7. Februar 2013 14:48 Fußball-Wettskandal Brisante Recherche im Trainingslager

Von Boris Herrmann

700 Spiele sollen bei Wettvergehen manipuliert worden sein: In den Ermittlungen mehren sich nun die Anzeichen, dass Europol das Ausmaß des Skandals massiv übertrieben hat. Doch jetzt steht auch ein Testspiel des SV Werder Bremen im türkischen Belek unter Verdacht.

Die Spurensuche im vermeintlich größten Wettskandal der Fußballgeschichte gestaltet sich weiterhin schwierig. Sie hat auch am dritten Tag nach der öffentlichkeitswirksamen Pressekonferenz von Europol in Den Haag wenig Substanzielles zutage gefördert. Vielmehr verdichtet sich der Eindruck, die Polizeibehörde habe zu PR-Zwecken stark übertrieben, als sie von angeblich 700 manipulierten Spiele weltweit berichtete.

Mehr als die Hälfte dieser Fälle sind bereits aktenkundig. Meist führt die Spur zu einem Syndikat in Singapur, das den internationalen Wettmarkt seit Jahren mit kriminelle Methoden kontrolliert. Namen und Fakten zu neuen Fällen nannte Europol bislang nicht.

Das Bundesinnenministerium teilte am Dienstagabend (mutmaßlich nach intensiver Akteneinsicht) mit, die von Europol präsentierten Erkenntnisse seien vor allem das Ergebnis bereits bekannter, jeweils national geführter Ermittlungsverfahren. Neue Verdachtsmomente in Bezug auf Deutschland hätten sich nach Kenntnis der Bundesregierung bisher nicht ergeben. Dessen ungeachtet steht aufgrund mehrerer Medienberichte eine angeblich verdächtige Partie mit deutscher Beteiligung im Fokus: das Testspiel von Werder Bremen gegen den niederländischen Erstligisten PEC Zwolle.

Es fand am 11. Januar 2013 im Trainingslager im türkischen Belek statt und endete 2:2. Laut Bild sollen zuvor verdächtig hohe Summen auf ein Ergebnis mit mindestens vier Toren gewettet worden sein. Der türkische Schiedsrichter Ihsan E. hat nach Augenzeugenberichten damals tatsächlich einen eher fragwürdigen Elfmeter verhängt, den Werder allerdings verschoss. Weitere Anhaltspunkte für mögliche Manipulationen gibt es nicht. Bislang existiert auch kein Beleg dafür, dass dieses Spiel Gegenstand der Europol-Ermittlungen ist.

Zehnminütige Nachspielzeit

Werder teilte auf SZ-Anfrage mit: "Bislang hat bei uns keine Institution Nachfragen zu diesem Spiel gestellt." Der Verein selbst stellte allerdings eine Nachfrage bei der Agentur seines ehemaligen Torhüters Dieter Burdenski, die seit Jahren die Tests der Bremer im Trainingslager organisiert. Burdenski bestätigte dem Klub, dass es sich bei E. um einen offiziellen Schiedsrichter handelte, den der türkische Verband geschickt habe.

2012 hatte sich bei einem Bremer Spiel in Belek ein gesperrter bulgarischer Referee unter Angabe einer falschen Identität auf den Platz geschmuggelt und unter anderem durch eine zehnminütige Nachspielzeit für Aufregung gesorgt. Testspiele gelten als manipulationsanfällig, weil sie meist vor wenigen Zeugen stattfinden, und weil sie trotzdem wie Pflichtspiele auf dem Wettmarkt angeboten werden.

Der SV Werder legt Wert auf die Feststellung, dass er bislang weder beschuldigt noch geschädigt sei. Gleichwohl hat der Klub am Mittwoch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) formell darüber informiert, dass in der Presse Verdachtsmomente im Bezug auf das Zwolle-Spiel geäußert wurden. Das gebiete die Sorgfaltspflicht, heißt es aus Bremen.