Eine Kolumne von Celal Özcan

EU-Bürger und Aussiedler: Sie sind alle besser integriert als die Türken, heißt es - nach den Ursachen fragt die Studie aber nicht.

Selbst die Türken in Deutschland sind verblüfft über eine Studie, die besagt, sie seien die am schlechtesten integrierte Migrantengruppe. Keiner von ihnen will es wahrhaben. Ihre "gefühlte" Integration ist viel stärker. Hatte ihnen nicht schon in den neunziger Jahren der damalige türkische Staatspräsident Süleyman Demirel nach einer Besichtigung des BMW-Werks in München zugerufen: "Die Hände, die in der Türkei den Pflug führten, haben sich in die moderne Technologie integriert." Man war stolz, das zu hören. Bis dahin hatte kein deutscher Politiker sie jemals so gelobt.

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Echte oder "gefühlte" Integration? (© Foto: dpa)

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Und jetzt? Erinnert sich noch jemand daran, dass bei der Fußball-WM die Türken mit der deutschen Fahne in der Hand jubelten? "Für immer fremd" und: "Die Türken verweigern sich eisern der Integration" lauten die Schlagzeilen. Stimmen denn die Ergebnisse der neuen Studie? Wer Türken fragt, bekommt oft die Antwort: Solange man hier als Fremder angesehen wird, kann man sich schwer integrieren. Einmal fremd, immer fremd?

Ein türkischstämmiger Auszubildender reagiert empört: "Das kann nicht sein. Die Türken bei BMW sind gut integriert, sie sprechen Deutsch, sind Vertrauensleute und Betriebsräte." Das ist die eine Seite - die andere schildert der Müllmann. Er klagt, dass qualifizierte Türken unter Niveau arbeiten müssen. Er hat in der Türkei die Universität absolviert, hier arbeitet er als Müllmann. Er ist nicht der Einzige, den ich kenne.

EU-Bürger und Aussiedler: Sie sind alle besser integriert als die Türken, heißt es - nach den Ursachen fragt die Studie aber nicht. Ein Spanier, der seit drei Monaten in München ansässig ist, darf über die Kommunalpolitik mitbestimmen, ein hier geborener Türke, Serbe oder Kroate nicht. Die Aussiedler bekommen kostenlose Deutschkurse am Goethe-Institut, die Türken müssen selber schauen, wie sie Deutsch lernen. Ein Italiener oder Spanier fühlt sich als Europäer, ein Türke wird hier immer wieder daran erinnert, dass sein Herkunftsland nicht zum europäischen Kulturkreis gehört und damit auch nicht zu Europa und zur EU.

"Unser Land soll auch im Jahr 2020 von Kirchtürmen und nicht von Minaretten geprägt sein", verkündete Stoiber im Bierzelt und bekam tosenden Applaus.

Schande für die Türken - aber auch für Deutschland

All dies darf bei den Türken nicht zu dem Reflex führen, sich zurückzuziehen. Sie dürfen nicht resignieren, sondern müssen ihren Platz in dieser Gesellschaft behaupten und dieses Land als ihr eigenes betrachten. Dass 30 Prozent der Türkischstämmigen keinen Schulabschluss haben, ist eine Schande für die Türken - aber auch für Deutschland. Die Türken müssen sich bei der Bildung ihrer Kinder stärker anstrengen, aber auch Deutschland muss mehr tun.

Die Studie stellt Deutschland und den hier lebenden Türken ein Zeugnis aus. Sie hat auf beiden Seiten Verwunderung und Empörung ausgelöst - und das kann durchaus Positives bewirken. Sie kann dazu führen, dass sich beide Seiten auf ihre Pflichten und Aufgaben neu besinnen. Der Naturwissenschaftler Jerome Wiesner sagte, die materiellen Ressourcen, die nicht genutzt werden, sind nicht verloren; ungenutzte menschliche Ressourcen dagegen sind für immer verloren.

Vier Auslandskorrespondenten schreiben an dieser Stelle jeden Samstag über Deutschland. Celal Özcan arbeitet für die türkische Zeitung Hürriyet. Özcan stammt aus Tokat in der türkischen Schwarzmeerregion. Er hat in München studiert und zunächst als freier Journalist für Zeitungen und Hörfunk gearbeitet. Seit 1998 leitet er das Münchner Büro von Hürriyet, einer der drei auflagenstärksten Zeitungen der Türkei. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bände der zweisprachigen Reihe bei dtv: "Hoş Geldin - Herzlich willkommen. Die Türkei in kleinen Geschichten"; "Türkçe Okuma Kitabi - Erste türkische Lesestücke" und "Türk Atasözleri - Türkische Sprichwörter".

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