Er hat die siebte Etappe der Tour de France 2005 geprägt wie kein anderer, aber mit der Entscheidung dann doch nichts zu tun: Fabian Wegmann glänzte am Freitag mit einer Solo-Flucht über 115 Kilometer, wurde aber vor dem Finale wieder eingefangen.

Tagessieger wurde der Australier Robbie McEwen, schon am Mittwoch als Erster im Ziel. Die Tour bleibt französisch, aber wenn sie zwischendurch mal über den Rhein rüber kommt, geben sich die Deutschen alle Mühe, Radsportbegeisterung zu entfachen - wenn auch nicht die erwartete halbe Million Zuschauer die Strecke nach Karlruhe säumte. Die Tour war schon öfter Deutsch, Etappenziele waren Freiburg (1964, 1971,1977, 2000), Wiesbaden (1980), Berlin (1987), 1987 Stuttgart und Pforzheim, Koblenz 1992 sowie 2002 Saarbrücken. Am Freitag Nachmittag kehrte die Frankreich-Rundfahrt für die mit 228,5 Kilometer drittlängste Etappe 2005 zurück: Vom Elsässer Roppenheim bei Iffezheim über die Grenze ins badische Wintersdorf, weiter über Rastatt - Neumalsch - Ettlingen bis zum Ziel, die letzten 40 Kilometer auf deutschem Boden. Die Tour war schon öfter ein kurzes Stück deutsch, und es waren schon 16 deutsche Etappensieger zu verzeichnen, von Kurt Stöpel (1932) bis Jan Ullrich (2003), sie gewannen von Nantes bis Cap Decouverte - aber noch nie siegte ein Deutscher in Deutschland.

Wegmann

Fast hätte es zum Tagessieg für Fabian Wegmann gereicht. (© Foto: rtr)

Anzeige

Wieder kein deutscher Sieg

Umso mehr haben es einige der 16 diesmal beteiligten Deutschen bei der neuesten Auflage probiert, gleich in der ersten Ausreißergruppe Michael Rich von Team Gerolsteiner, bald wieder gestellt vom Feld. Der Freiburger fuhr auf die Heimat zu, jeder Profi, dem diese extra emotionale Situation vergönnt ist, versucht sie auszunützen, wie es tags zuvor Christophe Mengin vergönnt war: Als erster an der eigenen Haustür vorbei. Leider hat er dieses Hochgefühl am Ende des Tages teuer bezahlt mit dem Sturz eingangs der Zielgeraden, auf die er noch als Führender einbog, auf diesem Rechtsknick aber abgeflogen ins Absperrgitter.

Gestern quälte er sich dem Peloton hinterher, dem in der anderen Richtung davonflog Fabian Wegmann, 25, Mannschaftskollege von Michael Rich, wie dieser auf dem Weg nach Hause (in Münster geboren, aber wohnhaft in Freiburg), und außerdem haben die Männer vom Mineralbrunnen ein spezielles gemeinsames Ziel, an dem Tags zuvor sich der Sprinter Robert Förster schon versucht hatte und um sieben Sekunden sowie den Herren Bernucci und Winokurow scheiterte: Im dritten Jahr, da Gerolsteiner bei der Tour mitmachen darf, endlich den ersten Etappensieg zu holen.

Bei Kilometer 39,5 fuhren fünf Mann vom Feld weg: Juan Antonio Flecha (Fassa Bortolo, Alberto Contador (Liberty Seguros), Fred Rodriguez (Davidamon-Lotto), Ronny Scholz und Sylvain Chavanel (Cofidis). Sieben Kilometer weiter schlossen der Australier Robbie McEwen (DVL) und Wegmann (GST) auf. Wenig später zogen diese beiden an, worauf ihnen die Initiatoren die Gefolgschaft verweigerten. Nur noch Wegmann und Mc Ewen vorn, und nach 60 Kilometer befand der Australier, der vor allem an Punkten für das Grüne Trikot interessiert ist, dass es für ihn als Sprinter der Weg nach Karlsruhe noch ziemlich weit sei, und ließ sich zurückfallen: Fabian Wegmann ganz allein. Hinter ihm schien das Bestreben, ihn zu kassieren, nicht sehr ausgeprägt, so kam er zu einem richtig komfortablen Vorsprung. Als er am Col du Hantz eintraf - erster Berg der dritten Kategorie auf der diesjährigen Tour, dreieinhalb Kilometer mit durchschnittlich fünf Prozent Steigung -, hatte er sich einerseits für den Samstag das gepunktete Trikot des besten Kletterers gesichert, außerdem wurde er von Radio Tour "virtuell im Gelben Trikot" gemeldet: Losgefahren in Lunéville mit 3:46 Minuten Rückstand auf den Gesamtführenden Armstrong, nun 7:45 voraus - momentan war der Deutsche Spitzenreiter.

Wegmann wurde an der Grenze gefeiert

Nach einem Drittel des Tagespensums setzte sich im Feld offenbar die Meinung durch, nun sei es genug der Solovorstellung weit voraus, vor allem Davidamon und Crédit Agricole wurden aktiv, um später ihre Sprinter Robbie McEwen und Thor Hushovd in Szene setzen zu können. Als die Verfolger zusammen halfen, schmolz flott Fabian Wegmanns Polster: von acht Minuten zur Halbzeit war 60 Kilometer später die Hälfte weg, und die virtuelle Führung im Gesamtklassement auch.

Immerhin kam er mit zweieinhalb Minuten Vorsprung über die Grenze, ließ sich von den Landsleuten als Heimkehrer feiern. 115 Kilometer weit hatte ihn seine Flucht gebracht, dann war er gestellt, geschluckt vom Feld. Wieder gewann kein Deutscher in Deutschland.

Leser empfehlen 

(SZ vom 8.7.2005)