1. FC Nürnberg Besuch vom Riesen

Endlich getroffen: Nürnbergs Trainer Michael Köllner gratuliert Adam Zrelak zu seinem ersten Treffer im Club-Trikot.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

"Wir hoffen, dass wir die Saison mit unserem großen Traum abschließen können": Nach dem 1:1 in Ingolstadt steht der Club noch auf einem direkten Aufstiegsplatz, aber der Vorsprung auf Kiel schmilzt.

Von Johannes Kirchmeier

Die Spieler klatschten noch mal, bevor sie sich in die Kabine verabschiedeten, gingen die paar Schritte hin zum Zuschauerblock, wo die ganze Tribüne jubelte: "Nürnberg, Nürnberg, Nürnberg." Das konnte zur Verabschiedung ja eigentlich nur heißen, dass der FCN gewonnen hatte. Doch der Schein trog, es war erst kurz nach 13 Uhr. Da war das Spitzenspiel der zweiten Liga beim FC Ingolstadt noch gar nicht angepfiffen.

Die Hochstimmung beim, ja, Auswärtsspiel verriet aber schon einiges. Der 1. FCN reist wieder mit der Selbstverständlichkeit von einst durch Bayern. Er kommt zwar nicht mehr als Rekordmeister und auch nicht mehr als der zweitstärkste bayerische Verein nach dem FC Bayern zu den Gegnern. Aber er ist schon wieder wer, zumindest im Freistaat ein fränkischer Riese, das sollte sich am Sonntag zeigen, als der zahlenmäßig kleinere Anhang, gespickt mit Exil-Clubberern aus Ober- und Niederbayern, lauter schrie als die Emporkömmlinge des FCI. Eine Choreografie mit den historischen Sportstätten des FCN unterstrich die Clubberer-Zufriedenheit, die in die Rückkehr in die Bundesliga münden soll. Dabei erweckte den Riesen vor einem Jahr in Trainer Michael Köllner ausgerechnet ein Altbayer, aber die Herkunft haben sie ihm vermutlich schon verziehen.

Der FCI war am Sonntag dann die bessere Mannschaft, der FCN allerdings die cleverere. Nach dem 1:1 (0:0) ist der Club weiter Zweiter, mit nur noch zwei Zählern Vorsprung auf Relegationsplatz-Inhaber Kiel, aber neun Punkte vor dem Siebten Ingolstadt, was Köllner als "Riesenqualität" seiner Mannschaft feierte, und nur noch zwei Punkte hinter Düsseldorf. "Wir hoffen, dass wir die Saison mit unserem großen Traum abschließen können." Köllner lächelte, er spricht inzwischen ja vom "Aufstieg" als Ziel. Die Aussage nun dürfte heißen: Es darf auch gerne der Titel her.

Auf dem Feld hätte sein Team früh führen müssen. Erst hielt in der ersten Minute FCI-Torwart Örjan Nyland mit Glück gegen Georg Margreitter, dann drosch FCI-Verteidiger Christian Träsch den Nachschuss durch Ewerton weg. Anders als die Stimmung beruhigte sich das Spiel jedoch. Ingolstadt ließ in der ersten Halbzeit keine Strafraumszene mehr zu - und kam selbst zur Chance: Der frühere Nürnberger Stefan Kutschke drosch per Dropkick aufs Tor von Fabian Bredlow, der patschte die Kugel noch weg (15.).

Nach der Pause zogen die Teams das Tempo an. Besonders der nach Heidenheims Marc Schnatterer zweitbeste Zweitliga-Scorer Sonny Kittel sorgte für einige gefährliche Szenen. In der 50. Minute trieb er den Ball an den Strafraum, verlor ihn zwar, doch weil sich zwei Nürnberger gegenseitig umrannten, kullerte das Spielgerät zu Robert Leipertz. Der stand wieder mal da, wo er als Stürmer stehen muss, und traf aus elf Metern - sein viertes Tor in den vergangenen fünf Spielen, in denen er stets in der Startelf stand und der FCI nie verlor.

Es begann die Phase, ab der sich der "Man in Black" an der Seitenlinie mehr einmischte. Von unten nach oben sah er so aus: schwarze Schuhe, schwarze Hose, ein schwarzer Gürtel hielt diese um den Läuferkörper, schwarzes Hemd, schwarzer Brillenrahmen, schwarze Bart- und Haupthaare, dem Alter geschuldet mit grauen Fleckchen drin. Dazu natürlich stilecht: ein schwarzes Ziffernblatt auf der silbernen Uhr. Es handelte sich um Köllner. Der wirbelte, schrie, tüftelte, polterte gegen Kutschke und dirigierte. Und legte sich mit dem Schiedsrichter an, Frank Willenborg ermahnte ihn, ließ ihn aber an der Bank. "Meine Mannschaft braucht einen Trainer, der das auch mal von außen regelt", sagte Köllner später deutlich beruhigt.

Er musste noch mal zittern. Denn Kutschke lief kurz nach der Führung alleine auf Bredlow zu, schoss aber den Torwart an. "Wenn Bredlow den nicht hält, wäre es vorbei gewesen", sagte der Coach. Doch die Qualität seiner Mannschaft ist in dieser Saison anders als die der Ingolstädter, aus engen Spielen fast immer die maximal mögliche Punktzahl mitzunehmen.

Köllner wechselte Adam Zrelak ein, der nach einem Freistoß ebenfalls am rechten Fleck im Strafraum stand. Im Getümmel sprang ihm der Ball vor die Füße und der Stürmer mit dem Irokesen-Schnitt machte das, was man von ihm noch nicht kannte: Er vollstreckte zum 1:1 (74.), zu seinem ersten Tor für den Club. Zuvor hatte er lange mit Verletzungen zu kämpfen, nun zerstörte er die Aufstiegsträume der Ingolstädter.

Die sind nun sieben Punkte hinter den drittplatzierten Kielern. In vier Spielen dürfte es nahezu unmöglich sein, den Rückstand aufzuholen. Trainer Stefan Leitl fand trotzdem: "Ich denke, dass kein Zuschauer heute mit einem hängenden Kopf nach Hause geht." Sein Team hat in dieser Saison keine Partie gegen die Top drei verloren, allerdings zu viele Punkte gegen kampfstarke Kleine liegen gelassen. Am Sonntag trifft Ingolstadt auf Düsseldorf. "Wir drücken dem FCI die Daumen", sagte Köllner. Er hat ja noch einen Traum.