In einem rasanten Spiel bezwingt der 1. FC Köln den Aufsteiger aus Hoffenheim mit 3:1. Der höchste Sieg des Spieltags gelingt allerdings den Gladbachern.
Eine "Extremsituation" hatte Christoph Daum am Freitag für seine Mannschaft ausgerufen, und damit hatte er ausnahmsweise nicht übertrieben. Der 1. FC Köln, anerkannter Zweitliga-Gigant und mittlerweile bereits im zweiten Jahr verzweifelt zum Aufstieg entschlossen, sah sich am Sonntag beim Treffen mit der TSG Hoffenheim durch die Vorgaben der Konkurrenz einem Endspiel um das Saisonziel ausgesetzt. Entsprechend war die Stimmung unter den 50.000 Zuschauern in Müngersdorf, die nach dem 3:1-Sieg der Hausherren samt viertelstündiger Ehrenrunde und donnernden Alaaf-Gesängen so beseelt davonzogen, als hätten sie tatsächlich in einem von mindestens 151 Ländern übertragenen Finale triumphiert.
Der Kölner Thomas Broich (l.) küsst den 2:1-Torschützen Roda Antar (© Foto: dpa)
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In Wahrheit ist es zwar nur eine gewonnene Etappe im Kampf um die beiden Plätze hinter Borussia Mönchengladbach, aber immerhin eine Königsetappe, was die Kölner in die Lage versetzt, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. In einer Woche im Heimspiel gegen Mainz können sie womöglich den entscheidenden Sprung im Klassement machen. "Spitzenstimmung, Spitzenleistung, Spitzenergebnis", resümierte Daum später ergriffen, vergaß aber zu sagen: Spitzenspiel. Denn diese hitzige Begegnung wurde von beiden Parteien auf einem Niveau und mit einem Temperament geführt, dass es zum Reklamemuster für den deutschen Ligafußball taugte.
Daum hatte sich bei der Einstimmung auf die Partie nicht damit aufgehalten, über die spielerische Klasse des Gegners zu philosophieren, er wusste wohl, dass er damit in Köln nur Angst erzeugen würde. Stattdessen schwor der FC-Trainer seine Mannschaft und die ganze Stadt auf einen existentiellen Notstand ein, der eine Art Überlebenskampf erforderte. Die Aufstellung sei einerlei, nur die Einstellung sei wichtig, postulierte er. Die Spieler sollten "für den FC ihr Herz in die Füße nehmen", verlangte er und versprach, er werde selbst "jeden einzelnen vom Feld tragen, der sich voll ausgepowert hat". Sein Appell an die Leidenschaft erreichte sogar die Kranken und Lahmen: Angreifer Novakovic, vor ein paar Tagen noch mit geschientem Knöchel, tauchte unbefohlen auf dem Trainingsplatz auf, und auch Mittelfeldspieler Broich meldete sich zur Arbeit zurück, obwohl er erst am Dienstag mit lustigem Hut auf dem Kopf und Gitarrentasche das Krankenhaus verlassen hatte, in das er wegen eines maladen Lungenflügels mit Blaulicht gebracht worden war.
Beide waren am Sonntag dabei und ließen sich wie ihre Kollegen von der Ansprache ihres Trainers und der tiefen Sehnsucht des rheinischen Publikums mitreißen - zunächst allerdings nur eine Viertelstunde lang. In diesen 15 Minuten nach dem Anpfiff spielte der ewig rätselhafte FC wie eine Erstligaelf im fortgeschrittenen Stadium: in rasendem Tempo, mit wildem, aber effektivem Einsatz, und zwei Angreifern, die sich resolut in die eigentlich bestens organisierte Hoffenheimer Deckung bohrten. Aus ihrer Zusammenarbeit resultierte auch das 1:0: Kopfüber warf sich Novakovic in die Flanke seines Partners Patrick Helmes, die anschließende Feier seines 19. Saisontores geriet zur Massenekstase.
Bald aber verflüchtigte sich der Kölner Rausch und die fußballerische Logik begann das Spiel zu beherrschen. In dieser Wirklichkeit übernahm Hoffenheim das Geschehen, die nun gar nicht mehr forschen Kölner Meter für Meter zurückdrängend. Außer einigen Turbulenzen im Strafraum konnten die TSG jedoch nichts bewirken, erst ein prekärer Fehlpass von Broich entblätterte die Kölner Deckung so gründlich, dass Mohamed zum Elfmeterfoul an Hoffenheims Carlos Eduardo verleitet wurde. Salihovic besorgte das 1:1, und zur Pause hätte vermutlich kaum ein Besucher geglaubt, dass die Hoffenheimer mit ihrem reifen, durchdachten und trotzdem explosiven Spiel noch verlieren würden.
Aber die Kölner verblüfften selbst ihre glühendsten Anhänger. Die üblichen Fehler im System des FC blieben aus, stattdessen erreichten selbst die wackligsten Mitglieder dieser bisher immer unfertig wirkenden Elf die höchsten Höhen ihres Könnens, Männer wie Matip, Suazo oder der Neuling Pezzoni drangen in bisher unbekannte Zonen vor. Hoffenheims Selbstbewusstsein und Sicherheit bröckelte, zunehmend entsetzt versuchte Ralf Rangnick sein Team zu dirigieren, weil er erkannte, wie sich die Mannschaft vom Kölner Wirbeln überwältigen ließ - vergeblich. Der überragende Helmes, der so viel rannte, als wollte er die EM zu Fuß erreichen, traf zunächst noch die Latte (54.), dann schoss Antar auf Zuspiel des offenbar wundergeheilten Novakovic das 2:1 (66.) und Verteidiger Mohamad legte gleich das 3:1 nach (69.). "Durchbruch oder Aufbruch, wie auch immer", konstatierte Daum, "heute hat ein Team gewonnen, das von einer Vision erfüllt war." Schwer zu sagen ist bloß, ob sich dieser unnatürliche Zustand aufrechterhalten lässt.
(SZ vom 5.5.08)
Bundespräsident Gauck