Mein Deutschland Was ist nur in Deutschland los?

Die Deutschen gewinnen olympisches Silber in Vancouver und Lena ist die Gewinnerin des Eurovision Song Contest in Oslo.

Eine Kolumne von Andrey Kobyakov

"Was ist mit den Deutschen passiert?", fragte mich neulich ein Bekannter aus Russland. "Wo kommen plötzlich in diesem von Fußball bekloppten Land echte Eishockeyspieler her?" Eine Woche später folgte die nächste Frage: "Was ist denn in Deutschland los? Eure Lena bei war toll!". Dank Heraklit gibt es für solche Fälle immer eine kurze Antwort vorrätig: "Alles fließt!".

Mit ihrem Lied "Satellite" sang sich Lena Meyer-Landrut auf den ersten Platz.

(Foto: getty)

Natürlich gab es auch viel früher in Deutschland echte Eishockeyspieler. Schon bei der Weltmeisterschaft 1930 gewann das deutsche Team Silber, während die Russen erst seit 1946 nationale Meisterschaften kennen. Das Problem besteht wahrscheinlich darin, dass der Ball größer als die Scheibe ist - und damit einfach besser zu sehen und somit fernsehtauglicher ist als der Puck. Die Regeln des Fußballs sind zudem einfacher zu verstehen als die des Eishockeys. Nicht zuletzt trifft die globale Klimaerwärmung Westeuropa stärker als Russland.

Umso überraschender, dass das deutsche Team sich bei der Weltmeisterschaft 2010 seine Eisgefechte bei vollen Tribünen lieferte. Zwar gewannen die Sportler keine Medaillen, die Leistungen, die diese Mannschaft zeigte, verdienen es aber durchaus gerühmt zu werden. Außerdem spielten die deutschen Eishockey-Ritter, im Unterschied zu einigen Favoriten, nicht mit gekünstelter Arroganz und überflüssigen Ambitionen, sondern mit gesundem Eifer, echter Liebe zum Sport und, ganz wichtig, mit Respekt und Verantwortungsgefühl vor ihren Landsleuten. Sie unterschieden sich damit sehr von allen anderen Mannschaften.

Ebenfalls bemerkenswert: Ein paar Monate vor dem Hockey-Turnier feierten die Deutschen olympisches Silber in Vancouver und eine Woche nach der Weltmeisterschaft den Grand Prix beim Eurovision Song Contest in Oslo. Der triumphale Auftritt eines "deutschen Mädchens mit russischem Namen" (so beschrieben Journalisten in Russland Lena Meyer-Landrut) war so überraschend wie erwartet.

Die erste Reaktion von, zugegebenermaßen sarkastischen russischen Bloggern erklärt den deutschen Sieg am besten: "Berufsschule, forever!" Die Netzgemeinde verstand darunter nicht nur das Alter, die auffallende Natürlichkeit und das Lied (nicht Song!) der Siegerin, sondern auch ihr Outfit. Einfaltsloses schwarzes Kleid, schwarze Strumpfhose und krasses Party-Make-up: Lena ähnelte einer Karaoke-Sängerin bei einer Teenager-Geselligkeit. Aber gerade all das unterschied sie von anderen klischierten Teilnehmern, die mit ihren "Standard-Shows" kaum glänzen konnten. Sie war irgendwie einmalig und kunstlos schön. Und die schwarz-rot-goldene Fahne auf ihren Schultern passte perfekt. Sie hielt das Cape in den Deutschland-Farben mit Liebe und Stolz. Das ist übrigens die beste Antwort auf die Frage: "Was ist mit den Deutschen passiert?"

An dieser Stelle schreiben Auslandskorrespondenten über Deutschland. Andrey Kobyakov arbeitet in der russischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn.