Mein Deutschland Eingebürgert, endlich!

Menahem Pressler ist nun ganz offiziell auch ein "deutscher Schatz".

Eine Kolumne von Kate Connolly

Eine Seite des Originalmanuskripts der Diabelli-Variationen von Ludwig van Beethoven (1770 - 1827), aufgenommen am 17.12.2009 im Beethoven-Haus in Bonn.

(Foto: ddp)

Zum ersten Mal traf ich Menahem Pressler 2008, als der gebürtige Magdeburger im Amsterdamer Concertgebouw ein Konzert gab. Der berühmte Pianist ist einer der optimistischsten, jugendlichsten und energetischsten Menschen, die ich jemals getroffen habe - trotz seiner 88 Jahre und der vielen Mühen, denen er in seinem Leben unterworfen ist. Junge Pianisten würden sein Arbeitspensum als Strafe empfinden. So erzählte er mir, er habe keine Zeit, wie seine Freunde Golf zu spielen. Stattdessen rennt er auf den Flughäfen dieser Welt von einem Gate zum anderen, damit er von einer Stadt zur nächsten jetten kann. Die Musik sei sein Lebenselixier, sagte er mir, sie habe ihm den Mut und die Stärke gegeben weiterzumachen, nachdem seine Familie 1939 aus Deutschland über Italien und Israel in die USA floh. Am ehesten drücke Beethovens Sonate Nr. 31 (op.110) sein Lebensgefühl aus. Sie vereine Hedonismus, Idealismus, Reue und Triumph.

Daher war ich sehr erfreut, als ich kürzlich in Berlin an einer Einbürgerungszeremonie für ihn teilnehmen konnte. Lange hatte Pressler darauf gehofft. Dieser Sohn eines jüdischen Magdeburger Herrenausstatters ist in allem, was er sagt, tut und denkt, was er gerne isst und wie er sich und sein Leben durch die Musik Bachs und Beethovens repräsentiert fühlt, ein Deutscher. Möglich gemacht hat die schon längst überfällige Geste des deutschen Staates allerdings nur die Hartnäckigkeit von Daniel Hope. Der britische Violinist, den Pressler für sein Beaux Art Trio 2002 rekrutierte, kämpfte sich zwei Jahre durch die deutsche Bürokratie - nur um seinem Freund und Mentor dessen innigsten Wunsch zu erfüllen.

Der Pianist Artur Schnabel wies nach dem Krieg jede Einladung, in Deutschland zu spielen, zurück. Warum solle er ein Land besuchen, das ihn nur einlade, weil es den Krieg verloren habe, meinte er. Arthur Rubinstein and Isaac Stern taten es ihm gleich. Menahem Pressler dagegen tritt seit 1956 regelmäßig in Deutschland auf. Seine Frau Sara konnte dies nur akzeptieren, weil er seine Gagen aus Deutschland grundsätzlich israelischen Wohlfahrtseinrichtungen spendet. Es ist also aufs höchste angebracht, dass dieser "Deutsche im Herzen" endlich auch einer auf dem Papier wurde.

Pressler ist übrigens auch ein Deutscher aus einer längst vergangenen Zeit, mit erfrischend altmodischem Deutsch und einem Benehmen wie ein Gentleman. Ein amerikanischer Kritiker nannte ihn einmal einen "nationalen Schatz" der USA. Wegen seiner vergebenden Haltung Deutschland gegenüber ist er nun ganz offiziell auch ein "deutscher Schatz".

Kate Connolly berichtet für den britischen Guardian aus Berlin.