Von Birgit Schönau

Daniele De Rossi ist Italiens größtes Mittelfeldtalent. Ein Mann, der den Fußball lebt und liebt. Doch er spielt für den AS Rom - und römische Talente haben es schwerer als andere. Aus unserer Reihe "Frisch geschlüpft".

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Daniele De Rossi: aufbrausend, cholerisch, doch ein Mann, der den Fußball liebt. Foto: Reuters

Okay, Daniele De Rossi ist nicht wirklich frisch geschlüpft. Er hat immerhin schon in einem WM-Finale einen ziemlich entscheidenen Elfmeter gegen Frankreich verwandelt. Aber erstens ist das größte Mittelfeldtalent der Squadra Azzurra erst 24. Und zweitens wirkt De Rossi, den sie bei seinem Klub AS Rom "Capitan Futuro" nennen, manchmal immer noch so, als sei er noch nicht ganz trocken hinter den Ohren.

Als sei trotz seiner Erfahrung auf dem Platz immer noch der angry young man. Etwa, wenn er als Kapitän der zweitplatzierten Roma öffentlich dem Meister Inter gratulieren soll. Da kann De Rossi nicht an sich halten und platzt in Anspielung auf zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen heraus: "Tut mir Leid, das kann ich nicht. Da ist Inter zu sehr nachgeholfen worden."

So ist De Rossi. Die Nummer zwei hinter der Überfigur Francesco Totti - und schon genauso umstritten. Geliebt von den Römern, die diesen kernigen Jungen aus Ostia als einen der ihren mögen. Aufbrausend, cholerisch, aber buono come er pezzo de pane, im Kern gut wie Brot. Einer, der austeilt, aber auch einstecken und sich entschuldigen kann. Einer, der den Fußball lebt und liebt und erleidet wie sein Publikum.

Er lädt eine ganze Mannschaft auf seine Schultern

Und der vor allem gute Füße hat, wie sie hier sagen. Füße, mit denen er dribbelt und drischt, tänzelt und tritt. Füße, die ihn zum größten Mittelfeldtalent Italiens machen. Daniele De Rossi ist als einer der ganz seltenen Spieler im Stande, sich eine ganze Mannschaft auf die kräftigen Schultern laden. Er kann ein Match im Alleingang entscheiden, als Schaltzentrale, als Regisseur, als Motor. Wenn er einen schlechten Tag hat, läuft das Team nicht rund.

Bei seinem ersten international beachteten Auftritt indes, beim WM-Vorrundenspiels Italien-USA am 17. Juni 2006, machte De Rossi erst einmal brutta figura. Eine denkbar schlechte Figur. In Minute 26 hatte er seinem Gegenspieler Brian McBride den Ellbogen derart heftig ins Gesicht geknallt, dass der Amerikaner sofort dramatisch aus der Nase blutete. De Rossi bekam neben einem Platzverweis prompt von der internationalen Sportpresse das Etikett "jugendlicher Intensivtäter" verpasst, da nützte sein Entschuldigungsgestammel gegenüber der Fifa wenig.

Der nächste Vorstadtrowdy

Schon wieder so ein römischer Vorstadtrowdy - nach der Spuckattacke seines leuchtenden Vorbilds Francesco Totti bei der EM 2004. Im selben Jahr, als die "Großen" bereits nach der Vorrunde ausschieden, wurde De Rossi übrigens U 21-Europameister. Genau wie Totti musste De Rossi die Erfahrung machen, dass ein Aussetzer eines Fußballers aus Rom nicht ganz so schnell verziehen wird wie, sagen wir, eines Schweizers.

Das hat mit dem Image des italienischen Fußballs im allgemeinen und des römischen Fußballs im besonderen zu tun. Die rabiate Hooligan-Szene. Die Keilereien der Spieler in der Champions League - besonders berüchtigt wurde eine Rauferei mit den ebenfalls nicht zimperlichen Kollegen von Galatasaray Istanbul. Die Platzsperren im Europa-Cup. Dabei wurde De Rossi in Italien mit einer Geste außerordentlicher Fairness bekannt. Bei einem Ligaspiel gegen Messina im Frühjahr 2005 beförderte der Roma-Spieler den Ball per Hand ins Tor, ging gleich darauf aber zum Schiedsrichter, der das Handspiel nicht gesehen hatte. De Rossi forderte den Spielleiter auf, das Tor zu annullieren.

De Rossi mischt sich ein

Er sagt, was er denkt. Er mischt sich ein. Vor dem WM-Finale 2006 warnte er davor, dass im Falle des Titelgewinns der Manipulationsskandal in Italien unter den Tisch gekehrt werden könnte. Daniele De Rossi hat die Krawalle der rechten Ultras in seiner Heimatstadt wiederholt verurteilt, genau wie Francesco Totti. Sein Auftritt bei der EM könnte ihn jedoch vor einem ähnlichen Schicksal bewahren, wie es Totti erlebt - das Schicksal des hoch begabten, ja genialen Überfliegers in der Fußballprovinz.

Denn Rom ist Fußballprovinz, das musste De Rossi in dieser Saison wieder leidvoll erfahren, als seine Mannschaft wie im Vorjahr in der Champions League gegen Manchester United scheiterte. Er trug daran ebenso große Verantwortung wie für den klaren Sieg gegen Real Madrid - De Rossi verschoss gegen Manchester einen entscheidenden Elfmeter.

Ein Talent vom AS Rom hat es schwerer als eines von Manchester oder Milan. Es spielt nicht nur gegen den Gegner, sondern auch gegen jede Menge Vorurteile. De Rossi könnte allem entfliegen. Wenn er in Form ist und sein Temperament ausbremsen kann.

In unserer Serie "Frisch geschlüpft" stellen wir in den Wochen bis zur Europameisterschaft junge Talente vor, die bei der diesjährigen Euro den Sprung in die Reihe der internationalen Top-Stars schaffen könnten.

(sueddeutsche.de/aum)