Trotz des Sieges in Unterzahl gegen St. Pauli mag beim Zweitligisten TSV 1860 München keine rechte Freude aufkommen.
Da standen sie, jubelten, rissen die Hände hoch und ließen sich feiern. Fast hätte man glauben können, der TSV 1860 München habe sich wieder als Aufstiegskandidat ins Spiel gebracht - so sehr freuten sich die Löwen über das 2:1 (1:0) am Sonntag. Dass der Gegner der FC St. Pauli war - bis vor drei Wochen steil auf Kurs Richtung erste Liga -, verstärkte den Endorphinrausch der Münchner. In der nüchternen Analyse betrachtet, bestätigten beide Mannschaften jedoch nur ihre aktuelle Verfassung.
Bild vergrößern
Überragender Münchner: Stefan Aigner (links) erzielte beide Tore seiner Mannschaft gegen St. Paul. (© Foto: Getty)
Anzeige
Die Löwen bleiben das Rätsel der Liga, in sieben Spielen hintereinander haben sie nun stets abwechselnd gewonnen und verloren. St. Pauli wiederum durchlebt ein Tief, wie es eben passieren kann. Die dritte Niederlage in Serie besiegelte der beste Sechziger, Stefan Aigner, mit zwei Toren. Bemerkenswert war, dass die Münchner ab der achten Minute zu zehnt spielten und dennoch in vielen Phasen dominierten; Charilaos Pappas hatte nach einem Foul die rote Karte erhalten.
Der zehnte Saisonsieg wird die allgemeine Stimmungslage bei den Münchnern allerdings nicht nachhaltig aufbessern, zuletzt offenbarte sich tief sitzender Frust. 1860-Trainer Ewald Lienen hatte seine Mannschaft beim Training mit Schweigen abgestraft, die schlechte Leistung beim 1:3 in Paderborn war der Auslöser gewesen, als die Sechziger zum wiederholten Male wie eine träge Kuhherde agiert hatten.
Sportchef Miroslav Stevic sprach gar von einem "Spielerproblem"; er vertritt die Ansicht, dass das Team, das er gebaut hat, besser sei, als es der neunte Platz wiedergibt. Dass die Löwen Druck benötigen, demonstrierten sie gegen St. Pauli - der Sieg war eindeutig einer, der mit Willen erzielt wurde.
Neue Mischung, alte Mängel
Selbst der Ausgleich zu Beginn der zweiten Halbzeit durch Marius Ebbers schockte die Sechziger nicht, deren Kapitän Benjamin Lauth verletzt fehlte. Nach seinem Kopfball zum 1:0 in der 22. Minute schob Aigner aus wenigen Metern auch zum 2:1 ein (57.). Danach hatte St.Pauli noch einen Pfostenschuss, das war's, "uns fehlt vorne die Qualität", resümierte Trainer Holger Stanislawski trocken. Bei den Münchnern sieht es zumindest so aus, als könnten sie die Saison nach vielen verkorksten Partien anständig zu Ende bringen.
Zufrieden ist damit natürlich trotzdem keiner. Die Münchner erleben im Sommer ihr 150. Vereinsjubiläum, überzeugt wurde daher der Aufstieg als Muss-Ziel ausgerufen. Doch bereits zu diesem Zeitpunkt der Saison steht fest, dass selbst im sechsten Jahr nach dem Scheitern des großherrischen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser die Münchner immer noch im Selbstfindungsprozess stecken. Dabei wurde in dieser Spielzeit vieles neu angepackt.
Die einst zerstrittenen Fangruppen vertragen sich, die Machtkämpfe der Funktionäre wurden beigelegt, eine interne Stadionkommission bemüht sich gerade, eine Rückkehr ins alte Stadion an der Grünwalder Straße zu ermöglichen. All das vereint. Anders als in St. Pauli ist die Stimmung bei den Anhängern jedoch nicht losgelöst vom sportlichen Erfolg. Der FC könnte Bezirksliga spielen und würde weiterhin seine Séparées genannten Logen ab 45.000 Euro an den Kiez-Geschäftsmann bringen. Kult ist eben Kult, und 1860 ist 1860.
