspielers Javier Pastore für 42 Millionen Euro im August 2011 war der Anfang des munteren Einkaufens. Ein Jahr später kamen die AC-Mailand-Stars Thiago Silva (49 Millionen Euro) und Zlatan Ibrahimovic; der schwedische Stürmer soll ein Jahressalär von neun Millionen Euro netto beziehen.

50 Jahre Élysée: Le Monde und Süddeutsche Zeitung kooperieren

Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Frankreichs Präsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer im Élysée-Palast einen Vertrag, der die deutsch-französische Freundschaft besiegelte. Zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung  veröffentlichen die Süddeutsche Zeitung und das französische Blatt Le Monde eine binationale Kooperationsausgabe, in der Autoren beider Medien Meinungsstücke, Analysen und Reportagen austauschen. Einen Überblick über alle Texte finden Sie auf unserer Themenseite.

Der Winter-Transfer des Brasilianers Lucas Moura (45 Millionen) verstärkt nun die Offensive weiter, die sich der brasilianische Sportdirektor Leonardo zurechtphantasiert hat. Die Ausgaben zeigen Wirkung: Die PSG-Manager verzeichnen Mehreinnahmen aus dem Kartenverkauf von um die 20 Prozent. Mit mehr als 42.000 Zuschauern ist der Zuschauerschnitt von PSG bei weitem der beste in Frankreich.

Die Bonzen aus Katar zeigen Initiative. Sie wollen das seit 1972 bestehende Logo des Klubs modernisieren, sie kämpfen um eine Erweiterung des Stadions Prinzenpark auf 60.000 Plätze. Aber das hat die sportlichen Niederlagen der Pariser Mannschaft nicht verbergen können.

Die PSG-Fans haben nie verstanden, warum im Dezember 2011 der Trainer Antoine Kombouaré entmachtet werden musste, der seine Elf zur Herbstmeisterschaft geführt hatte. Unter Kombouaré-Nachfolger Carlo Ancelotti spielt die Mannschaft wechselhaft, wovon zuletzt das Fiasko der Nicht-Ankunft von David Beckham ablenkte.

Ancelotti, einst Trainer des FC Chelsea und des AC Mailand, verzeichnet einen Monatslohn, der schlecht zu den straffen Budgets in der Ligue 1 passt (500.000 Euro). Und er schaffte es sechs Monate nach seiner Inthronisierung nicht, die Vorarbeit von Kombouaré zum Titelgewinn zu nutzen. "Ich glaube, der Titel kann uns nicht entgehen", versicherte damals Javier Pastore. Umso peinlicher war es für die Pariser vor den Fans, als Montpellier sie vom Liga-Thron gestoßen hatte, ein Klub, der den "Titanen aus der Hauptstadt" wie zum Hohn mit einem zwergenhaften Budget von 38 Millionen Euro ausspielte.

In der laufenden Saison kann auch das egomanische Genie des Zlatan Ibrahimovic, bester Torschütze der Meisterschaft mit 18 Treffern, kaum über die Schwierigkeiten einer Mannschaft hinwegtäuschen, die sich im Titelrennen erst am 21. Spieltag dank des besseren Torverhältnisses in der Tabelle vor den Rivalen Olympique Lyon setzte. "Um ein solides Haus zu bauen, braucht man Zeit. Vielleicht auch viel Zeit, aber am Ende ist es ein gutes Haus", versuchte Carlo Ancelotti im Dezember zu beruhigen.

Damit spielt er den Druck der Medien herunter, der schwer auf dem Klub lastet. Für 85 Prozent der Spieler und Manager in der ersten Liga ist Paris das Versprechen auf den Titel. "Das ist normal, dass man von uns viel erwartet, wenn man sieht, was man investiert hat und welche Spieler wir haben", sagte Mittelfeldspieler Blaise Matuidi und seufzte. "Man fragt sich, was die Leute noch mehr erwarten. Man wird nie jedes Wochenende 4:0 gewinnen können. Wir sind nicht der FC Barcelona." PSG ist sogar weit davon entfernt, die Liga nach Belieben zu dominieren. Es stößt auf Rivalen, die das Verlangen zusammenschweißt, PSG den Triumphmarsch schwer zu machen.

International hofft PSG, sich am 6. März im Rückspiel gegen den FC Valencia für das Viertelfinale der Champions League zu qualifizieren. Das wäre mal eine Leistung, welche die Ambitionen des letzten französischen Klubs im Wettbewerb unterstreichen würde.

Der Einstieg der Katarer bringt finanzielle Nachfolgeeffekte, deshalb haben die Manager der Erstligaklubs ihn einhellig begrüßt. Das sportliche Niveau steigt, aber das ist nicht alles, was Frankreichs Fußball-Geschäftsleuten gefällt: Die Machtübernahme in Paris durch QSI ging einher mit dem Einstieg der Sportkanal-Kette beIN Sport im vergangenen Juni, einer Tochter der katarischen Gruppe Al Jazeera. Das Medienunternehmen vereint die Fernsehrechte an Frankreichs erster Liga, an der Champions League und an der Europa League auf sich und ist direkt verbandelt mit PSG.

Nasser al-Khalifa war Generaldirektor bei Al Jazeera Sport und bei beIN Sport. Schon nach den ersten sechs Monaten ihres Schaffens verzeichnet die Gruppe 1,2 Millionen Abonnenten. "Der Einstieg der Katarer bei PSG und das Engagement von beIN Sport dienen dem Interesse des französischen Fußballs", sagt deshalb Jean-Michel Aulas, der Manager von Olympique Lyon. Die Frage bleibt, ob der sportliche Erfolg der Katarer genauso schnell Wirklichkeit wird, wie all die Umsatzsteigerungen.

Im Wettbewerb um den ersten Titel haben die Pariser Manager im Dezember einen sehr einträglichen Sponsorenvertrag mit der katarischen Tourismus-Behörde unterzeichnet. Die Vereinbarung könnte dem Hauptstadtklub in vier Jahren mehr als 600 Millionen Euro einbringen. Allerdings hat die europäische Fußball-Union ein Financial-Fairplay-Programm gestartet, mit dem sichergestellt werden soll, dass die Klubs auch wirtschaftlich fair spielen. Die Situation bei PSG dürfte bald ein Fall für die Uefa werden.

Rémi Dupré ist Fußball-Experte der französischen Zeitung Le Monde. Für die SZ macht er sich in seinem Gastbeitrag Gedanken über die Entwicklungen auf dem europäischen Fußballmarkt. Seit beim Hauptstadtklub Paris St. Germain der Scheich Nasser al-Khalifa das Sagen hat, mischt der Verein bei Transfers heftig mit - kein Tag vergeht in dieser Wechsel-Periode ohne Meldungen von angeblichem Interesse der Franzosen an den wertvollsten Spielern des Kontinents.

Übersetzungen: Thomas Hahn