Von Jürgen Schmieder

So bunt der Fußball manchmal sein mag, in vielen Momenten kann man ihn auf ein Schwarz-Weiß reduzieren: Gewinnst du, hast du alles richtig gemacht. Verlierst du, hast du alles falsch gemacht.

Ottmar Hitzfeld

Ottmar Hitzfeld: nach dem 2:2 in der Kritik. (Foto: dpa)

Plötzlich war es ganz leise in der Allianz Arena. Nein, nicht die übliche Stille bei Spielen des FC Bayern, es war viel ruhiger, weshalb man sich schon fast Sorgen machen musste, dass die Zuschauer heimgegangen waren. Lukas Podolski schlich vom Platz. Er wurde ausgewechselt. In der 58. Minute. Kein gutes Zeichen. Podolski jedoch lachte und klatschte mit Ottmar Hitzfeld ab. Da verschwand auch die Verblüffung in den Gesichtern der Zuschauer, sie begannen zu klatschen und zu jubeln. Podolski hatte schließlich beide Treffer beim 2:2 gegen die Bolton Wanderers erzielt.

Bei der Herausnahme Podolskis stand es 2:1 für den FC Bayern, der das Spiel nach frühem Rückstand und den beiden Toren von Podolski sicher im Griff hatte. Wohl deshalb leistete sich Ottmar Hitzfeld den Luxus, die vermeintlichen Matchwinner Podolski und Franck Ribéry – er hatte beide Treffer in Ribéryscher Manier vorbereitet – vom Platz zu nehmen und die beiden Tonis – Luca Toni und Toni Kroos – zu bringen.

So bunt der Fußball manchmal sein mag, in vielen Momenten kann man ihn auf ein Schwarz-Weiß reduzieren: Gewinnst du, hast du alles richtig gemacht. Verlierst du, hast du alles falsch gemacht. Und da im Selbstverständnis des FC Bayern ein Unentschieden einer Niederlage gleichkommt, hat irgendjemand alles falsch gemacht. Nur wer?

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So richtig ansprechen wollte es niemand, doch es war klar, wer da Fehler gemacht haben könnte: Trainer Ottmar Hitzfeld. Karlheinz Rummenigge schimpfte nach dem Spiel "Da bringen wir in einem Donnerstag Abend 66.000 Menschen ins Stadion. Die wollen dann auch die beste Mannschaft sehen. Aus." Zu den Auswechslungen sagte er: "Das können Sie den Trainer fragen." Für den - ein gelernter Mathematiklehrer - hatte er noch eine generelle Ansage parat: "Fußball ist nicht Mathematik."

Hätte der FC Bayern aus den vielen Chancen das 3:1 gemacht, hätten wohl alle die Weitsichtigkeit Hitzfelds gelobt. Dass er Lahm und Demichelis nicht in den Kader aufnahm, dass er Zé Roberto 90 Minuten auf der Bank ließ, dass er Luca Toni nur 30 Minuten spielen ließ und nach 60 Minuten Ribéry eine Pause gönnte. Schließlich muss der FC Bayern am Samstag in der Bundesliga beim VfB Stuttgart antreten. So aber endete die Partie nach einem unnötigen Tor nur 2:2. Hitzfeld hat nach den schwarz-weißen Fußballregeln alles falsch gemacht.

Hitzfeld selbst wehrte sich gegen die Kritik. Podolski habe er nach überragender Leistung herausgenommen, "weil er am Samstag wieder spielt". Der Kommentar zur Ribéry-Herausnahme: "Ich glaube nicht, dass Ribéry das 2:2 hätte verhindern können." Unterstützung bekam Hitzfeld von Oliver Kahn. "Das hat nichts mit den Auswechslungen zu tun, sondern mit mangelnder Konzentration."

Kahn warnte aber - die Spiele der kommenden Wochen vor Augen -, die Situation nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: "Das ist ein Phlegma, das sich nun schon seit Wochen durch die Mannschaft zieht. Es ist so, dass man Dinge nicht zu Ende bringt, vor allem nicht auf internationaler Bühne."

Ziemlich schlechte Laune also. Dabei war man schon versucht, ein Loblied auf Lukas Podolski zu schreiben, der sich überlegen sollte, Werbung für den Gartner'schen Hype Cycle zu machen: Zuerst wirst du gehypt, dann wegen einer Krise fertig gemacht, dann folgt die Konsolidierung. Nach überragender WM und Krise hat sich der Stürmer gefangen. Gute Leistung im Pokal gegen Gladbach, eine - nicht nur wegen der beiden Tore - überragende Vorstellung gestern gegen Bolton. Podolski ist in der Konsolidierungsphase. Vor allem fällt auf, dass Podolski nicht wie Podolski spielt. Er scheint gelernt zu haben, wie sich ein Stürmer bewegen muss, um gefährlich zu sein. Von genialen Laufwegen zu sprechen wäre freilich noch zu früh, aber man konnte in vielen Szenen erkennen: Da lernt einer gerade sein Stürmer-Handwerk.

Aufgrund des späten Gegentreffers trat Podolski dann auch nicht als Podolski vor die Mikrofone, sondern als Gangster-Rapper: ausgebeulter schwarzer Pulli, die Kapuze über den Kopf gezogen, die Augen auf den Boden gerichtet. "Zwei Tore sind natürlich schön, aber nur ein erster Schritt. Es ist schon bitter, wenn man dann noch 2:2 spielt." Zu seiner Auswechslung wollte er nichts sagen. Er will ja am Samstag tatsächlich wieder spielen.

(sueddeutsche.de)

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Leserkommentare (25)



10.11.2007 23:00:18

kurikolla:

Nun, nach der 1:3 Niederlage des FCB gegen den VfB darf sich Rummenigge auf die eigene Schulter schlagen und sagen: "Das habe ich geschafft! Zur rechten Zeit die richtige Unruhe in die Mannschaft und die richtige Verunsicherung in den Trainer hineingetragen!" Ottmar Hitzfeld aber sollte sich fragen, ob er sich das antun will, mit solch einem Deppen im Rücken weiter für den FCB zu arbeiten. Im Grunde müsste zwar der Rummenigge geschasst werden; aber damit ist wohl kaum zu rechnen.


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