Mein Deutschland Nur wer gewarnt ist, kann sich auch schützen

Laut Umfrage hält jeder zweite Deutsche eine Terrorwarnung für unnötig.

Eine Kolumne von Andrey Kobyakov

Die Deutschen meckern gerne über Polizei und Geheimdienste. Wenn vor Terrorgefahr gewarnt wird, rufen viele "Panikmache". Wenn bei der Polizei gespart wird, warnen sie, dass die Beamten ihre Aufgaben nicht mehr erledigen könnten. Wenn diese ihren Job tun, empfinden sie das als Einmischung in ihre Privatsphäre. Die Mauler sollten sich mal in Russland umsehen. Den Russen, die nach Deutschland kommen, fällt neben den sauberen Städten und gepflegten Autos auch immer auf, wie wenige Polizisten auf den Straßen zu sehen sind. Trotzdem fühlt man sich hier weitaus sicherer als in meiner Heimat, wo örtliche Ordnungshüter zahlenmäßig nur mit den herrenlosen Hunden und Katzen konkurrieren können. In Russland gilt die Formel: Je mehr Polizisten, umso höher die Sicherheit. Offiziell zumindest, weil korrupte und schlecht ausgebildete Polizisten dazu führen, dass man sich nie wirklich entspannt fühlen kann. Weder haben die Ordnungshüter die Verbrecher im Griff noch sich selbst. Auch das allmächtige Duo Putin/Medwedew hat trotz allen Versprechen die hohe Kriminalität nicht effektiv bekämpft.

Polizisten gehen in Köln auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Dom Streife. Aus Sorge vor einem Terroranschlag sind in ganz Deutschland die Sicherheitsvorkehrungen mit sichtbarer Polizeipräsenz verschärft worden. Auch auf Flughäfen und Bahnhöfen sowie an den Grenzen gibt es strengere Kontrollen.

(Foto: dpa)

Die Russen setzen daher auf persönliche Vorsicht, Wachsamkeit und ihr angeborenes Misstrauen. Tragisch ist, dass Behörden intransparent arbeiten, und die Beamten obrigkeitshörig sind: Russische Bürger werden bisher nicht wirklich vor ernsthaften Gefahren gewarnt. Auch deshalb haben Terroristen mit ihren grausamen Anschlägen ein verhältnismäßig leichtes Spiel. Denn nur wer gewarnt ist, kann sich auch schützen. Dass Deutschland seit Jahren keinen Terroranschlag erlebt hat, ist definitiv Geheimdiensten, Polizei und auch Bürgern mit Zivilcourage zu verdanken. Kritik und Vorwürfe gegen die Bundesregierung und den Innenminister scheinen eine Konsequenz dieser glücklichen deutschen Erfahrung zu sein. Das ist ein echtes Paradox. Die Deutschen fühlen sich geschützt, weil sie ihren Polizisten und Geheimdienstlern vertrauen. Aber wenn ihre Schutzengel sie offen über die Gefahren informieren und um Hilfe bitten, verlieren sie das Vertrauen. Der Terror aber wird nicht verschwinden, nur weil Menschen den Begriff nicht hören wollen.

Alle haben in ihren Rechnern Anti-Virenprogramme. Und alle sind daran gewöhnt, dass diese Computerpolizisten Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Sie verlangsamen den Rechner, sie schicken Alarmsignale, sie wollen regelmäßig aktualisiert werden. Ungeduldige Nutzer deaktivieren gerne die lästige Software. Wozu das führen kann, weißt jeder Schüler. Fast jeder zweite Deutsche hält, so eine Umfrage, die Terrorwarnungen für unnötig. Vielleicht sollten die Sorglosen an Virenschutz denken. Ansonsten könnten sie zu einer gefährlichen Schwäche im gut gebauten Sicherheitssystem der Bundesrepublik werden.

An dieser Stelle schreiben Auslandskorrespondenten über Deutschland. Andrey Kobyakov arbeitet in der russischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn.