Von Moritz Kielbassa

Vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern: Uwe Wolf, der Trainer von 1860 München, muss um seine Festanstellung bangen.

Eigenartig, wie er ist, ließ Uwe Wolf am Sonntagabend zur Tatort-Zeit trainieren, um 20.15 Uhr. Der Coach des TSV 1860 München setzt in der Hinarbeitung auf jedes Zweitliga-Spiel eine Übungseinheit 24 Stunden vor dem Anpfiff an; das soll dem Biorhythmus nutzen. Mit Maßnahmen dieser Art und mit seinem losen Mundwerk traf Wolf anfangs den Nerv vieler Löwen-Fans, als er Ende Februar zum Cheftrainer aufstieg.

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1860-Trainer Uwe Wolf muss um seine Festanstellung bangen. (© Foto: dpa)

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Zwei schneidige Siege zum Einstand - schon galt er als emotionales Gegenmodell zu Vorgänger Marco Kurz, einem eher trockenen Facharbeiter. Doch Euphorie und reißerische Motivationsparolen allein machen aus einer mittelmäßige Fußballelf nicht über Nacht eine sehr gute. Seit vier Spielen ist 1860 sieglos, und so ahnt auch Wolf inzwischen, dass er trotz aller Hingabe - wenn überhaupt - nur noch eine klitzekleine Chance auf die erhoffte Festanstellung besitzt.

An diesem Montag ist der aufstiegswillige 1.FC Kaiserslautern zu Gast in München; 1860 hat sechs Punkte Polster zu Platz 16, Wolf will mit einem Sieg "nach hinten den Sack zumachen". Wehe aber, wenn nicht. Unwidersprochen blieb im Klub zuletzt eine Kicker-Meldung, wonach schon feststehe, dass Wolf spätestens zur neuen Saison weichen muss - bloß gesagt habe es ihm noch keiner (Parallelen zu anderen Vereinen der Stadt sind rein zufällig). Tags darauf interviewte eine Münchner Zeitung den früheren Bundesliga-Trainer Ewald Lienen, von dem es seit Wochen heißt, er befinde sich im Landeanflug auf Giesing.

Lienen, derzeit ohne Anstellung, ließ das Gerücht zwar unkommentiert, doch er erzählte von seinem engen Verhältnis zu 1860-Manager Miroslav Stevic. Seit bei den Löwen im Winter neue Führungskräfte die Regie übernahmen, wirkt die Vereinspolitik gläsern, bestimmte Medien sind auffallend gut informiert über Vorgänge in der Geschäftststelle.

Wolf muss das alles irritieren - ausgerechnet vor seinem Spiel. Der 41-Jährige ist Pfälzer, geboren in Neustadt an der Weinstraße. Als Kind war er Kaiserslautern-Fan, mit 17 begann er eine Lehre im Chemiewerk der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik in Ludwigshafen. Abends spielte er Fußball in Edenkoben, Profi wurde er später in Nürnberg. Seine proletarischen Wurzeln hat Wolf nie geleugnet, im Gegenteil.

Für Montag hat sein Vater Roland, der einst auch bei BASF malochte, einen Bus für 50 Freunde aus der Heimat Haßloch organisiert, die zum Spiel anreisen: "Wer für den FCK schreit, muss mit der Bahn heimfahren", droht Wolf. Markige Sprüche klopfte er zuletzt zuhauf, keine Frage blieb offen: vom Plädoyer für Drecksäcke im Fußball ("die brauchst du") bis zur Geschichte von der Zeugung seines Sohnes. Ruppig, laut, ehrgeizig - so wollte der junge Trainernovize schnell Sympathiepunkte erhaschen. Dabei quatschte er oft übers Ziel hinaus, allzu dick trug er auf.

Ein schmaler Grat

Wolf wandelte daher auf einem schmalen Grat - zwischen gefeiertem Frischwinderzeuger und verhöhntem Heißluftredner. Die neuen Geschäfsführer Manfred Stoffers und Stevic geben derzeit keine Bekenntnisse ab, sie stellen wegen der unbefriedigenden Gesamtlage alles und jeden zur Disposition. Wolfs Beförderung ist ebenso bis Saisonende befristet wie viele auslaufende Spielerverträge. Stevic, hört man, plane einen großen Umbruch, nach dem geplatzten Investoren-Deal könnten Verkäufe aktueller Kaderangehöriger (Bender-Zwillinge?) finanziellen Spielraum schaffen.

Es war zwar albern, als Präsidiumsmitglieder nach den ersten Rückrunden-Siegen bereits die "Handschrift des neuen Managers" feierten. Für 2009/10 jedoch, wenn die Kaderplanung beeinflussbar ist, kann Stoffers fordern: "Stevic hat dafür zu sorgen, dass sich so eine Saison nicht wiederholt." Obwohl Sechzig chronisch geldarm ist, gilt ein vollmundig postuliertes Ziel: Aufstieg 2010!

Einstweilen fällt Stevic durch Distanzierungsrhetorik auf, zuletzt kritisierte er Fitness und Einstellung des Teams, bis auf wenige Ausnahmen (Lauth, Rukavina, Bierofka, Johnson) genüge kaum ein Spieler der oft phlegmatisch agierenden Truppe höheren Ansprüchen. Zwei Dinge immerhin machen Wolf Mut für Montag: Torjäger Benjamin Lauth, sein "absoluter Leader", will trotz gestauchten Sprunggelenks spielen.

Und unter der Woche war Feuer im Training, wie ein Handgemenge zwischen Teamküken Marvin Pourie, 18, und Abwehrgockel Torben Hoffmann, 34, bewies. Zur Taktik gegen Lautern sagt Wolf: "Angriff ist die beste Verteidigung". Dies gilt auch in eigener Sache.

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(SZ vom 20.04.2009)