Von Thomas Hummel

Nach dem scheinbar auf ewig verlängerten Sommermärchen geht die DFB-Elf plötzlich gegen Tschechien unter. Doch richtig sauer ist nur der Torwart.

Der letzte Griff von Timo Hildebrand passte. Ein paar gekonnte Schritte zur Seite, dann packte er zu und hielt das Zielobjekt sicher in den Händen. Er lief damit nach vorne, durch alle Feldspieler hindurch, doch niemand wollte dem Torwart nach seinem vielleicht ersten Erfolgserlebnis an diesem Abend aufhalten. Vielleicht lag es daran, dass Timo Hildebrand nicht einmal nach dem Schlusspfiff den Ball in seine Hände bekam, sondern nur seine im Tor deponierte Trinkflasche, und er den Inhalt zuerst in den Mund spritzte und von dort in hohem Bogen auf den Rasen prustete. Allein Bundestorwarttrainer Andreas Köpke stellte sich in den Weg und tätschelte ihm aufmunternd die Wange. Doch Hildebrand schien das auf dem Gang in die Kabine gar nicht zu bemerken.

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Eine einmalige Chance? Da darf Timo Hildebrand einmal im deutschen Tor stehen, und dann kann er fast keinen Ball halten. (© Foto: Reuters)

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Dieser Abend in München sollte eigentlich der Abend des Torwarts aus Valencia werden. Weil Kollege Jens Lehmann in Irland die zweite gelbe Karte gesehen hatte, durfte Ersatzmann Hildebrand gegen die Tschechen ins Tor. "Ich wollte mich heute auszeichnen", sagte er danach, "aber ich hatte keine Chance dazu." In seinem siebten Länderspiel wollte er beweisen, dass er mindestens die klare Nummer zwei ist, doch dann flog der Ball viermal auf sein Gehäuse, nur einmal brachte er die Finger dazwischen, dreimal rauschte er an ihm vorbei ins Netz. Er gestikulierte wild, er schrie, er sprang aufgeregt durch den Strafraum - doch seine Vorderleute waren an diesem Abend einfach nicht aufzurütteln.

Denn die Vorgänge in der Gruppe D der Qualifikation wollten es so, dass die Partie gegen Tschechien nicht wie von vielen prophezeit eine entscheidende Schlacht auf dem Weg zur Europameisterschaft war. Nach dem 0:0 am Wochenende in Irland hatten sich die Deutschen so früh wie noch nie für eine EM qualifiziert, in München ging es gegen die Tschechen nur noch um den Gruppensieg. Ein zu vernachlässigendes Ziel. Was offenbar auch die deutschen Spieler so sahen. Sie verloren 0:3, es war die erste Pflichtspielniederlage für Bundestrainer Joachim Löw, es war die höchste Pleite in 72 EM-Qualifikationsspielen - es war ein völlig unerwarteter Tiefschlag für eine Mannschaft, der zuvor monatelang alles gelungen war.

"Man hat sich schon gefragt, wo eigentlich die Grenzen dieser Mannschaft liegen", erinnerte sich Verteidiger Christoph Metzelder, "ich denke, heute haben wir sie gesehen." Bezeichnend war dabei die Szene nach etwa 100 Sekunden. Bastian Schweinsteiger vertändelte den Ball am eigenen Strafraum, doch statt selbst energisch nachzusetzen, wartete er auf Hilfe. Nur von wem? Dem lange verletzten Torsten Frings fehlten ebenso Energie wie geistige Frische, in der Mitte hielten Metzelder und Mertesacker still in der (vergeblichen) Hoffnung auf den Abseitspfiff. Und so stand Timo Hildebrand alleine gegen zwei tschechische Stürmer, Libor Sionko durfte den Ball ins leere Tor schieben.

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