Mein Deutschland Die Briten freuen sich über jede noch so kleine Verbesserung

Teure Tickets und überfüllte Waggons - das sind die Erfahrungen vieler Briten.

Eine Kolumne von Kate Connolly

Ich war erfreut und überrascht, diese Woche zu lesen, dass in Großbritannien so viele Menschen Zug fahren wie nie zuvor seit den zwanziger Jahren. Um die 1,3 Milliarden Bahnreisen jährlich zählt ein neuer Bericht, obwohl die Bahn auf der Insel einen miserablen Ruf hat, weil Tickets teuer sind und man meistens in vollen Waggons stehen muss. Dass dennoch immer mehr Menschen mit der Bahn reisen, liegt wohl eher daran, dass Autos teuer und klimaschädlich und die Straßen überfüllt sind. Die Bahn ist da nur das kleinere von zwei Übeln. Übrigens sind laut dem zitierten Bericht Zugreisende zufriedener geworden, was aber angesichts von zwei Jahrzehnten Privatisierung kaum überrascht. Die Briten sind an ein so geringes Niveau an Service und Sicherheit gewöhnt, dass sie jede noch so kleine Verbesserung schon als großen Fortschritt empfinden.

Präsentation des ICE 3 am 19. Oktober 2010 in London. Ein Fahrgast geht im Bahnhof St. Pancras International in London mit einem Koffer auf einem Bahnsteig an einem ICE 3 entlang.

(Foto: dpa)

Als ich von dem Zugunglück in Sachsen-Anhalt hörte, war das wie ein Stoß in die Magengrube. Hordorf, Emsland, Eschede - die Orte erinnern mich an Unfälle nach der Privatisierung im Königreich, an Southfield, Ladbroke Grove, Hatfield, Potters Bar. Fast immer hatte es an Sicherheit gemangelt. Für ein Urteil über das Unglück bei Magdeburg ist es zu früh, doch die Frage drängt sich auf, wie ein solch tödlicher Fehler möglich war und warum zwei Züge auf einem Gleis so dicht fahren durften. Es ist auch zu früh, um einen Zusammenhang mit Privatisierung zu vermuten. Doch Passagiere fragen zu Recht, ob man öffentlichen Transport privat managen sollte.

Für viele Briten ist die Antwort ein klares Nein, sie haben so viele schlechte Erfahrungen mit einer privaten Bahn gemacht. Deshalb lohnt es, einen Blick über den Kanal zu werfen. Die Bahngesellschaften dort haben fast zwanzig Jahre gebraucht, um die Züge wieder halbwegs funktionsfähig zu machen, nachdem Margaret Thatcher Anfang der neunziger Jahre unbekümmert einen Privatisierungzug auf die Gleise gesetzt hatte, der in seiner Wucht nicht mehr zu stoppen war. Wer einmal in einem der dunklen britischen Bahnhöfe war und mit einem der speckigen Züge gefahren ist, weiß, wovon ich rede. Umgekehrt sollten Briten sich für die Deutsche Bahn interessieren, nicht zuletzt, weil London und Frankfurt demnächst per ICE verbunden sein werden und weil die Deutsche Bahn jene Gesellschaft besitzt, welche die Queen per Zug durch ihr Königreich fährt. Ansonsten kann ich jenen, die Englands Bahn nicht nur negativ erleben wollen, einen Besuch in der Champagner Bar des Londoner Bahnhofs St. Pancras sehr empfehlen.

An dieser Stelle schreiben Auslandskorrespondenten über Deutschland. Kate Connolly berichtet für den britischen Guardian aus Berlin.