Von Interview: Andreas Burkert

Telekom-Profi Udo Bölts über seine elfte Tour de France und Jan Ullrichs Problem zurückzukehren

(SZ vom 17.07.2002) - Udo Bölts, bald 36, fährt seit 1991 für das Team Telekom und verkörpert dort das Idealbild des Mannschaftsarbeiters. Legendär bleibt, wie er mit dem Satz "Quäl' dich, du Sau" Jan Ullrich antrieb, als dem Kapitän auf dem Weg zum Tour-Sieg '97 die Kräfte ausgingen. Der Pfälzer Bölts, '94 Gesamtneunter, ist - als Ersatz für den verletzten Kasachen Winokurow - zum elften Mal bei der Tour (deutscher Rekord). Telekom hat seinen Vertrag überraschend nicht verlängert - im SZ-Interview spricht er über diese Enttäuschung, über die Faszination und die Probleme seines Sports und über Ullrichs mögliches Comeback.

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Kam als Nachrücker zur Tour und musste gleich zur medizinischen Untersuchung: Udo Bölts (© )

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SZ: Herr Bölts, bei den Deutschen Meisterschaften Ende Juni, also eine Woche vor dem Tour-Start, hat Ihnen Telekom mitgeteilt: dieses Jahr keine Tour-Teilnahme und für nächstes Jahr keinen Vertrag mehr. Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal gewesen?

Bölts: Klar, beides kam ja für mich total unerwartet, und am Abend vor der Meisterschaft habe ich einen Ablaufplan für die Tour gesehen: wann sie wo sind und wann Training sein sollte. Da ist mir klar geworden: Das war's.

SZ: Haben Sie geweint?

Bölts: Nein, das nicht, aber vielleicht war ich kurz davor. Ich war ja schon lange vor den anderen in der Mannschaft. Einige haben zu mir gesagt: ,Du kannst doch jetzt morgen nicht mehr die Deutschen fahren - mach' doch einen auf Knieschmerzen und fahr' nach Hause.' Als ich nach dem Rennen heimfuhr, war das wie ein Abschied. Und dann überlegst du: Was machst du jetzt?

SZ:  Und?

Bölts: Die Tage danach hab' ich mal meine Finanzen geordnet und mal durchgerechnet, wie lange ich ohne Job durchhalten könnte. Ich hab' mir meine Visitenkarten genommen von Leuten, die mir mal dieses und jenes versprochen haben. Aber diese Leute gibt es zum Teil gar nicht mehr, sie haben den Beruf gewechselt oder so. Eine halbe Stunde hab' ich mich hingehockt, und dann war mir klar - es bleibt so gut wie gar nichts übrig. Ich bin danach eineinhalb Stunden Mountainbike gefahren, dabei kann ich entspannen und überlegen. Und dann hab' ich mir gesagt: Du wolltest ja 2003 noch fahren - und das versuche ich nun durchzuziehen. Das Kapitel Telekom ist am 31.12. beendet, und im Januar fängt irgendwo ein neues an. Denn ich möchte mir nicht mein Ende diktieren lassen.

SZ: Trotz der Enttäuschung haben Sie sich bereit erklärt, kurzfristig Winokurows Platz bei der Tour einzunehmen.

Bölts: Ich habe lange überlegt, doch jetzt bin ich froh, da zu sein. Ich muss zurzeit halt trennen zwischen Job und Emotionen, dafür ist das hier einfach zu schwer. Und jetzt haben wir für Erik Zabel das Gelbe Trikot holen können, das macht man dann natürlich gerne. Ich bin doch hunderte von Kilometern für irgendwelche Gelbe Trikots gefahren - da kommt es auf die paar auch nicht an. Und der Erik hatte das ja auch verdient.

SZ: Und was bleibt hinterher bei Ihnen hängen, nach elfmal Tour de France?

Bölts: Leider habe ich den Fehler gemacht, dass ich nicht alles aufgeschrieben und Fotos gemacht habe. Ich könnte ja ein Buch schreiben: ,Elfmal durch die Hölle'. Die Tour ist wirklich ein Abenteuer und für mich der Hauptbestandteil meines Radsportlerlebens. Sie ist brutal schwer, und sie ist eine Showbühne. Das merke ich jeden Morgen bei den französischen Rennfahrern. Die stehen hier mit Gel im Haar, um nur irgendwie in die Zeitung zu kommen. Die wissen: Wenn du hier was reißt, kennt man dich. Dieses Rennen hat eine unglaubliche Macht.

SZ: Sie sind immer Helfer gewesen. Hat Ihnen das nie gestunken?

Bölts: Klar, die Stars verdienen gut, und dahinter klafft ein riesiges Loch. Aber ich hab' mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich will mich nicht beklagen, das ist so. Und die persönliche Anerkennung ist mir mindestens so wichtig wie Geld.

SZ: Ihr Teamkollege Rolf Aldag hat vorige Woche gesagt: Jan Ullrich bräuchte den Kopf von Udo Bölts, dann würde kein anderer ein Rennen gewinnen...

Bölts: Das ist Spielerei. Ich hab' dagegen halt nie den Killerinstinkt von Zabel, Ullrich oder Laurent Jalabert ge-habt. Die Champions haben das einfach drin, wenn die den Teufelslappen sehen, werden die plötzlich zu anderen Menschen, denen ist dann alles andere einfach egal: Tod, Sieg oder nix.

SZ: Zurzeit hat Ullrich andere Sorgen. Könnten Sie ihm helfen?

