Von T. Hahn

Simon Ammann gewinnt das Auftaktspringen. Martin Schmitt hadert mit Platz fünf, lässt aber auf eine erfolgreiche Saison hoffen.

Ein Ausdruck von Enttäuschung huschte über das Gesicht von Martin Schmitt, denn als er im Zielraum des Schattenbergstadions angekommen war, hatte er das Gefühl, eine Chance vertan zu haben.

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Auf dem Weg zur Landung: Martin Schmitt, Fünfter beim Auftakt der Vierschanzentournee, schwebt ins Oberstdorfer Stadion ein. (© Foto: dpa)

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Er war Vierter nach dem ersten Durchgang wegen eines weiten, fehlerlosen Satzes auf 134,5 Meter und daraus durfte er eine Möglichkeit ableiten, ausgerechnet beim Auftaktskispringen der 57.Vierschanzentournee in Oberstdorf seinen ersten Podestplatz in diesem Winter zu erringen.

Aber dann leistete er sich ein paar winzige Makel bei seinem zweiten Versuch, die schon reichten, ihn in Rückstand zu bringen. Er wusste es selbst, traurig blickte er auf die Zahl 129 für seine Weite und eine Punktzahl, welche die nachfolgenden Springer sicherlich noch übertreffen würden.

Wassiljew überrascht

Wenig später segelte der Österreicher Wolfgang Loitzl am gesamten Feld vorbei und an diesem wiederum der Schweizer Weltcup-Führende Simon Ammann, so dass Schmitt sich am Ende hinter Tagessieger Ammann, Loitzl, dem überraschenden Podestbesteiger Dimitri Wassiljew aus Russland und Loitzls Landsmann Gregor Schlierenzauer auf Platz fünf zurückversetzt sah.

Schmitt ärgerte sich leise, was allerdings nichts daran änderte, dass er an der Spitze einer sehr ordentlichen deutschen Mannschaft stand, die in Michael Neumayer (Neunter), Michael Uhrmann (Zehnter) und Stephan Hocke (15.) gleich vier Springer unter die ersten 15 brachte.

Ein solches Ergebnis haben deutsche Skispringer schon lange nicht mehr einbringen können, und damit stand dieser Tournee-Auftakt ganz im Zeichen des gelungenen Neuanfangs, den Bundestrainer Werner Schuster seit seiner Ankunft beim Deutschen Skiverband im Frühjahr lanciert hat.

Es war ein besonders wertvolles Ergebnis, denn es hatte sich ja nicht bei irgendeinem beliebigen Weltcupspringen ereignet, sondern beim vielbeachteten Auftakt der Vierschanzentournee, der auch eine Herausforderung für die Psyche der Heimspringer bedeutete. Die Nerven sind in den vergangenen Jahre oft ein Problem der Deutschen gewesen, gerade wenn sie in der Krise bei der Tournee auf die bessere Plätze schielen mussten. Diesmal wirkten sie sattelfest, konzentriert, selbstbewusst, aber nicht übermotiviert vor lauter Kraft.

Schon bei der Qualifikation am Sonntag legten sie ein Zeugnis für ihre gute Form ab: Acht von 13 deutschen Teilnehmern qualifizierten sich für den Wettkampf der besten 50 - das war solide auf hohem Niveau; zumal die Arrivierten Schmitt, Uhrmann, Neumayer und auch Stephan Hocke, der Team-Olympiasieger von 2002, sich in der Nähe der Besten platzierten.

Allein Hocke schien am Montag die schöne Aussicht ein bisschen aus dem Konzept zu bringen. 124 Meter schaffte er im ersten Durchgang, was ihn nur auf Platz 26 brachte, aber Schuster konnte das erklären. Schlechte Windbedingungen hatten Hocke in Nachteil gebracht, weshalb der Chef dem Team-Olympiasieger von 2002 hoch anrechnete, dass er sich mit einem zweiten Versuch auf 127 Meter noch auf den 15. Platz schleppte. "Fantastischer Wettkampf", jubelte Schuster, Hocke sei "für seinen Kampfgeist belohnt worden".

Österreich im Rückstand

Auch die anderen hielten ihr Niveau, mit kleinen Abstrichen, wie Schuster bemerkte. Michael Uhrmann bestätigte seine 131,5 Meter aus dem ersten Durchgang nicht, sondern sprang 124 Meter, Michael Neumayer ließ seinen 133 Metern noch 125,5 Meter folgen. "Sie hätten sogar ein bisschen mehr machen können", sagte Schuster mit Blick auf die günstigen Winde, die sie unter die Ski bekommen hatten. Aber er verzieh ihnen, und musste dazu nicht einmal besonders großzügig sein. "Es war ein schöner Skisprungabend", fand Werner Schuster.

Nicht für alle, denn seltsam wechselhaft ging es zu am Schattenberg, was vor allem auf Kosten der Österreicher ging. Von einem richtig schlechten Teamergebnis konnten sie nicht sprechen mit Platz zwei für Loitzl, dem Vierten Schlierenzauer und Olympiasieger Thomas Morgenstern auf Rang elf.

Aber erstens erlebte ihr Team-Weltmeister Martin Koch einen klassischen Absturz im zweiten Durchgang (116 Meter) und rauschte zurück auf Platz 23. Zweitens hatten sie sicher nicht im Plan gehabt, dass sich der Außenseiter Wassiljew zwischen Loitzl und Schlierenzauer drängte. Drittens vernahmen sie mit gedämpfter Begeisterung das Tagesresümee Simon Ammanns. "Eine Bombensache" fand Ammann seinen Sieg und feierte "einen überragenden Auftakt" nach leisen Selbstzweifeln vor dem Wettkampf. Den psychologischen Vorteil, trotz durchwachsenem Vorstartzustand gewonnen zu haben, verheißt nichts Gutes für Österreichs hochgewettete Springer, die ihrerseits versuchten, auf dem Rückstand heraus Druck aufzubauen. "Der Simon weiß, dass es sehr, sehr eng ist", sagte Loitzl.

Und Martin Schmitt? Der sah geknickt aus nach seinem fünften Platz, was fast ein bisschen übertrieben wirkte, wenn man bedachte, was für durchwachsene Zeiten er hinter sich hat. Der ehemalige Weltmeister wollte nicht maßlos erscheinen, aber es gibt eben Instinkte in einem Spitzensportler, die man so leicht nicht los wird. Das Ergebnis zeige, "dass ich auf einem hohen Niveau bin", sagte Martin Schmitt, "aber als Sportler ist man ehrgeizig". Er wollte auf dieses verdammte Podest, das war ihm nicht gelungen. "Das tut ein bisschen weh." Aber gerade mit diesem Hadern zeigte der neue Schmitt, dass seine jahrelange Krise in dieser Saison vorüber ist.

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(SZ vom 30.12.2008/cag)