Von Jörg Marwedel

Verletzungssorgen bei Pierre Womé, Ivan Klasnic, Torsten Frings und Diego: Bei Werder Bremen hat sich eine Medizindebatte entwickelt.

Torsten Frings hat offenbar noch Vertrauen zum Mannschaftsarzt von Werder Bremen, Götz Dimanski. "Die neue Verletzung ist nicht so schlimm wie die alte", sagte der Nationalspieler, nachdem ihm Dimanski am Morgen nach dem Montagstraining die Diagnose gestellt hatte: Das Innenband am rechten Knie sei am Ansatz gerissen. "In fünf, sechs Tagen kann ich schon wieder laufen, so dass ich wenigstens keine konditionellen Rückstände aufbaue", sagte Frings - eine Vermutung, die mit der vermeintlichen Gewissheit des Doktors für physikalische und rehabilitative Medizin zu tun hat. Anders als bei den im Juli und Oktober erlittenen Verletzungen sei die Stabilität des Knies weniger gefährdet. Man müsse es, so Dimanski, nicht unbedingt operieren und ruhig stellen.

"Wir haben keinen guten Doktor hier"

Gleichwohl will Frings die vermutlich sechswöchige Reha nicht in dem von Dimanski geleiteten Werder-Zentrum Sporthep absolvieren. Das könnte auf den ersten Blick zu jener Theorie passen, die der Werder-Profi Pierre Womé im Dezember über den 48-jährigen Mediziner verbreitete: "Wir haben keinen guten Doktor hier", da werde "jeder Spieler dasselbe sagen", äußerte sich der Kameruner. Wegen Leistenbeschwerden hat er in dieser Saison noch kein Spiel absolviert, und er ließ sich auch nach seiner Operation monatelang beim Arzt seines Vertrauens in Paris behandeln. Frings sagt dagegen: "Nein, so ist das nicht gemeint." Er hätte ja schon viele Wochen im klubeigenen Zentrum verbracht. Nun müsse er "einfach was anderes sehen".

Allofs Dimanski Werder Bremen

Sorgen in Bremen: Werder-Manager Klaus Allofs und Mannschaftsarzt Götz Dimanski (rechts). (Foto: dpa)

Die Debatten über Werders Arzt, der ja immerhin schon als Buchautor mit Titeln wie "Die Schulter" und "Das Knie" auftrat und sich selbst als Spezialist für Schambein-Entzündungen ausweist, werden aber wohl weitergehen, auch wenn er selber und Geschäftsführer Klaus Allofs sagen: "Wir sind auch medizinisch Spitze in der Liga." Schon häufiger, so scheint es zumindest, lag er mit seinen Diagnosen im Widerspruch zu anderen Kollegen. Bei Frings’ erster Knie-Verletzung im Juli hatte er einen Kreuzbandriss attestiert, während der Straubinger Kniespezialist Heinz Eichhorn zu dem Ergebnis kam, Innen- und Kreuzband seien zwar geschädigt, aber nicht gerissen - was sich als richtig herausstellte.

Am Mittwoch hat nun neben Womé auch Spielmacher Diego erstmals wieder mit den Kollegen geübt. Er hatte ja sein Fitnessprogramm wegen akuter Leistenbeschwerden mit Werders Einverständnis bis zu dieser Woche in seinem Heimatland absolviert, mit Rozan, dem Fitmacher der brasilianischen Nationalelf. Auch in Brasilien hatten Ärzte bei einer Kernspin-Tomografie auf den ersten Blick eine andere Diagnose gestellt als Dimanski bei seiner Untersuchung im Dezember. "Schambein-Entzündung", so lautete das Stichwort im Land des fünfmaligen Weltmeisters. Diego wurde unter anderem mit Wassergymnastik und Massagen behandelt, wodurch sich die Lage, so der Spieler, gebessert habe. Doch Dimanski sagt: "Auch die Brasilianer haben die Naturgesetze nicht außer Kraft gesetzt." Soll heißen, dass nichts schwieriger ist als die Behandlung von Leistenbeschwerden. Es kann sein, dass Diego bei so einem langfristigen Problem weitere Rückschläge wird hinnehmen müssen, obwohl es psychisch "für ihn womöglich hilfreich war", wie Dimanski glaubt, der Angelegenheit in heimischer Umgebung zu Leibe zu rücken.


» Durch die Berufsgesetze, also etwa die Schweigepflicht, haben besonders die Ärzte im Fußball-Geschäft ein Publikationsproblem. «

Götz Dimanski

Im Journal of sport Medicine wurde erst 2007 erwähnt, gerade bei maladen Leisten komme es besonders auf den "Glauben des Untersuchenden" an - so viele unterschiedliche Möglichkeiten gebe es bei derartigen Qualen. Bei einem amerikanischen Football-Team hatten vor einer Saison 60 Prozent der Spieler ein Schambein-Ödem gehabt, aber die meisten hatten keine Schmerzen. Es sei äußerst schwierig, eine Beckenring-Instabilität, die durch Schüsse, Grätschen oder Stürze ausgelöst werden könne, tatsächlich präzise zu orten. Das könne sichtbar sein oder auch nicht. Eine echte Gerätediagnostik, meint der Werder-Arzt, gebe es in diesem Fall nicht.

Dimanski sagt: "Durch die Berufsgesetze, also etwa die Schweigepflicht, haben besonders die Ärzte im Fußball-Geschäft ein Publikationsproblem." Das führe dazu, dass sie nicht offen auf fehlerhafte Berichte eingehen könnten. Als im November der Direktor der Medizinischen Klinik III am Klinikum Mitte, Arno-Ekkehart Lison, bei Radio Bremen dem Werder-Kollegen vorhielt, er hätte "sich im Grabe umgedreht, wenn mir ein solcher Fehler passiert wäre", war Dimanski sprachlos. Es ging um Ivan Klasnic, bei dem laut Lison schon 2005 "die Niere zu 70 Prozent kaputt gewesen sei". Das hätte Dimanski, "ebenso wie jeder Hausarzt", erkennen können. Die Nieren-Transplantation bei Klasnic hätte laut dieser Ansicht vielleicht verhindert werden können. Dass der Direktor am nächsten Tag offiziell einen Rückzieher machte, hat den Schaden für Dimanski kaum geringer gemacht.

Die Familie hat Dimanski schon oft die Frage gestellt, weshalb er sich das noch antue, diese "rücksichtslose Berichterstattung". Er habe jedoch die Sportmedizin gewählt, weil es ihn gereizt habe, möglichst sichere Diagnosen und schnelle, erfolgreiche Therapien zu entwickeln. Die öffentlichen Folgen hat er dabei nicht bedacht.

(SZ vom 24.01.2008/lsp)

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