Bölts: Er hat doch viele Leute an seiner Seite, die ihn beraten, und er weiß auch, was er zu tun hat. Ich bin mir sicher, dass ihm das jetzt sehr weh tut, dass die Tour ohne ihn läuft. Denn eigentlich vermisst ihn hier ja keiner mehr: Lance Armstrong ist nicht ganz so überragend, das macht die Sache offen - keiner fragt mehr nach Jan Ullrich. Das muss ihm den Anreiz geben, zurückzukommen. Dabei kann ihm keiner helfen, in ihm muss das Feuer brennen. Als Radprofi musst du eben etwas bescheuert sein. Ich muss sechs Stunden im Regen trainieren können und danach sagen: Gut gemacht, Junge, die anderen waren heute auf der Couch. Oder mal morgens um sieben losfahren, wenn die anderen um neun aufstehen. Solche Dinger muss ich bringen. Für mich ist das der Weg zum Erfolg.

SZ: Sind alle Radprofis so wie Sie?

Bölts: Ich bin ja Radprofi geworden, weil ich den Kampf mit dem Gegner gut finde. Im Berg etwa, da fährt man in einer Gruppe hoch und merkt: Ha!, der hinter dir hängt auf'm Fliegenfänger. Dann zeig' ich dem: Hey, ich habe noch ein Korn. Und dann tret' ich mal an - und weg isser. Dafür bin ich Radprofi geworden. Da können mir die Leute ruhig sagen: der Spinner, der Masochist. Gut, es gab viele, viele Tage, da bin ich selber in die Luft gegangen. Aber trotzdem sitze ich bei der Tour abends im Hotelzimmer, bin total leer und ausgeblasen, aber ich denke mir: Das sind die anderen auch, war doch geil heute, und morgen ist ein neuer Tag. Du musst als Radprofi auch über die schlechten Tage hinwegkommen.

SZ: Glauben Sie, dass Jan Ullrich das nochmal schafft?

Bölts: Ich bin mir sicher, dass er über diese Amphetamin-Sache hinwegkommt. Die Leute werden ihm verzeihen und das Thema irgendwann ganz weit weggeschoben haben. Aber wenn ein Radfahrer was am Knie hat wie dieses Jahr der Jan, der vielleicht ein zweites Mal operiert werden muss - dann hat er wirklich ein Problem. Denn ein Radfahrer kriegt ganz selten etwas ans Knie. Ich bin kein Doktor, aber ich bin jetzt 14 Jahre Radprofi, und ich weiß, wie damals der Stephen Roche (Tour-Sieger 1987; Anm. d. Red.) mit seinem Knie gekämpft hat, seinen Fahrstil ändern musste und danach nie mehr der Goalgetter gewesen ist, der er vorher war. Und auf dem Leistungsniveau, auf dem der Jan sich bewegt, kann er nicht ein paar Prozent weniger in einem Bein haben. Das ist ein echtes Problem.

SZ: Ist es nicht für einen Radprofi auch eine enorme mentale Herausforderung zurückzukommen?

Bölts: Ich war nie in so einer Lage, aber ich denke, es ist verdammt schwer. Doch er war ja schon öfter mal unten und ist dann wieder hoch gekommen. Das macht ihn ja auch so außergewöhnlich. Deswegen traue ich ihm das von der Psyche her zu.

SZ: Wenn er das nicht schafft - was blüht dann dem deutschen Radsport?

Bölts: Ich hoffe natürlich, dass es weitergeht, dass andere hochkommen. Aber klar ist: Es wird nie einen zweiten Jan Ullrich geben und nie einen zweiten Erik Zabel. Ein Talent in dieser Kategorie gibt es nicht, das ist kein Geheimnis. Andreas Klöden hat irgendwo eine Klasse, er hat ja mal Paris-Nizza gewonnen. Aber das muss er bald einmal bestätigen. Und der Radsport ist ja irgendwie ein Spiegel der Gesellschaft, und in Deutschland zählt eben kein siebter, achter Platz. Man hat das im Tennis gesehen, da können Tommy Haas oder Nicolas Kiefer noch so ordentlich spielen - wenn Boris Becker einen Unfall baut oder Steffi Graf ein Kind bekommt, ist das Sportliche total egal.

SZ: Könnten Sie es nachvollziehen, wenn Telekom sich wegen des Dopingfalls Ullrich zurückziehen würde?

Bölts: Nein, könnte ich nicht. Der Jan hat so viel für Telekom getan, er hat so viel erreicht - ich würde hinter ihm stehen, wenn ich Sponsor wäre.

SZ: Obwohl Sie Dopingsünder stets hart kritisiert haben?

Bölts: Ich glaube nun einmal wirklich, dass er das Zeug nicht genommen hat, um Gegner zu betrügen. Ich weiß nicht, welchen privaten Freundeskreis er hat - aber ich finde eben, es ist nicht der richtige, diese Meinung nehme ich mir raus. Ich glaube, es wäre vielleicht nicht so weit gekommen, wenn er schon eine Familie hätte. Sie ist auch bei mir immer das rettende Ufer gewesen. Ein Leben neben dem Radsport zu haben, das wäre sicher wichtig für ihn.

SZ: Der Fall Ullrich fördert nicht unbedingt das öffentliche Vertrauen in das Fahrerfeld, nicht wahr?

Bölts: Sie müssen nicht denken, dass ich das, was jetzt wieder beim Giro passiert ist, gut heiße. Und wenn die Kollegen, die durch so etwas ihren Arbeitsplatz verlieren, dann auf denjenigen mit dem Finger zeigen, der das verursacht hat - dann ist das vielleicht noch nicht genug. Aber ich bin mir sicher, dass ich hier nicht gegen gedopte Kollegen fahre. Dafür gibt es hier zu viele Kontrollen.

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