14. Dezember 2012 17:04 Neu-Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle Unauffällig hinterhergebummelt

Von Volker Kreisl

Evi Sachenbacher-Stehle wird im Sprint von Pokljuka 59. und erlebt dennoch ein gelungenes Weltcup-Debüt als Biathletin. Überraschenderweise fällt sie weniger beim Schießen zurück als in der Loipe. Dass es letztlich sogar ein erfolgreicher Tag für das deutsche Team wird, liegt vor allem an Miriam Gössner.

Es sollte ein ganz gewöhnliches Biathlonrennen werden. Ein Frauen-Sprint wie jeder andere, mit drei 2,5-Kilometer-Schleifen, zwei Schießeinlagen dazwischen, einmal liegend, einmal stehend, je fünf Schuss, möglichst oft ins Schwarze, basta. Immer wieder hieß es, dass beim Deutschen Skiverband (DSV) gar kein Aufsehen gemacht werde um dieses Rennen, dass dies nur eines von ganz vielen sei für Evi Sachenbacher-Stehle.

Weil die aber eine zweimalige Langlauf-Olympiasiegerin ist, und es nicht alle Tage vorkommt, dass so jemand mit 32 Jahren noch ins Biathlonlager wechselt, stand sie im slowenischen Pokljuka dann doch mitten im Zentrum der Objektive, der Mikrofone und der Zuschauerblicke - mit der entsprechenden Aufregung.

Zwei Wochen waren vergangen seit ihrem letzten ganz passablen Auftritt im zweitklassigen IBU-Cup in Norwegen. Das bedeutete genügend Zeit für sie, um sich auszumalen, was so alles passieren kann im Biathlon. Verstopfte Diopter, klebrige Ski, verwechselte Schießscheiben, vergessene Gewehrverschlüsse, vergessene Munition - alles schon da gewesen in der Aufregung auf der großen Bühne. Doch dann startete Evi Sachenbacher-Stehle, die zweimalige Langlauf-Olympiasiegerin, und es war ein Debüt wie jedes andere.

Mit der hohen Startnummer 82 befand sie sich weit hinten in der Gruppe der Nachrücker und Talente, sie wärmte sich auf wie jede Biathletin, nahm mit strammen Stockeinsätzen Tempo auf wie jede Läuferin, schoss halbwegs sicher mit insgesamt nur drei Fehlern, einem im Liegend- und zwei im Stehendanschlag, und kam in jenem Teil des Feldes an, in dem sie auch gestartet war: weit hinten, bei den Talenten und Nachrückern, auf dem unauffälligen Debütantinnenrang 59.

"Ich hatte schon Angst", sagte Sachenbacher-Stehle, denn vor diesem großen Tag hatte sie sich ausgerechnet kleinere Schwächen in jener Disziplin eingebildet, wo sie am stärksten ist: dem Liegendschießen. Dann ging ihr in diesem Anschlag aber nur ein Schuss daneben, und zudem nahmen ihr die Kolleginnen in diesem Rennen viel von dem Druck, der auf der Mannschaft lastet in der vorolympischen Saison.

Sachenbacher-Stehle wird nicht die neue Magdalena Neuner werden, sie ist vorerst damit beschäftigt, die neue Sachenbacher-Stehle zu werden. Dafür hat sie nun wohl ausreichend Zeit, denn der Frauen-Sprint von Pokljuka brachte ein zufriedenstellendes DSV-Gesamtergebnis.

Das Team der Trainer Ricco Groß und Gerald Hönig steigert sich. Miriam Gössner wurde Zweite und holte ihren vierten Podestplatz im Biathlon-Weltcup. Sie musste sich um 2,1 Sekunden der Tschechin Gabriela Soukalova geschlagen geben, die allerdings fehlerfrei schoss, während Gössner zwei Strafrunden drehte. Die Garmischerin war wieder Laufzeit-Schnellste, sie hat jene Stärke wieder, die ihr im ersten Weltcup-Jahr Sicherheit beim Schießen bescherte.

Glücklich über Platz zwei: Miriam Gössner. 

(Foto: AP)

Auch Andrea Henkel kam unter die ersten Zehn, sie wurde Siebte, wegen einer Steigerung in ihrer sonst schwächeren Disziplin: dem Laufen. Ihre zwei Fehlschüsse im Liegendschießen machte sie mit der drittbesten Laufzeit auf der Schlussrunde wett. Schneller als sonst war auch Franziska Hildebrand unterwegs. Die 25-Jährige kam auf Platz 13 an, und weil sie eine sichere Schützin ist, sind auch ihre Aussichten für das Verfolgungsrennen am Samstag ordentlich.

Evi Sachenbacher-Stehle darf daran auch teilnehmen, als Vorletzte zwar, aber das ist ihr wohl egal. Die Quereinsteigerin braucht möglichst viele Wettkämpfe auf hohem Niveau, das hat ihr erster Auftritt schließlich auch gezeigt. Langlauf mit Gewehr ist gewöhnungsbedürftig, knapp vier Kilo zwingen zu einer anderen Körperhaltung, einem anderen Laufrhythmus, die Pausen am Schießstand zu einer anderen Krafteinteilung.

Den Rückstand von 2:37,2 Minuten handelte sie sich weniger am Schießstand als in der Loipe ein. Allein auf der Schlussrunde verlor sie 40 Sekunden. "Ich glaube, ich bin beim Einlaufen genauso schnell gelaufen wie im Rennen", sagte Sachenbacher-Stehle, "das ärgert mich, denn es ist eigentlich meine Stärke."

Sie wird ihren ersten Biathlon-Weltcup dennoch nicht vergessen. Alle schauten auf die aufgeregte ehemalige Langläuferin aus Reit im Winkl, die vor 13 Monaten als Gast im Biathlon-Trainingslager in Muonio aufs Geratewohl eine Waffe zur Hand genommen und gleich getroffen hatte.

Es hat am Freitag heftig geschneit in Slowenien, die Spur war stumpf, und der Wind von Pokljuka ließ die Fahnen neben den Schießscheiben tanzen. Alles war also gerichtet für ein verheerendes erstes Weltcup-Schießen für Sachenbacher-Stehle, aber dann wurde es für sie doch ein ganz normaler, also perfekter Tag.