Zur Orientierung: Während bei St. Pauli das Merchandisinggeschäft mit Umsätzen von sechs, sieben Millionen Euro floriert, lümmeln im Sechziger-Fanshop Gartenzwerge für 39,90 Euro herum. Dass der Klub gegen St. Pauli mit einem Jubiläums-Wendetrikot antrat, das innen mit Bildern früherer Profis beflockt ist, wird im Verein bereits als Marketing-Coup bewertet.
Die radikale Abkehr vom Kurs des früheren Managers Stefan Reuter hat sich rückblickend allerdings nicht ausgezahlt. Statt - wie der Vorgänger - auf den eigenen Nachwuchs und bayerische Lieblinge zu setzen, die man nach München zurückholt (Bierofka, Lauth etc.), schickte der neue Manager Miroslav Stevic etwa die grandiosen Bender-Zwillinge weg und baute ein Team, das vor allem aus unbekannten Spielern aus Ägypten, Griechenland, Serbien oder den USA bestückt wurde. Offiziell heißt es, es sei kein Geld da. In der Summe passt die neue Mischung der Spieler nicht, sie sind nicht bissig genug - und ihre unsteten Leistungen haben Auswirkungen.
Die Zuschauerzahlen in der Arena sinken, selbst gegen die Freibeutertruppe des FC St. Pauli, die jeder bekennende Fußballliebhaber sehen will, kamen nur 27.700 Besucher - und nicht mal jene 32.000, die der DFB nach Randalen von 1860-Fans kürzlich als oberste Zuschauergrenze für dieses Spiel auferlegt hatte. In Internetforen wird die Mannschaft zunehmend beschimpft, und obwohl die Elf in der Tabelle nicht wirklich schlimm dasteht, herrscht eine Stimmung des Trübsals und Klagens.
Dazu passt, dass selbst die Gründung einer Tochterfirma, in die fremdes Darlehensgeld fließen und über die Spielertransfers abgewickelt werden sollen, eher nebulös als transparent und seriös wirkt - und es passt auch, dass 1860 als Mieter in zwei Fällen mit dem Arena-Besitzer FC Bayern vor Gericht streitet und offenbar seinen kostenfreien Rauswurf aus der Arena provozieren will. Der Zinnober, den dieser Verein bisher veranstaltet hat, ist riesig - unterm Strich hat es kaum etwas gebracht.
Als wäre die Entwicklung nicht unerfreulich genug, erteilte 1860 ausgerechnet ein Roter, einer vom FCB, jetzt einen Rat: "Es müsste jemand den Mut haben, zu investieren und den Klub zu übernehmen", äußerte sich Franz Beckenbauer: "Die Löwen warten ja immer auf einen Investor, der Geld gibt und dann möglichst wieder in der Karibik verschwindet." Sein Fazit: "So geht's natürlich nicht." Die Löwen-Seele, sie muss wieder einiges ertragen.
(SZ vom 08.03.2010/segi)
Es bleibt ein Spagat zwischen Finanzierung und sportlicher Verbesserung. Dass die Mannschaft schwer lenkbar ist, haben schon Kurz und Wolf erkennen müssen. Unter Lienen traten Besserungen in der Einstellung einiger Spieler und phasenweise der gesamten Elf ein. Gerüchte gibt es, dass es Spieler (vor allem unter Kurz) gab, die den jungen Talenten die Unterstützung auf dem Spielfeld versagten, weil sie ihre Position gefährdet sahen, vor allem den Stammplatz bei einem tatsächlichen Aufstieg.
Die Machtposition der Mannschaft ist eh schon groß für das Schicksal von Trainern und sportlicher Leitung. Umso größer ist meine Hochachtung vor Lienen und Stevic, die sich gutes Standing erkämpft haben. Rückblickend war auch Ziffzer ein Segen für 1860, weil der den Club der unfähigen und peinlichen Funktionäre entlarvte und so die stabilste Zeit in der jüngsten Vergangenheit einläutete.
Dann noch die kluge Stadionkommission, die "bedauerlicherweise" feststellen wird, das es beim Verbleib in der AA mangels Alternativen bleiben muss. Seit der Einsetzung ist Sille in den Fanlagern und da man die Meinungen ernst nahm, wird es auch ruhig bleiben.
