1. FC Nürnberg Lücke auf dem Glatteis

Gute Chancen, kein Tor: Lucas Hufnagel sitzt nach der Nürnberger Niederlage ungläubig auf dem Rasen des Max-Morlock-Stadions.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Im neuen 3-4-3-System verliert der 1. FC Nürnberg gegen den FC St. Pauli - die zu Saisonbeginn aufkeimende Begeisterung flaut schon wieder ab.

Von Florian Bindl

Allzu gerne hätte Michael Köllner, 47, der Trainer des 1. FC Nürnberg, seinem Kumpel Olaf Janßen einen Streich gespielt. Janßen, 50, derzeit tätig beim FC St. Pauli, und Köllner hatten vor 13 Jahren gemeinsam den Fußballlehrerschein gemacht, lernten sich in dieser Zeit schätzen und sind seitdem befreundet. Nun begab es sich, dass Nürnbergs Trainer just vor der Partie am Montagabend gegen die Hamburger ein neues System einstudiert hatte, eines mit Dreierkette und offensiven Außenverteidigern. Köllner spricht von einem 3-4-3. Entgegen seiner Ankündigung, gegen St. Pauli auf das altbewährte 4-1-4-1 zu setzen, überraschte er Janßen und bot in Ewerton, Eduard Löwen und Georg Margreitter drei Innenverteidiger auf.

"Wir haben uns beim Gegentor richtig dumm angestellt."

Das Problem war nur, dass Köllners Glatteis eher seine eigene Mannschaft ins Straucheln brachte. Der Club verlor 0:1. Richtig wohl schienen sich die Nürnberger in dem neuen System nämlich nicht zu fühlen. Bei eigenem Ballbesitz klaffte zwischen Verteidigung und der Mittelfeldzentrale eine enorme Lücke. Nach der Balleroberung eröffnete sich den Gästen regelmäßig gefährlich viel Raum - zum Glück für die Nürnberger fehlte St. Pauli mit Christopher Buchtmann ein wichtiger Kreativkopf. Mit ungenauen Abspielen machte Janßens Elf gute Kontermöglichkeiten regelmäßig zunichte.

Über weite Strecken der Partie war FCN-Schlussmann Thorsten Kirschbaum daher beschäftigungslos - beim Gegentreffer war er allerdings machtlos: Ein Abstoß seines Pendants auf der Gegenseite, Robin Himmelmann, landete genau in besagter Lücke in der Nürnberger Formation, Köllners Mittelfeld war zu weit aufgerückt, es fehlte ein Sechser. Abwehrchef Margreitter eilte deshalb nach vorne, ging unorthodox ins Kopfballduell und legte Torschütze Waldemar Sobota den Ball unfreiwillig in den Lauf. Das Zustandekommen des Siegtores für St. Pauli glich einer Beweisführung dafür, dass Köllners neue Grundordnung noch in den Kinderschuhen steckt. Es fehlt an Balance und Routine. "Wir haben uns beim Gegentor richtig dumm angestellt", ärgerte sich Nürnbergs Trainer, "wir waren heute einmal unaufmerksam, und das hat der Gegner eiskalt bestraft. Für die Mannschaft tut es mir endlos leid."

Es wäre allerdings falsch, die zweite Saisonniederlage für Köllners Team ausschließlich auf diese taktischen Mängel zurückzuführen. "Wir haben einen hohen Aufwand betrieben, haben das Spiel kontrolliert", sagt Köllner mit Recht. An kämpferischem Einsatz hatte es seinem Team beileibe nicht gemangelt, der 1. FC Nürnberg war giftig in den Zweikämpfen, spielte ein aggressives Pressing. Nur der Ball wollte und sollte nicht ins Tor. Himmelmann und vor allem die Querlatte (drei Mal) standen im Weg. Nürnbergs Kapitän Hanno Behrens sprach von einem "glücklichen Sieg" für den FC St. Pauli, der "uns sehr weh tut". Köllner berief sich auf eine alte Weisheit: "Fußball ist ein Ergebnissport. Wenn du deine Tore nicht machst, kannst du nicht gewinnen." Selbst Kollege Janßen musste eingestehen: "Pro Jahr gibt es zwei Spiele, die gewinnst du einfach und weißt nicht wieso."

Nicht nur die Punkte waren aus Sicht der Nürnberger weg - darüber hinaus lässt das Verletzungspech sie weiterhin nicht los. Nach den schweren Verletzungen von Sebastian Kerk (Achillessehnenriss) und Adam Zrelak (Mittelfußbruch) bangt der Club jetzt um den nächsten Offensivmann, Kevin Möhwald. Der 24-Jährige musste nach einer halben Stunde ausgewechselt werden. Es sei möglich, dass ein Muskel beschädigt ist, erklärte Köllner am Dienstag . Vielleicht sei es aber nur eine Blockade.

Immerhin deutete der vom VfB Stuttgart geliehene Debütant Tobias Werner, 32, an, dass er sich weder zu schade noch zu alt für die zweite Liga fühlt. Er ackerte unermüdlich auf der linken Offensivbahn. "Ich bin noch da und habe die Fähigkeiten, um in dieser Liga zu spielen", ließ er wissen. Mit ihm hat Köllner eine passable Alternative mehr im Angriff. Die ist umso wichtiger, sollte Möhwald länger fehlen. Am Endergebnis gegen St. Pauli konnte Werner aber nichts mehr ändern. "Sehr ärgerlich" fand auch er die Niederlage.

Denn der 1. FC Nürnberg verpasste damit den Sprung auf Rang zwei, verbleibt mit sieben Punkten im Tabellenmittelfeld - und die zu Saisonbeginn aufkeimende Begeisterung ist nach nun zwei Niederlagen hintereinander schon wieder abgeflaut. Bis zum nächsten Spiel hat Köllner nicht viel Zeit: Am Samstag gastiert der Club in Duisburg. Es bleiben fünf Nächte, um einen neuen Plan auszuhecken.