Ein Kommentar von Thomas Kistner

Spitzensport ist eine Raubtiernummer, eine darwinistische Unterhaltungsindustrie - hier muss gedopt werden, wenn man mithalten will.

Tour de France

(Foto: dpa)

Der Nächste bitte! Aufregend an der neuen Dopingaffäre ist nur, dass sie sich im Zentrum der Gegenbewegung abspielt: Patrik Sinkewitz fährt für das T-Mobile-Team, das sich ja zum Bannerträger eines sauberen Radsports aufschwang - und stets scheiterte, wenn es an die Umsetzung der neuen Firmenethik ging. Erst wurden die eigenen Dopingärzte mit dem internen Kontrollsystem beauftragt, dann durfte Teamchef Rolf Aldag bleiben, obwohl er als Doper aufflog. Und jetzt Sinkewitz.

Die Konsequenzen aus der chronischen Blauäugigkeit ziehen jetzt auch ARD und ZDF, indem sie ihre Übertragungen beenden. Tröstlich für eingefleischte Radsportfans: Die Spartensender machen weiter. Weshalb das Peloton endlich dort ankommt, wo es hingehört: auf eine Programmschiene mit Schlammcatchen und Monstertrucks.

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Die Demission der Gebührensender und der bevorstehende Rückzug von Sponsoren zeigt einen Grundkonsens: Doping ist untragbar, weil es Betrug am Kunden ist. Ein nüchternes Urteil, es basiert auf wirtschaftlichen Überlegungen: Das Publikum zahlt über Steuern, TV-Gebühren, Produktpreise und Eintrittskarten für eine Leistung, die ergaunert ist. So einfach ist das Ganze. Auch wenn es nicht jedem einleuchtet. Nicht den Hardcore-Fans, die sich an jeder Leistungsbolzerei ergötzen, notfalls bis zum Exitus.

Nicht allen Sportfunktionären und auch nicht einem erstaunlich hohen Anteil der intellektuellen Anhänger des Spitzensports. Die wenden gerne ein, der Sport könne nicht besser sein als die Gesellschaft, in der auch nach Kräften mit Pillen und Fitmachern, Alkohol und Nikotin der eigene Körper manipuliert werde. Ist es nicht Heuchelei, fragen sie, dopende Athleten zu verfolgen, nicht aber Manager, Musiker oder Lkw-Fahrer, die 18 Stunden am Stück runterkurbeln?

 
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Solche sportfeuilletonistischen Einlassungen erhellen nur die vielfältigen Facetten des Dopings. Alle machen es doch! - das ist die letzte Bastion einer Fangemeinde, die sich im Sport gerne gehen lässt, obwohl sie sich bereits von vielen Vorstellungen trennen musste: Etwa von der medizinisch und pädagogisch völlig abstrusen Idee, Chancengleichheit entstünde, indem man Doping freigibt. Nun also: Alle dopen, warum den armen Athleten bestrafen?

Die Antwort gibt soeben der Markt. Weil es um Profisport geht, mithin um den Geldwert von Körperleistungen, die ihren enormen Reiz auf den Konsumenten aus einem Gemisch von großem Talent und harter Trainingsarbeit beziehen. Der Freizeitsportler ist der angemessene Vergleich für Manager, Musiker, Lkw-Fahrer - sie alle dürfen sich zugrunde richten, wie es ihnen gefällt.

Im Profisport ist Doping dagegen ein Systemzwang. Spitzensport ist eine Raubtiernummer, darwinistische Unterhaltungsindustrie - hier muss gedopt werden, wenn man mithalten will, während man sich in anderen Gesellschaftsbereichen selbst dazu entscheiden kann.

(SZ vom 19.07.2007)

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Leserkommentare (40)



19.07.2007 14:32:23

lorenzo_marqes:

Sportler dopen nicht weil sie verachtungswürdige Menschen sind, sondern weil es die einzige stabile Verhaltensweise ist in einem Spiel ist die keinem Teilnehmer einen Vor- oder Nachteil verspricht. Gesundheitsprobleme ausgenommen. Dies ist ein mathematisches Konzept bekannt aus der Spieltheorie die von Jonny von Neumann begründet worden ist. Auch in der Wirtschaft hat dieses Konzept wichtige Anwendungen. Auf den kurzen Nenner gebracht: Wenn unter 2 Teilnehmern die ungefähr gleichwertig sind A dopt und der andere nicht, gewinnt A. Um im Wettbewerb mitzuhalten muss auch B dopen. Dann hat kein Teilnehmer einen unverdienten Vorteil und die Tagesgsform entscheidet. Die ist die einzig stabile Lösung des Problems.


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