21. Dezember 2012 11:23 Klitschko-Brüder verhandeln um WM-Fights Gürtelspiele der Schwergewichte

Von Jürgen Schmieder

Wladimir Klitschko soll gegen Alexander Powetkin boxen - schon jetzt deuten die Promoter an, dass die Verhandlungen um diesen Kampf scheitern könnten. Vitali soll seinen Titel gegen Boxer verteidigen, die sein Manager als "keine Gegner für einen würdigen Abschiedskampf" bezeichnet. Was passiert nun? Derzeit sind einige Optionen denkbar.

Der gemeine Anhänger sportlicher Veranstaltungen hat sich ja mittlerweile daran gewöhnt, dass ihm von den verschiedenen Fernsehsendern diktiert wird, was die beste Zeit ist, sich Sport im TV anzuschauen. Das hat zur Folge, dass beinahe jeden Tag ein Fußballspiel über den Bildschirm flimmert, dass Boxkämpfe beginnen, wenn "Wetten, dass..?" zu Ende ist - und dass der Bob-Weltcup als Konserve gezeigt wird, wenn die Mixed-Staffel im Biathlon beendet ist.

Das alles ist nicht weiter schlimm, weil die Veranstaltungen ja stattfinden und niemand auf die Idee käme zu sagen: "Wenn sich ARD und RTL nicht einigen, dann findet das Fußball-WM-Finale zwischen Spanien und Brasilien eben nicht statt." Oder: "Miriam Gössner wird nicht antreten, weil sie einen Vertrag bei Pro Sieben hat und das Rennen von den öffentlich-rechtlichen Sendern übertragen wird."

Kann man sich nicht vorstellen? Doch, das ist tatsächlich möglich, beim Boxen kommt so etwas sogar häufiger vor. Es sind schon einige sehenswerte Kämpfe deshalb nicht ausgetragen worden, weil sich die jeweiligen Promoter nicht auf die Modalitäten einigen konnten - oder auf einen Sender, der den Kampf in die Wohnzimmer bringt.

Genau dieses absurde Schauspiel könnte nun wieder passieren: Wladimir Klitschko muss bis zum 26. Februar 2013 gegen Alexander Powetkin aus dem Sauerland-Stall zur Pflichtverteidigung antreten. Das hat die World Boxing Association (WBA) festgelegt. "Wir haben die WBA-Verfügung bereits per Mail erhalten", sagt Powetkins Promoter Kalle Sauerland.

Sauerland und Klitschkos Management wurden von der WBA aufgefordert, sich bis zum 17. Januar zu einigen. Anderenfalls geht der Kampf in die sogenannte Purse Bid: Wer das höchste Börsenangebot abgibt, der besitzt die Rechte an TV-Vermarktung und Ticketverkauf. Klitschko hält die Titel der IBF und WBO und ist seit seinem Sieg über den Briten David Haye im Juli 2011 Superchampion der WBA. Den regulären WBA-Weltmeistertitel gewann der Russe Powetkin im August 2011 durch einen Sieg über Ruslan Tschagajew.

Natürlich ist es sportlich fragwürdig, dass ein Boxverband einen "Superchampion" und einen "regulären Champion" führt - aber die Ansetzung macht Sinn: Powetkin wird in der unabhängigen Liste des Ring Magazine auf dem dritten Rang hinter den beiden Klitschkos geführt, er gilt als aussichtsreichster im an Herausforderern doch armen Schwergewicht.

Das sieht auch Powetkin-Promoter Kalle Sauerland so: "Wir sind sehr erfreut, dass Powetkin der nächste Gegner von Wladimir Klitschko sein wird. Wir sehen Wladimir als großen Champion, aber Alexander ist ein sehr ernst zu nehmender Herausforderer. Ein Kampf zwischen zwei ehemaligen Olympiasiegern ist immer eine besondere Sache und stellt ein echtes Schwergewichts-Highlight für alle Boxfans auf der ganzen Welt dar."

Das Problem ist nun: Die Klitschkos haben einen Vertrag mit dem Sender RTL, Sauerland ist an die ARD gebunden, ein möglicher Kampf zwischen Wladimir Klitschko und Alexander Powetkin gilt als äußerst attraktiv. Sauerland hatte dem Klitschko-Management kürzlich ein Angebot über einen Kampf gemacht, er schränkt deshalb ein: "Wir wollen ins Purse Bid und den Kampf mit unseren Sponsoren in die ARD bringen."

Vitali Klitschko: nicht mehr nur Boxer, sondern auch erfolgreicher Politiker.

(Foto: AP)

Und die Gegenseite? "Wir werden jetzt mit der WBA reden", war die kurze Mitteilung von Klitschko-Manager Bernd Bönte, der für eine weitere Stellungnahme nicht zu erreichen war.

Nun mag der Boxfan denken: Wo liegt das Problem? Entweder einigen sich die Verantwortlichen - oder der Kampf geht eben in die Preisausschreibung. So einfach ist es allerdings nicht, schließlich gibt es noch eine weitere Option: Wladimir Klitschko bleibt Weltmeister der Verbände IBF und WBO - und behält natürlich auch den Titel des Ring Magazine, der ihn als über die Verbände hinweg besten Boxer der Welt ausweist.

Den Titel der WBA könnte er einfach niederlegen oder ihn sich aberkennen lassen. Denn: Die WBA braucht den Titelträger Klitschko mehr als Klitschko die WBA. Und Klitschko wäre wahrlich nicht der erste Boxer, der einen Titel niederlegt. "Klitschko ist ein großer Champion, also kann ich mir nicht vorstellen, dass er den Titel niederlegt", sagt Sauerland, "aber möglich ist es. Wir können niemanden zwingen, in den Ring zu steigen. Dafür gibt es klare Regeln: Ihm würde der Titel aberkannt, wenn er auch nach dem Purse Bid nicht antritt."

Es könnte tatsächlich sogar so kommen: Klitschko legt seinen Titel ab. Powetkin wird zum Weltmeister erklärt und verteidigt den Gürtel noch einmal - gegen David Haye, etwa bei der ARD. Der ist dem Sauerland-Boxstall freundlich gesonnen, war zuletzt bei der britischen Version des Dschungelcamps aktiv und hört nicht auf, die Klitschkos herauszufordern.

Der Sieger veranstaltet dann eine Titelverteidigung (bei RTL) gegen einen der Klitschkos. Diese Variante hält Sauerland für unwahrscheinlich: "So interessant der Kampf wäre: Powetkin hat die Ausscheidungen gewonnen, wir haben viel Geld investiert, um den Kampf gegen Klitschko zu bekommen. Warum sollte Powetkin noch einmal eine Ausscheidung boxen?"

Möglich wäre bei einem Verzicht Wladimirs auch ein Duell von Powetkin gegen Vitali Klitschko. Der müsste pflichtgemäß seinen Titel gegen den Sieger der WBC-Endausscheidung Chris Arreola (USA) gegen Bermane "B.WARE" Stiverne (Kanada) am 23. Februar in Los Angeles verteidigen. "Das sind keine Gegner für einen würdigen Abschiedskampf", sagt Manager Bernd Bönte allerdings. Powetkin oder auch Haye wären das schon eher.

Wie auch immer: Ab sofort beginnen die Verhandlungen - und dem Boxfan wird dann mitgeteilt, welchen Kampf er sich wann ansehen soll.