Nun hängt es wirklich nur noch am sportlichen Erfolg, damit es mit 1860 aufwärts geht und dieser Verantwortung müssen sich die Spieler endlich bewusst sein. Die leidensfähigen Fans kommen ohnehin noch erstaunlich zahlreich für manche Gurkenauftritte.
Herr Kleffmann tut ja so, als ob die Löwen mit Reuter schnurstracks auf den Weg in die Bundesliga waren und Reuter ohne Not gefeuert wurde.
Tatsächlich hatte Reuter drei Jahre lang nichts bewirkt. Stevic ist jetzt das erste Jahr da und immerhing ist die Mannschaft besser als im letzten Jahr, auch wenn alle sich noch einen besseren Saisonverlauf gewünscht hätten.
Ich bin durchaus zuversichtlich, dass Stevic im Sommer den Kader noch mal nachjustieren kann und Lienen in seinem zweiten Jahr endlich Konstanz reinbringen kann.
Hätten die "Löwen" in dieser Saison schlicht besser und vor allem konstanter gespielt, stünden sie jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach auf einem Aufstiegsplatz und kein Mensch würde sich neun Spieltage vor Saisonende nach einem Sieg über einen Mitaufstiegskonkurrenten über die Schiedsrichterleistung beschweren. Mag ja sein, dass Herr Gräfe insbesondere für "Sechzig" schlecht gepfiffen haben mag, aber an der miserablen Erfolgsquote in dieser Spielzeit sind die "Löwen" schon selbst Schuld. Mir ist es ohnehin ein Rätsel, wie man an einem Spieltag einen Aufstiegsaspiranten mehr oder weniger an die Wand spielt und am darauffolgenden Spieltag 3:1 gegen den Tabellenletzten verliert. Dass es auch anders geht zeigt derzeit der FC Augsburg. Die spielen konstant gut und erfolgreich. Vermutlich wird der FCA diese Saison sogar erstmals in seiner Geschichte in die Bundesliga aufsteigen. Die "Löwen" hingegen dürfen weiter vom Aufstieg träumen, möglicherweise auch die nächsten Jahre noch. Es sei denn, es kommt einmal ein Trainer unter dem Mannschaft wie Verein endlich wieder zu sich selbst finden, Konzentration auf das Richtige und Wesentliche einkehrt und sich damit auch wieder der Erfolg einstellt. Interessant auch, wie erfolgreich Marco Kurz in Kaiserslautern ist. Aber lassen wir das...
... kommen noch die Schiedsrichter dazu.
Gräfe hat in diesem Spiel (leider mal wieder ausgerechnet er) gezeigt, wie man schon nach wenigen Minuten völlig die Kontrolle über ein Spiel verlieren kann.
Die Krönung, nämlich die rote Karte gegen Pappas, war an sich natürlich richtig. Für so einen Tritt kann man durchaus auch in der 8. Minute blank Rot geben. Spannender ist allerdings die Vorgeschichte: Die ersten fünf Minuten waren durch, gelinde gesagt, sehr harten Körpereinsatz geprägt (St. Pauli ein klein wenig mehr als 1860). Keine größeren Unsportlichkeiten, aber eine Reihe von härteren Tacklings, einige davon sogar einer gelben Karte würdig (offene Sohle von schräg hinten hat sogar einen roten Streifen). Nicht nur ließ Gräfe die stecken, er ließ fast alle Szenen weiterlaufen. Das der roten Karte vorangegangene Foul an Pappas war wohl für ihn der Gipfel der Klopperei. Freilich rechtfertigt das kein Revanchefoul (auch hätte für ein solches das Ziel wohl eher Gräfe sein müssen), aber zu der ganzen Situation hätte es gar nicht kommen dürfen.
Gräfe pfeift 75% der Spiele unauffällig - nicht gut, höchstens durchschnittlich. Die restlichen 25% aber sind beinahe wettbewerbsverzerrend und eines Bundesligaschiedsrichters nicht würdig. Fehler machen alle, aber es sind immer die gleichen Drei, Vier, die konsequent und konstant Spiele verpfeifen.
Aber der DFB weiß ja, dass wir kein Schiedsrichterproblem haben - warum sollte man ihnen auch noch mit technischen Mitteln helfen...