Von Gerald Kleffmann

Der ehemalige Profi Stevic wird der neue starke Mann bei 1860 München, Klaus Augenthaler ist als neuer Trainer im Gespräch. Der Klub verpflichtet schon zwei Landsmänner von Stevic.

Die Grünwalder Straße 114, Montag, zehn Uhr morgens: Ein Dutzend Reporter stehen vor dem Trainingsplatz des Fußball-Zweitligisten TSV 1860 München und tippeln wie hungrige Tiere hin und her. Im Zehn-Minuten-Takt trudeln weitere Journalisten ein. Von der Presse, vom Hörfunk, von Online-Büros. Fernsehteams rücken an, eines sogar mit einem Übertragungswagen. Als die Spieler aus der Kabine schreiten, müssen sie sich durchschlängeln. Fans blockieren den Weg, weichen aber murrend zur Seite. Es herrscht eine Aufregung, als würde gleich der Papst zurücktreten. "Ja, zefix, hört das hier nie auf", flüstert Christl, die rührseelige Chefin der Vereinsgaststätte, als sie das Szenario betrachtet.

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Im Jahr 1998 jubelte Miroslav Stevic noch als Spieler des TSV 1860 München. (© Foto: dpa)

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Nein, es hört nie auf. Das Chaos ist bei 1860 zu Hause wie der bayerische Dialekt und die weiß-blaue Vereinsfarbe.

Es ist der Tag nach dem 0:2 gegen den SC Freiburg. Die Münchner Löwen haben zum Rückrundenstart 80 der 90 Spielminuten schlecht gespielt, willen- und konzeptlos, mit der Folge, dass sie neben dem FSV Frankfurt das schlechteste Heimteam der Liga sind und sich im Niemandsland der Tabelle befinden - auf Rang elf, mit der Tendenz nach unten. 2008 war sportlich weitestgehend zum Vergessen, finanziell kämpft der Verein ohnehin ums Überleben. Es hätte viele nachvollziehbare Momente für einen radikalen Schnitt gegeben, aber die Sechziger - allen voran der fürs Sportliche verantwortliche Geschäftsführer Stefan Reuter - spielten auf Zeit. Tenor stets: Alles wird gut! Lasst uns nur machen!

Stevic duldet keine Nebenbuhler

Seit Montag aber wird nicht mehr alles gut, zumindest für Reuter nicht, das einzige Gesicht der Löwen, das wohl auch Menschen in Buxtehude kennen. Reuter wurde im Sportlichen Bereich entmachtet: Miroslav Stevic, 39, ehemals Profi und nun Spielerberater (u.a. von Marko Marin), ist ab sofort Sportdirektor. Der nächste Weltmeister der 1990er Elf ist damit wie andere Kollegen gescheitert bei dem Versuch, nach der Laufbahn zu reüssieren.

Dass Reuter (dessen interne Zukunft der Verein im Unklaren ließ) von sich aus ins zweite Glied rückt und sich etwa nur noch um Sponsoren kümmert, bei denen der Manager dank seines freundlichen Naturells beliebt ist, darf bezweifelt werden. Reuter und Stevic, der von 1994 bis 1999 bei 1860 München aktiv war, sind sich spinnefeind. Vielleicht aber paktiert Reuter auch mit Stevic, um seinen repräsentativen Posten zu behalten

Der gewiefte Serbe bringt eine Investorengruppe mit, die er vor fast einem Jahr zusammengestellt hat, um bei 1860 einzusteigen. Seitdem hat er ständig angeklopft. Doch bisher konnte 1860-Präsident Rainer Beeck Stevic abwehren, mit dem Hinweis, die Investorengruppe sei nicht seriös genug, weil sie mitbestimmen wolle im Tagesgeschäft. Nun scheint die finanzielle Not so groß zu sein, dass Stevic' Leute gar 20 Prozent der Anteile der 1860-KGaA übernehmen, für kolportierte sieben Millionen Euro. 1860 hatte immer betont, nur zehn Prozent abzugeben. Das Blatt hat sich gedreht. Stevic, wohl neuer Sportdirektor, stellt offenbar die Bedingungen - und der TSV muss parieren.

Dem Vernehmen nach soll es nämlich keine anderen Interessenten geben, die mit einer Millionen-Summe einsteigen wollen. Die Zeiten sind eben nicht rosig auf dem Finanzmarkt. Möglicherweise hat Beeck deshalb darauf gedrängt, die Ablehnung gegenüber Stevic zu vergessen, ehe die Lage noch prekärer wird und der Preis der Anteile noch mehr sinkt. Dass nach wie vor Vieles im Unklaren ist, hat mit der eigenwilligen Informationspolitik des TSV zu tun. Angekündigte Pressekonferenzen wurden abgesagt, neu angesetzt, dann wollte Beeck reden, schließlich hieß es, eine schriftliche Erklärung komme; sie kam aber bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht.

Klar ist immerhin: Mit Stevic wird 1860 den durch die Finanznot geborenen Stil, hauptsächlich auf eigene Talente und ehemalige Sechziger zu setzen, verlassen. Bereits am Montagnachmittag verpflichtete der Verein zwei serbische Spieler, die offenbar auf der Wunschliste von Stevic standen: Nikola Gulan, 19, vom AC Florenz und Reservist Antonio Rukavina, 25, von Borussia Dortmund. Unter der Führung Stevics könnte auch Trainer Marco Kurz den Posten verlieren. Als Nachfolger wird Klaus Augenthaler gehandelt.

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(SZ vom 03.02.2009)