Von Kate Connolly

Einer meiner Kollegen schrieb in seinem Kommentar: Warum noch immer an Sobibor erinnern? Es gibt so viel Leid in der heutigen Welt. Er hat unrecht.

Letzte Woche stand ich im Morgengrauen vor dem Münchner Landgericht und wartete auf den Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen KZ-Wächter John Demjanjuk. Zwei- bis dreihundert von uns hatten sich im Bereich mit dem missglückten Namen "Demjanjuk-Sammelzone" eingefunden.

Der Brief der Mutter des Nebenklägers Rudolf Salomon Cortissos ; dpa

Dieser Brief der Mutter von Nebenkläger Rudolf Salomon Cortissos wurde auf dem Weg ins Konzentrationslager mit Bleistift geschrieben und fand über Umwege den Weg zu seinem untergetauchten Adressaten. (© Foto: dpa)

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Man ließ uns zwei Stunden in der Kälte stehen, bevor wir uns in ziemlich würdeloser und zudem gefährlicher Manier in die Lobby des Gerichtsgebäudes quetschten. Zumindest aber entstand so ein Gefühl des Zusammenhaltes, und es gab Anlass für eine Menge schwarzen Humor und angeregte Gespräche.

Die Erinnerungen der Betroffenen lösten schon vor den Türen des Sitzungssaals Beklemmung aus. Die Direktorin einer Londoner Schule war gekommen, um ihre Cousine Julia zu vertreten. Wie Tausende andere holländische Juden waren Julias Mutter, deren Ehemann und Sohn nach Sobibor im besetzten Polen geschickt worden. Julia war damals ein Baby, und man hatte sie bei einer Freundin untergebracht. Ihre ganze Familie wurde ermordet, nur Julia überlebte den Krieg. "Ihre Geschichte hat mich mein ganzes Leben verfolgt", sagte die Schulleiterin.

Ein Brief als einziges Vermächtnis

Ein anderer Nebenkläger, ein 78-jähriger Holländer, war vor einer Gestapo-Razzia in Amsterdam gerettet worden. Seine geistesgegenwärtigen Eltern hatten ihm geraten, den gelben Stern abzureißen und mit dem Schäferhund spazieren zu gehen. Er fand Unterschlupf bei einer befreundeten Familie. Während einer der Verhandlungspausen schluchzte ein anderer Holländer, als er den Brief seiner 31 Jahre alten Mutter vorlas, den diese aus dem Zug nach Sobibor geworfen hatte.

Darin versuchte sie mit herzergreifenden Worten, ihre Familie zu trösten und sich zugleich von ihr zu verabschieden. Sie war, wie ihr Sohn erzählte, festgenommen worden, als sie Asthma-Medikamente kaufen wollte. Der Brief war das einzige Vermächtnis, das ihm blieb, abgesehen von dem Korken einer Parfümflasche, auf dem er damals als Baby beim Zahnen kaute.

Das eigentliche Ziel des Prozesses

Ein heute erfolgreicher Krebsmediziner aus San Diego beschrieb seine Erinnerungen an den Tag, an dem er floh, während seine Familie verhaftet wurde: "Es regnete, und eine Dame versteckte mich unter ihrem Cape." Ein pensionierter Journalist, der während der Besatzung von einer reichen holländischen Familie versteckt worden war, erzählte, wie schockiert er bei seinem Besuch von Sobibor vor vier Jahren gewesen sei . "Der Ort ist nicht einmal auf einer Karte eingezeichnet."

Einer meiner Kollegen schrieb in seinem Kommentar: Warum noch immer an Sobibor erinnern? Es gibt so viel Leid in der heutigen Welt. Er hat unrecht. Viele Zeugen konnten ihre Geschichte erstmals öffentlich erzählen. Das Bekenntnis war für sie das eigentliche Ziel des Prozesses, weniger die Frage, ob Demjanjuk verurteilt werden wird. Wer weiß, ob es überhaupt so weit kommen wird. Doch zumindest hat dieser Prozess schon heute eines erreicht: Den Opfern eine Stimme zu geben.

An dieser Stelle schreiben jeden Samstag Auslandskorrespondenten über Deutschland. Kate Connolly berichtet für den britischen Guardian aus Berlin.

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(SZ vom 12.12.2009/pfau)